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Frisch im Einsatz: Cornelia Gröschel als Leonie Winkler im neuen Dresden-Tatort.

Cornelia Gröschel

Die neue „Tatort“-Kommissarin im Gespräch

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Cornelia Gröschel ist neue „Tatort“-Kommissarin. Ein Gespräch über ein Leben mit unheimlich viel Arbeit und die neue Rolle. 

Frau Gröschel, ich mache mir Sorgen um Sie.
Wieso denn das?

Mehr als fünfzig Fernsehfilme, dazu noch 175 Aufführungen als „Agnes“ in der Karlsruher Dramatisierung des Romans von Peter Stamm. Wann ruhen Sie sich aus? Übertreiben Sie es nicht ein wenig?
Nein. Im Gegenteil. Ich bin sehr darum bemüht, nicht ans Limit meiner Kräfte zu gehen. Die sind, das weiß ich, begrenzt. Darum achte ich sehr darauf, dass es zum Beispiel keine Überschneidungen von Projekten gibt. Waren es wirklich 175 Aufführungen von „Agnes“? Das klingt nach sehr, sehr viel. Aber das zog sich über sechs Jahre. Leider ist es jetzt vorbei. Es gab eine Doppelbesetzung. Wenn ich nicht konnte, sprang eine Kollegin ein.

Ist das Theater jetzt vorbei?
Nein, nein. Ich probe gerade in Stuttgart, am Alten Schauspielhaus: die Rosalind in Shakespeares „Wie es Euch gefällt“. Premiere ist zwei Tage vor der Ausstrahlung des Tatorts.

Großartiges Timing!
Danach heißt es erst einmal nur Theater. Bis zum 1. Juni spiele ich jeden Tag außer sonntags. Danach sollte gleich der nächste Tatort gedreht werden. Da habe ich mir aber zwei Wochen Auszeit erbeten, bevor es in die Tatort-Vorbereitung ging.

Ich mache mir keine Sorgen mehr. Ist die Rosalind nach der Julia die zweite  Shakespeare-Rolle oder haben Sie schon mehr gespielt?
Als ich vor zehn Jahren in Halle am Theater war, habe ich ein paar Mal einspringen können für eine der drei Hexen in „Macbeth“. Und die Rosalind war meine erste große Rolle im Schultheater.

Ihre Rollen sind vorwiegend in Umgangssprache. Die Agnes ist dagegen, jedenfalls im Buch, stilisiert.
Die Bühnenfassung war nicht weit weg von der Alltagssprache.

Haben Sie Lust auf keine Alltagssprache?
Ich mag es, klassische Texte ins Heute zu holen. Ich spreche gerne ganz direkt, ohne gekünstelten Theaterausdruck. Die Rosalind wird sehr direkt sein.

Welche Übersetzung spielen Sie?
Regisseur Carl Philip von Maldeghem, er ist auch Intendant des Landestheaters Salzburg, hat das Stück übersetzt.

Sehr heutig?
Es sind schon Verse und Shakespeare.

Beim Theater müssen Sie richtig Text lernen.
Den Shakespeare habe ich jetzt noch nicht ganz drauf. Im Normalfall brauche ich zwei bis drei Wochen. Dann wird geprobt und dann sitzt der Text über Gänge und Gesten, der ganze Körper lernt mit. Dazu kommen die Stichworte der Kollegen, die Emotionen.

Pünktlich zur Generalprobe?
Nein, alles muss vorher sitzen. Denn bei der Generalprobe, bei der Premiere bin ich viel zu aufgeregt. Das Gehirn ist ausgeschaltet. Es muss alles im Unterbewusstsein verankert sein, sonst geht nichts.

Fürs Fernsehen lernen Sie anders?
Seit fünf, sechs Jahren habe ich ein kleines Nummernsystem. Von 0 bis 5. An jeder Szene steht eine dieser Ziffern. 3 muss richtig gelernt werden. Bei 4 und 5 muss ich schon ein paar Tage vorher mit dem Lernen beginnen. 0 oder 1 kann ich mir auch unmittelbar vor dem Dreh anschauen. So sehe ich mit einem Blick auf den Drehplan auch gleich, wie viel Text wann auf mich zukommt.

