Lorenz (Petra Schmidt-Schaller) und Falke (Wotan Wilke Möhring) in der verrußten Zelle.
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Lorenz (Petra Schmidt-Schaller) und Falke (Wotan Wilke Möhring) in der verrußten Zelle.

"Verbrannt"

Tatort erinnert an Oury Jalloh

  • Judith von Sternburg
    vonJudith von Sternburg
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Der NDR-Tatort „Verbrannt“ ist angelehnt an den Tod eines Flüchtlings, der vor elf Jahren in einer Polizeizelle in Dessau verbrannte.

Der NDR-Tatort „Verbrannt“ ist angelehnt an den Tod eines Flüchtlings, der vor elf Jahren in einer Polizeizelle in Dessau verbrannte.

Das ist ein dunkler Tatort mit starken, bösen Einzelheiten. Der Polizist, der von Wotan Wilke Möhring als einsamer Wolf, aber doch auch anständiger Typ präsentiert wird, schlägt einen Afrikaner sinnlos zusammen. Es gibt einen Zusammenhang, aber der Zusammenhang rechtfertigt nichts. Ein Polizist, der einen Afrikaner sinnlos zusammenschlägt, muss sich jedoch anscheinend auch gar nicht rechtfertigen. Andere Polizisten klopfen ihm nachher auf die Schultern. Weil so etwas jedem mal passieren könnte. Bei der Grillparty hören sie aber „Black Magic Woman“ und die lebensfrohe Schnulze „Auf uns“ und sind eigentlich ganz nett.

Im Umschlag, den der Afrikaner bei sich hatte und wegen dem er festgenommen werden sollte, befinden sich nicht etwa gefälschte Dokumente, sondern Fußballsammelbildchen. Sein Name wurde verwechselt. Auch das kann passieren bei Namen, die sich in Deutschland keiner merken kann, keiner merken will.

In „Verbrannt“, einem diesmal im Niedersächsischen spielenden NDR-Beitrag von Stefan Kolditz (Buch) und Thomas Stuber (Regie), ist das aber nur das Vorspiel. Der verletzte, gleichwohl an Händen und Füßen festgekettete Mann verbrennt in der Nacht in seiner Zelle. Der von Möhring wunderbar einfach und leicht aufmuckig gespielte Falke sitzt gewissermaßen da mit seiner Schuld, denkt aber nicht darüber nach, sondern wendet sich den Ermittlungen in der Polizeidienststelle zu.

Ihr letzter Fall

Seine Kollegin Lorenz, Petra Schmidt-Schaller, entsetzt über sein Verhalten, überhaupt entsetzt und kurz vor der Kündigung – „Verbrannt“ wird ihr letzter Fall sein – ermittelt tapfer mit. Abends sitzt sie auf dem Hotelbett und telefoniert weinend mit ihrer Mutter. Einer Afrikanerin, die an einer Supermarktkasse schlecht behandelt wird, möchte sie eine Flasche Wein spendieren. Die Afrikanerin schreit sie an, weil sie an milden Gaben ganz offenbar kein Interesse hat. So bequem ist das nämlich nicht, aber so aktuell.

Der etwas stumpfe Polizist erklärt, er sei in der Nacht auf der Dienststelle nicht zu den Zellen gegangen, weil er dachte, es sei falscher Feueralarm. Und/oder ein Rohrbruch. Seine nervöse Kollegin erklärt, sie sei nicht zu den Zellen gegangen, weil ihr Kollege an der Reihe war.

Falke sieht sich im Wohnheim um, in dem der Mann gelebt hat. Als er feststellt, dass dieser mit einer Deutschen zusammen ein Kind hat, kann man seinem wachsenden Begreifen zusehen. Es ist schlimm, wenn Geschichten näher rücken. Längst hat er sich auch den Namen des Maliers eingeprägt. „Verbrannt“ blendet die Szenen aber immer dann aus, wenn das große Reden und Erklären beginnen könnte. Die Dinge stehen einfach nebeneinander. Die Dinge stehen kompliziert nebeneinander.

Der Fall ist lose angelehnt an den Tod von Oury Jalloh, den Mann aus Sierra Leone, der vor elf Jahren in Dessau in Polizeigewahrsam verbrannte. Interessiert haben sich Kolditz und Stuber gewiss für die seinerzeit mauernde Polizeiriege und für die verbreitete Wurschtigkeit dem Tod eines Afrikaners gegenüber. Aber schon durch den Ortswechsel machen sie klar, dass „Verbrannt“ keine Dokumentation und keine Rekonstruktion im engeren Sinne ist. Es ist eine Erinnerung, könnte man sagen. Offiziell wurde der Tod Jallohs nie vollständig aufgeklärt.

„Verbrannt“ spielt beiläufig um den Tag der deutschen Einheit herum. Haydns Musik, aus der später die Nationalhymne wurde, erklingt zum sorgfältig gestalteten Vorspann. So gehört „Verbrannt“ zu den mit Abstand gepflegtesten und bittersten Tatort-Ausgaben der jüngeren Zeit. Auch wenn der Zuschauer anders als im wirklichen Leben nicht mit dem unangenehmen Gefühl zurückbleiben muss, Straftaten gegen Afrikaner würden in Deutschland nicht mit dem erforderlichen Eifer verfolgt. Es kommt ferner fast noch zu einem Kuss. Auch wir werden Lorenz vermissen.

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