Die Kommisssarinnen (Florence Kasumba, l. und Maria Furtwängler) werden Zeuginnen
+
Die Kommisssarinnen (Florence Kasumba, l. und Maria Furtwängler) werden Zeuginnen.

Tatort

Tatort aus Göttingen: Rechter Hass und rote Rosen

  • Judith von Sternburg
    vonJudith von Sternburg
    schließen

Ein vermischter Lindholm-Schmitz-Tatort mit bitterer Pointe: „National feminin“.

Der zweite Göttingen-(vormals Hannover-)Tatort des NDR innerhalb eines Monats bringt mit sich, dass man allmählich nicht mehr an die nächste Lindholm-, sondern die nächste Lindholm-Schmitz-Folge denkt. Nicht übel. Im dritten gemeinsamen Fall kommen Lindholm, Maria Furtwängler, und Schmitz, Florence Kasumba, auch zunehmend gut miteinander zurecht, ein Paar von blendender, unverhohlener Schönheit und Sportivität. Dass Lindholm sich ausgesprochen unhöflich für den ebenfalls hübschen Mann von Schmitz interessiert, Daniel Donskoy, birgt einiges Peinlichkeits- und Unterhaltungspotenzial. Viele Leute fragen sich, was das soll, aber liegt die Antwort nicht auf der Hand? So ist das Leben? Erfrischend zudem, wie das bislang so am Rande mitläuft.

Weniger dezent und stattdessen sehr deutlich wird dafür die Kriminalhandlung aufgeblättert: Eine junge scharf rechte Aktivistin – auf ihrem titelgebenden Blog „National feminin“ wettert sie nicht nur gegen den „Genderwahn“– ist ermordet worden. Ihr gründlich unsympathisches Umfeld, die „Junge Bewegung“, gerät ebenso in den Blick wie eine rechte künftige Verfassungsrichterin, gespielt mit Verve, aber dann auch irgendwie ziellos von Jenny Schily. Als sollte es noch etwas interessanter werden, und selbstverständlich wird es mit Jenny Schily auch interessanter: schillernder, uneindeutiger. Lindholm im Gespräch mit der Richterin: erschreckend, wie leicht Frauen sich verunsichern lassen.

D azu kommt noch ein nicht übermäßig intelligentes Mitglied der Göttinger Antifa in einer doch etwas beiläufig abgehandelten tragischen Nebenhandlung. Und schließlich ein unbekannter Finsterling mit Kapuzenpulli, an dem das Publikum sich an den eigenen Erwartungen und Vorurteilen abarbeiten kann. Ein gesellschaftliches Panorama, aber zugleich so überschaubar, dass man es am Ende wie weiland bei Sherlock Holmes in den Salon rufen könnte, um die Sache aufzuklären.

T atsächlich ist das auch plakativ, aber nicht sehr viel plakativer als die Umstände hier draußen. Denn das Buch von Daniela Baumgärtl und Florian Oeller (letzterer soeben als Autor von „Die Getriebenen“ hervorgetreten) wie auch die Regie von Franziska Buch und die Kamera von Bella Halben bemühen sich im Detail erfolgreich um einen Realismus, der für sich selbst spricht. Die Blogs und Videos der Rechten sind extrem vorstellbar: Die Pose der jungen, unbescholtenen, doch bloß „logisch“ denkenden Deutschen, die ohne mit der Wimper zu zucken knallhart in die Kamera hetzen. Dazu als stiller, aber greller heimlicher Hauptakteur: die anonymen Kommentare im Netz, denen auch die bittere Schlusspointe gehören wird (so dass man erst zu Ende lesen sollte, bevor man mit dem Rumdiskutieren und Meckern anfängt). Sich davon jagen, treiben, verunsichern zu lassen, wie es auch hier geschieht, ist schon bizarr.

D er Ablauf jenseits dieser Dokumentation ist dann angestrengt, aber immer wieder gibt es ausgezeichnete Szenen. Lindholm kanzelt die jungen Rechten ab, Schmitz spricht sich gegen die Schulmeisterei auf, Lindholm sagt den unmöglichen Satz: „Ich mache das hier auch für dich“, Schmitz verbittet sich das.

Z um Finale gibt es ein technisch kompliziertes Arrangement (war es nicht ganz schön damals im Salon?). Obwohl der Ausgang seine Wirkung nicht verfehlt, ist das alles groß und wäre in etwas kleiner mit Sicherheit noch effektvoller und böser. Im klug früh eingebauten Cliffhanger, der sich im Tatort allmählich durchzusetzen scheint, sind wir jetzt mal gespannt, was Nick mit Charlotte besprechen will.

„Tatort: National feminin“,  ARD, So., 20.15 Uhr.

Seine Fans liebten ihn für Filme wie „Slumdog Millionaire“ und „Life of Pi“. Nun ist der Schauspieler Irrfan Khan im Alter von nur 53 Jahren gestorben.

Im Tatort aus Köln ist Max Ballauf traumatisiert. Die Handlung führt in eine psychiatrische Klinik.

Die Schauspielerin Maria Furtwängler über ihre Serie „Ausgebremst“, die am Sonntagabend im Ersten startet – und über die Expertinnen, die während der Corona-Krise nicht zu Wort kommen.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare