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Der Täter könnte ja unter ihnen sein: Die Polizei versucht, die Übersicht zu gewinnen.

TV-Kritik

Tatort aus München: Eine Stadt im Ausnahmezustand 

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Ein beeindruckender München-Tatort über einen jungen Attentäter und eine Stadt im Ausnahmezustand.

  • Der neue Tatort aus München heißt „Unklare Lage“
  • Der Tatort zeigt eine Stadt im Ausnahmezustand
  • Die Kommissare Ivo Batic und Franz Leitmayr sind erst tatkräftig, dann erschöpft

Allerlei Erklärungen versuchte vor zwei Wochen der jüngste Köln-Tatort „Kein Mitleid, keine Gnade“ dafür zu geben, warum die jungen Leute, die er zeigte, so verkorkst waren: Minderwertigkeitskomplexe, Eifersucht, Angst, als Fußballer für schwul gehalten zu werden ... also lieber schnell selbst mobben als gemobbt werden. Der neue München-Tatort „Unklare Lage“ – der Titel sagt, wie es ist – mit ebenfalls jungen Tätern endet mit einem Satz der Polizeidirektorin, gespielt von Corinna Kirchhoff: „Wir müssen rausfinden, warum sie’s gemacht haben.“

Aber da läuft schon der Abspann – und alle Fragen bleiben offen. Nicht nur deswegen, aber doch auch deswegen ist der Münchner Tatort der weitaus bessere Film: Er lässt, wie das echte Leben, Leerstellen, die größte davon in der Mitte, bei Tat und Täter. Ein junger Mann erschießt in einem ganz normalen Linienbus einen Kontrolleur, dann beginnt seine Flucht und sehen ihn Polizei wie Fernsehzuschauer fast nur noch auf unscharfen Aufnahmen von Überwachungskameras oder auf den Bildern in seinem Kinderzimmer.

Tatort: Pia Strietmann findet starke, unbehagliche Bilder

Eine ganze Stadt muss im Buch von Holger Joos, in der Regie Pia Strietmanns mit einer unklaren Lage umgehen, vielleicht nur einem Einzeltäter, vielleicht mehreren Terroristen. Die Menschen, die im Bus waren, verhalten sich ruhig, geben der Polizei Auskunft. Aber schon bald wuchern in den sozialen Medien die Gerüchte, hat einer da, eine dort was aufgeschnappt und schickt es ungefiltert in die Öffentlichkeit. Wie selbstverständlich gehen viele davon aus, dass „die Polizei“ etwas verschweigt. Die verhängt einen Lockdown, schließt alle U-Bahn-Stationen, stoppt die Busse und Straßenbahnen.

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Aber junge Männer mit Kapuzenpulli und Rucksack, die gibt es in München halt zu Hunderten. Und einiges spricht dafür, dass der Täter, der den Kontrolleur erschossen hat, nicht allein unterwegs war.

„Tatort: Unklare Lage“, ARD, Sonntag, 26.1.2020, 20.15 Uhr

Pia Strietmann findet starke, unbehagliche Bilder. Buspassagiere, die mit erhobenen Händen herauskommen müssen – der Täter könnte ja noch unter ihnen sein. Schulklassen, die unter den Bänken kauern – die Polizei glaubt, dass ein Amoklauf geplant sein könnte. Nervöse Streifenpolizisten, die Menschen in einem Einkaufszentrum grob zu Boden stoßen, weil dort angeblich jemand geschossen hat. Die sogenannten Unbeteiligten sind hier plötzlich alles andere als das. Nicht wenige filmen und gaffen. Aber es gibt auch die still Geschockten.

Tatort: Batic und Leitmayr als Rädchen im Polizeiapparat

Zwei Rädchen im Polizeiapparat sind diesmal Ivo Batic und Franz Leitmayr. Miroslav Nemec und Udo Wachtveitl zeigen die weiß gewordenen Kommissare erst zielgerichtet, tatkräftig, dann müde, dann erschöpft. Im Chaos einer Gebäudedurchsuchung wird Batic vom SEK überwältigt, Leitmayr muss versichern, dass er ein Kollege ist. Dann hocken die beiden im Flur auf dem Boden. „Wir könnten jetzt einmal so sitzen bleiben“, sagt Franz Leitmayr – sie lachen leise. Ein großartiger, menschlicher Moment. Und nicht der einzige.

Mit beeindruckender Sparsamkeit wie Intensität zeichnet die Regie und zeichnen die Schauspieler Isabella Bartdorff und Martin Lindow die Eltern des jungen Täters: Zwei Menschen, die erstmal nicht verstehen, wie ihnen geschieht. Und warum ihnen etwas aufgefallen sein soll an einem Jungen, der doch nur die Schule geschmissen hat. Der doch nur schlecht drauf war. Der, so ein Freund, „alles mögliche gesagt hat in letzter Zeit“ – aber sicher nicht zu seinen Eltern. Und tatsächlich braucht es auch die Tatort-Zuschauerin nicht zu wissen, und ist dennoch keine Unbeteiligte.

Von Sylvia Staude

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