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Tatort „Die Blicke der Anderen“: Sandra ist halt Sandra

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Von: Judith von Sternburg

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Sandra (Lisa Hagmeister) mit Tobler (Eva Löbau) und Berg (Hans-Jochen Wagner). Benoît Linder/swr
Sandra (Lisa Hagmeister) mit Tobler (Eva Löbau) und Berg (Hans-Jochen Wagner). Benoît Linder/swr © SWR/Benoît Linder

„Die Blicke der Anderen“: Ein stiller, unspektakulärer, sehr starker Tatort aus dem Schwarzwald.

Ein unheimlich starker Tatort, aber warum? Zuerst fällt das rasche, aber nicht übereilte Erzählen auf. Das Drehbuch von Bernd Lange schleicht sich unaufdringlich in die Handlung, von Franziska Schlotterer flott, aber nicht flüchtig inszeniert. Zunächst das üblich grausige Geschehen. Alles nett und sommerlich in der sofort extrem verdächtigen Siedlung. Im schönen, abweisenden Haus macht keiner auf, na so was, die Frau mit dem frischen Obst (es ist die unleidliche Schwiegermutter, Ruth Wohlschlegel) weiß, wo der Schlüssel liegt.

Man hört ihr erschrockenes Ächzen, dann ist bereits die Polizei da, „vor zehn Jahren war hier noch alles Streuobstwiese“, sagt Berg zu Tobler, Hans-Jochen Wagner zu Eva Löbau, denn der Mensch kann die Natur nicht in Ruhe lassen. Dabei weiß man überhaupt noch nicht, was geschehen ist. Und auch noch nicht, dass man die beiden noch nie so überzeugend gesehen haben wird: so natürlich, so menschlich in den Reaktionen, damit „Die Blicke der Anderen“ eine stille Lebendigkeit bekommt. Da fällt auch erst auf, was für eine Seltenheit das sonntagabends ist.

Jetzt taucht ein Teenager auf, wundert sich über das Buhei. Mit ihm zusammen erst betritt das Publikum das Haus: ein blutiges Bett, Frau, Mann, das jüngere Kind, alle weg, der Sohn weiß nicht, was los ist, keiner ist zu erreichen. Die Schwiegermutter sagt den Satz, der noch häufiger fallen wird: „Sandra ischt halt Sandra.“ Sandra ist Lisa Hagmeister und wird bald in einer Raststätte angetroffen. Sie ist verhalten, irritiert, vielleicht schockiert, jedenfalls sofort noch viel verdächtiger als die gesamte Siedlung. Nicht dass schon klar wäre, was ihr überhaupt vorgeworfen werden könnte. Tobler und Berg lassen sich auch möglichst nichts anmerken – logischerweise finden sie Sandra ebenfalls verdächtig und wissen nicht, worin der Verdacht bestehen soll – und fragen allerlei: Wo sie war, was sie hier tut und so weiter. „Was Sie den ganzen Tag machen, macht das einen Sinn?“, fragt Sandra und hat damit fast alle Personen vorm Bildschirm auf ihrer Seite. Der Rest wechselt gewiss auf ihre Seite, wenn er sie nachher weinen sieht. Während es im Film selbst immer schwieriger für sie wird.

Sprechen wir nicht davon – denn es dauert 39 Minuten, bis überhaupt zu erfahren ist, was geschehen ist, und etwas mehr als eine Stunde, bis ein erster ernsterer Verdacht im Publikum keimen dürfte, das ist für einen Tatort schon gut. Sprechen wir nur von der vorzüglichen Umsetzung.

Intensiv kleben sich Polizei und Zuschauerinnen sowie Zuschauer an Sandra und erleben zugleich die Enge eines Schwarzwaldalltags (Sandra ist nicht nur Sandra, sie ist auch hörbar nicht von hier). Nebenan wohnt zum Beispiel eine pensionierte Grundschullehrerin des Grauens. Tobler stattet ihr einen Besuch ab, bekommt Kekskringel und Auskünfte aus Gift und Galle, die auf Folgendes hinauslaufen: „Der Mann ist okay, Kinder sind Kinder, aber die Frau.“ – „Sandra ischt halt Sandra“, zitiert Tobler fragend. „Genau, das sagt eigentlich alles.“ Selbstverständlich ist auch dieses merkwürdige Einverständnis um Sandra herum ein Alptraum, aber ein ganz individueller. Befremdlich ist Sandra schon, eigen, nicht immer einfach, auf ihrer Seite zu bleiben. Weil Sandra Sandra ist, nicht weil „Die Blicke der Anderen“ etwas Exemplarisches vermitteln möchte.

Was ist von der Auflösung zu halten? Mit der Erwartung, die aufzubauen ebenfalls eine beeindruckende Leistung Langes und Schlotterers ist, kann kein Schluss dieser Welt mithalten. Aber bei näherer Hinsicht ist es auch ein entsetzliches Ende. Ein versöhnlicher Schlenker (ja, wo kommt der denn jetzt her?) wurde angehängt, vielleicht damit wir die Woche nicht zu verzweifelt beginnen. Viele werden nach dem Schlenker wie nach einem Strohhalm greifen, insofern beweist dieser stille, unspektakuläre Ausnahme-Tatort des SWR auch an dieser Stelle Takt und Herz.

„Tatort: Die Blicke der Anderen“, ARD, So., 20.15 Uhr.

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