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Der Tatort „Flash“ heute im Ersten: Fieser Trick

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Von: Judith von Sternburg

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Rauchen auch noch: André Jung und Anna Grisebach als seltsames Ärzteduo. Foto: Hendrik Heiden/BR/Tellux Medien
Rauchen auch noch: André Jung und Anna Grisebach als seltsames Ärzteduo. Foto: Hendrik Heiden/BR/Tellux Medien © BR/Tellux Film GmbH/Hendrik Heiden

Der München-Tatort „Flash“ haut mehr als einen übers Ohr und ist in vielerlei Hinsicht außergewöhnlich.

Frankfurt - Es gab zu Jahresbeginn schon dicht hintereinander zwei Köln-Tatortfolgen, „Vier Jahre“ und „Hubertys Rache“, die auf unterschiedliche Weise mit Fällen aus der Vergangenheit zu tun hatten. Die Kriminalgeschichte liebt böse Wiedervorlagen. Oft zeigt sich dabei, dass die Polizei seinerzeit in die Irre ging, sei es aus Unvermögen oder menschlicher Gemeinheit. Nun wird sie – entweder damals irrende Team selbst oder die nächste Generation – auf einen Doppelweg geschickt, als sei ein Krimi auch nichts anderes als ein Artusroman.

Trotzdem verhält es sich diesmal anders. Das Publikum wird aufs Glatteis geführt, dass es eine Art hat. Denn das Drehbuch des neuesten Tatort von Sönke Lars Neuwöhner und Sven S. Poser kündigt eine stillschweigende Vereinbarung auf, nach dem zwar die Zuschauerin und der Zuschauer eventuell mehr wissen als die Polizei. Aber selten wissen sie weniger. Regisseur Andreas Kleiner spielt mit und sorgt dafür, dass sich keiner etwas anmerken lässt. Ganz fieser Trick.

München-Tatort im Ersten: Zeitreise in die 80er Jahre

Das ist die Lage: 1987 hat es in einem Münchner Tanzlokal einen Mord gegeben – schwelgerische Rückblenden führen in eine vergangene Zeit, in der das Feiern noch so herrlich uncool ablief. Ermittler Leitmayr war damals als junger Mann auch hier unterwegs, „Flash“ hieß der Laden im weltoffenen Chic der 80er, Leitmayr gerät auf jene Weise ins Schwärmen, in der man immer erst Jahrzehnte später schwärmt. In der Situation selbst ist einem nie klar, wie großartig das ist.

Dennoch wäre es schöner, am Sonntagabend nicht bei jeder Gelegenheit, also jedem Frauenmord zu sehen, wie Kameras geruhsam an gutaussehenden Leichen entlangfahren. Bis zu jener Stelle, an der es nicht mehr gut aussieht. Das ist ein Schreck. Jedenfalls gab es dann ein Urteil mit anschließender Sicherheitsverwahrung. Nun ist der Mann aber doch frei, und noch bevor es richtig losgeht, ist schon wieder ein Mord geschehen, der Mann untergetaucht, die Polizei auf der Suche.

RolleDarsteller:in
Kommissar Ivo BaticMiroslav Nemec
Kommissar Franz LeitmayrUdo Wachtveitl
Prof. Ralph VonderheidenAndré Jung
Dr. Laura LechnerAnna Grisebach
Alois MeiningerMartin Leutgeb
Norbert PrinzPeter Franke
Nele PrinzJenny Schily

Tatort am Sonntag: Außerordentlich kompliziert und dilettantisch zugleich

Wir begegnen Leitmayr und Batic, Udo Wachtveitl und Miroslav Nemec, schon mitten an der Arbeit. „Ich glaub, diesmal hamwa uns ein bisschen übernommen“, sagt Leitmayr und Batic widerspricht nicht, und das Publikum muss abwarten, bis es folgende Umstände nebst Plan erklärt bekommt: Der verurteilte Mörder war zuvor in Therapie, der Therapeut hat ihn seinerzeit, vor dreißig Jahren, auch an einem leider nicht aktenkundigen Rückzugsort getroffen. Vielleicht hat er sich jetzt dort versteckt, denkt sich die Polizei.

Der Therapeut ist jedoch mittlerweile dement. Eine Reminiszenztherapie soll helfen, dass ihm vielleicht doch noch etwas einfällt. Einen Flash braucht es, so dass der neue Münchner Tatort seinen Titel mehrfach sinnfällig trägt. Zur Erinnerungsanregung gehört, dass – offenbar ebenfalls schon in den ersten Minuten dieser Folge – fix sein ehemaliges Behandlungszimmer nachgebaut worden ist. Man kann es sendezeitsparend nennen, aber auch flüchtig. Zumal trotz dieses Aufwands ausgerechnet der im Umgang mit Dementen nicht geübte Ermittler Leitmayr das Gespräch führen und die Erinnerung wachkitzeln soll. Wie bitte, echt, aber ist das nicht außerordentlich kompliziert und dilettantisch zugleich? Ist es.

„Tatort: Flash“

Sonntag, 19. Juni 2022, 20.15 Uhr, ARD

Tatort im Ersten: Gemeinsamkeiten mit „Die rote Lola“ mit Marlene Dietrich

Wäre das ein interaktiver Tatort, würde man versuchen, den beiden sehr geschätzten Ermittlern Hinweise aus der Nase zu ziehen. So bleibt nichts als weiter abzuwarten, bis sie selbst nachlegen. In der Zwischenzeit schaut man Peter Franke zu, wie er erschütternd gut den dementen Ex-Therapeuten spielt. Jenny Schily ist die ausgelaugte Angehörige, André Jung und Anna Grisebach sind das seltsame Paar mit Demenz-Expertise. Martin Leutgeb als Verurteilter geht still seines Wegs. Da muss doch noch was kommen. Klar. Aber das Gefühl, ausgetrickst worden zu sein, dominiert mehr, als es einem noch so ungewöhnlichen Tatort bekommt.

Wer sich noch an „Die rote Lola“ mit Marlene Dietrich erinnert: Das war ein anderer Fall, obwohl es Gemeinsamkeiten gibt. (Judith von Sternburg)

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