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Anna Brüggemann, l., als Weitermacherin Melanie, hier mit Caroline Hanke.

TV-Kritik „Tatort: Kaputt“

„Tatort: Kaputt“: Leider nur allerlei vertraute Elemente mit mäßigem Überraschungseffekt

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Der Köln-Tatort hätte einige spannende Elemente zu bieten, aber die Macher setzen nur auf Routine. 

Ähnlich wie Opernfreunde und Beamte des LKA gehören die Leiter von Polizeiwachen zu einer Gruppe, die sich sonntagabends am laufenden Band missverstanden fühlen kann. Sie machen im Großen und Ganzen bloß ihren Job, und als Opernfreund verdient man nicht einmal Geld, im Gegenteil.

Aber zur Sache, diesmal einem Mord an einem Streifenpolizisten. Die Wache wird von Götz Schubert geleitet, und das ist nun schon einmal hochverdächtig, und Götz Schubert ist auch gleich genau so, wie man es von ihm erwartet. Erklärt den Kripokollegen Schenk und Ballauf, Klaus J. Behrendt und Dietmar Bär, dass Streifenpolizisten nicht bequem am Schreibtisch sitzen, sondern „da“ draußen sind und so weiter. Behandelt den Lebensgefährten des Toten, als wäre er nicht vorhanden, allerdings ist das Max Simonischek, so dass er nicht zu übersehen ist (und die Frankfurter erst denkt: Wie kommt denn jetzt Peer Gynt hierher). 

Die kompakte Intensität der Anna Brüggemann

Auch der Lebensgefährte arbeitet auf der Wache. Man spricht hier, also: die Kollegen sprechen von den „Schwuletten“, und während es einem eiskalt den Rücken herunterläuft, erklärt die Streife-Partnerin des Toten: Schwule Polizisten, das sei so schlimm wie schwule Fußballer. Sie sagt das, als wisse das doch jeder und mit der eingekapselten, kompakten Intensität, die die Schauspielerin Anna Brüggemann mitbringt.

Die Polizistin war bei dem Einsatz dabei, jetzt geht es ihr nicht gut (ein Euphemismus), aber sie will weiterarbeiten. Den Stempel wolle sie nicht, sagt sie dem Psychologen: „Das ist die, die’s überlebt hat, die’s leider überlebt hat.“ Der Psychologe erklärt der Kripo: „Die Jungs spielen die harten Burschen und die Frauen versuchen sich da einzureihen“, und selbst wenn das bloß Kintopp ist, ist es fürchterlich.

„Tatort: Kaputt“, Pfingstmontag, 20.15 Uhr, ARD

Es ist allerdings auch das Interessanteste, was der WDR-Tatort „Kaputt“ aus Köln bietet, und es wird beglaubigt durch die Spielenden, nicht so sehr durch die Handlung, die nun allerlei vertraute Elemente mit mäßigem Überraschungseffekt zusammenträgt. Eine zerstörte Familie, der Vater ist bei einem Unfall umgekommen, die Mutter dabei gravierend verletzt worden – Frankfurter freuen sich aber, Heidi Ecks zu sehen; eine auch bloß scheinbar heile Familie, der Sohn auf argen Abwegen; ein höllisches Pärchen, aber mit dem Ausmaß an Schlechtigkeit geht „Kaputt“ dann doch eher beiläufig um. Es dient dem nicht zu komplexen Spannungsaufbau, wie auch die Tatsache, dass natürlich alles mit allem zusammenhängt. Anders als bei den kleinen Szenen auf der Polizei erschreckt man nicht, sondern kann sich nur wundern.

Kölner Tatort bietet nur Durchschnittsmaß

Sehr geglückt wiederum die Verkehrskontrollen-Sequenz. Autofahrer: krasse Leute. Das Drehbuch von Rainer Butt und Regisseurin Christine Hartmann verzichtet aber sozusagen darauf, daraus eine Tatort-Perle herzustellen. Sie belassen es bei einem Sonntagabenddurchschnittsmaß. Das ist freilich das Erfolgsrezept der Kölner.

Noch etwas ist aber über die Maßen gelungen. Seit mehr als einem Jahr kann man mit Lust und Grausen – der Lust am Realistischen, dem Grausen darüber, dass man selbst einen solchen Kollegen erwischen kann – den Schreibtisch-Assistenten Jütte bestaunen, perfekt, nämlich ohne Rücksicht auf Verluste gespielt von Roland Riebeling. Jetzt will Jütte sich in den Personalrat wählen lassen.

Außerdem zeigt sich an ihm wunderbar der feine (feine im Sinne von: hauchdünne) Übergang vom schrulligen Geplapper zum gefährlichen Sprech. Schön zu sehen, wie Ballauf das ankotzt. Faszinierend zu sehen, wie Schenk abwiegelt. So funktioniert Hetze: Dass sie schlaff vorgetragen wird und dem „Gerechtigkeitssinn“, den „Gefühlen“ und sogar dem „gesunden Menschenverstand“ (was hat er uns einst imponiert) entgegenkommt.

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