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Emily (Meira Durand) untersucht ihr Versteck, ein verlassene Haus im Wald.

„Tatort: Für immer und dich“, ARD

Und dann darf sie endlich unreif sein

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Der neue, auf stille Art eindrucksvolle Schwarzwald-Tatort erzählt von einer Minderjährigen und ihrem Sugar-Daddy.

Können wir morgen baden gehn?“ Es ist herrliches Sommerwetter im neuen Schwarzwald-Tatort, Jugendliche tragen Shorts, Trägertop, Sonnenbrille und springen mit ihrer Clique jauchzend in den flirrenden See. Bestimmt denken sie, ihre Altersgenossin ist mit ihrem Vater da. Ätzend genug. Aber dann küsst der Mann die sehr junge, doch eigentlich zu junge Frau demonstrativ.

Magnus Vattrodt, der das Buch schrieb, Julia von Heinz, die Regie führte, greifen das aktuelle Thema des sexuellen Missbrauchs von Minderjährigen auf. Sie wählen dafür eine Variante, in der das Mädchen dem Mann freiwillig folgt. Es gibt diese Fälle, bekannt wurde etwa der der 13-jährigen Maria H., die mit einem 40 Jahre älteren Mann verschwand. Maria H. erzählte Ende vergangenen Jahres, da war sie nach fünf Jahren im Ausland nach Hause zurückgekehrt, das Abhauen erschien ihr als die Lösung mancher Probleme.

Das muss auch bei Emily so gewesen sein. Man sieht ihre alleinerziehende Mutter, wie sie mit ihrer jüngeren Tochter, die außerdem einen anderen Vater hat, in einem tristen Wohnblock lebt. Wie es eng und chaotisch zugeht in der Wohnung. Aber die beiden haben außen am Balkon einen Geburtstagsgruß für Emily aufgehängt und die Mutter ist überzeugt, ihre verschwundene Tochter für einen Moment unten gesehen zu haben. Kommissar Berg, Hans-Jochen Wagner, kennt das, alle naselang sieht Frau Arnold ihre Tochter irgendwo. Er hat keine Lust mehr. Kommissarin Tobler, Eva Löbau, kennt die nervende Frau Arnold noch nicht und kümmert sich. Während Friedemann Berg an einem Fall von Fahrerflucht dran ist – die Zuschauerin weiß da längst, wer den jungen Dieb auf dem Moped warum von der Straße gedrängt hat – hört Franziska Tobler der immer noch hoffenden Mutter zu.

Der Tatort „Für immer und dich“, es ist der dritte ziemlich ungewöhnliche, dazu starke Fall des Schwarzwald-Teams, pfeift auf jedes Whodunnit-Raten, pfeift auch auf einen Showdown. Und fesselt trotzdem, vielleicht gerade weil er den Ball so flach und nah an den Wahrscheinlichkeiten hält. Man sieht eine Jugendliche – Meira Durand ist großartig als Emily –, der das Leben mit dem älteren Mann, der sagt, wo’s langgeht, aber nicht nörgelt wie die Mutter, der ein Versorger, ein Sugar-Daddy ist, durchaus für eine Weile angenehm gewesen sein muss. Auch hielt sie sich wohl mal für sehr verliebt.

Dann setzten die Einsamkeit, der Überdruss, die Langeweile ein, auch der Neid auf die anderen Teenager, die mit ihrer Clique jauchzend in den See springen. Emily darf keine Freunde haben, zu groß ist das Risiko der Entdeckung.

Äußerst einleuchtend sind darum die Szenen, in denen sich Emily, ihr Hund ist nämlich weggelaufen, mit einer anderen jungen Frau anfreundet, die an einer Tankstelle jobbt. Man blödelt, erzählt sich Dinge (verschweigt sich aber auch Dinge), kippt ein paar Fläschchen bonbonbunten Alkohol, macht sich über Tankstellenkunden lustig. Emily ist albern und unreif, Emily darf es endlich einmal sein.

„Für immer und dich“ beginnt wie ein Roadmovie, den zwei Reisenden weht der warme Wind durch die Haare. Aber Martin, der Sugar-Daddy, ist nervös, weil ihm der Sugar ausgeht. Andreas Lust zeigt ihn als einen, der einerseits noch Selbstbestätigung zieht aus dem Mädchen an seiner Seite, dem andererseits langsam zu dämmern scheint, dass sie lieber woanders, viel lieber bei Gleichaltrigen wäre. Dass er jedenfalls nicht rauskommt aus der Nummer, ihr etwas bieten zu müssen. Er ist grau im Gesicht, angegraut ist auch sein Sechs-Tage-Bart.

Man ahnt, wie die Sache ausgehen wird, aber das macht diesen unspektakulär bewegenden Tatort keinen Deut schlechter.

„Tatort: Für immer und dich“, ARD, So., 20.15 Uhr

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