Es geht vor allem um die Textmenge?
Manchmal gibt es auch schwierige Texte. In „Mörderische Rendite“, einem Wilsberg-Krimi, gab es eine Szene, der hatte ich 6 Punkte gegeben. Eine Woche habe ich gepaukt, bis ich all diese Finanzbegriffe draufhatte und glaubhaft über die Lippen brachte.

Und was werden Sie in den vierzehn Tagen „Urlaub“ unternehmen?
Ganz sicher bin ich mir noch nicht. Ich werde viel Zuhause in Karlsruhe sein.

Faul auf dem Sofa kann ich mir Sie nicht vorstellen.
Nein, ich wäre dann wohl jeden zweiten Tag im Stall, würde ausreiten. Ich mache auch gern die Balkone schön, bepflanze sie neu. Da ich wirklich ausspannen möchte, ist es vielleicht besser, zu meiner Familie nach Dresden zu gehen. Letztes Jahr war ich für eine Woche in Baden-Baden im Kloster. Vielleicht mache ich das dieses Jahr auch.

Was haben Sie dort gemacht?
Einfach nichts.

Dort haben Sie getan, was Sie nicht können?
Ja. Ich ließ mein Telefon zu Hause. Das war mit das Schönste. Ich hatte ein paar Bücher dabei. Keine aufregenden Krimis, sondern es ging mehr in die Richtung Lebensgeschichten, Lebensweisheiten. Yoga habe ich gemacht und Meditation. Gewandert bin ich viel. Ganz altmodisch mit Karte und ohne GPS.

Ihr Nichtstun wäre für mich mehr als ein volles Programm.
Es war für mich wichtig runterzukommen. Das war die Zeit vor den Dreharbeiten am Tatort. Der ist zunächst mal auch nur ein Film wie jeder andere. Aber er hat dann doch eine ganz andere Dimension. Man wird viel genauer beobachtet. Die Aufmerksamkeit ist viel größer als bei allem, was ich bisher gemacht habe. Im Kloster überlegte ich mir genau, was dieser Tatort für mich bedeutet. Dort ist dann auch mein innerer Motor angesprungen.

Der Tatort ist ja etwas völlig anderes...
Warum?

Nach dem, was ich über den Film las, denke ich: Für meine alten, schwachen Nerven ist er womöglich zu strapaziös.
Das könnte sein. Wenn Sie da empfindlich sind. Der Film ist auf jeden Fall sehr spannend. Selbst ich, die die Geschichte ja kannte, habe mich an manchen Stellen, als ich ihn dann sah, erschrocken. Der Schnitt, die Musik. Einmal bin ich richtig zusammengezuckt.

Leonie Winkler ermittelt in Dresden. 

Sehen Sie fern?
Oh ja. Ich sehe meinen Kollegen gerne beim Spielen zu. Ich arbeite ja mit verschiedensten Regisseuren, mit Produktionsfirmen und Sendern zusammen. Mich interessiert, was die machen. Also viele deutsche Filme. Meist in der Mediathek. Also dann, wann es mir passt.

Sie gucken also nicht zur Entspannung, sondern Sie betreiben Warenkontrolle?
Nein, nein. Ich genieße das sehr. Ich kann mir den langweiligsten Film anschauen, wenn die Schauspieler technisch sehr gut sind, finde ich es interessant.

Was heißt „technisch sehr gut“.
Wenn sie zum Beispiel gut sprechen oder ganz akkurat sind in ihren Bewegungen, das fasziniert mich sehr. Man kann eine Rolle ja einfach so spielen, wie es einem gerade einfällt oder man hat sich etwas Konkretes überlegt für die Figur. Das interessiert mich. Etwa wie in Wes Andersons „Grand Budapest Hotel“. Wie akkurat er die Figuren inszeniert hat!

Das mögen Sie?
Ich habe lange getanzt. Da kommt das her. An der Schauspielschule stand mir meine Kontrolliertheit lange im Weg. Selbst meine Sprecherzieherinnen sagten mir: Entspann dich! Sei locker! Ich musste lernen runterzufahren.

Sie waren, als Sie 2007 nach Leipzig an die Schauspielschule gingen, schon in mehr als zwanzig Filmen aufgetreten.
Beim Drehen kommt es vor allem auf das Gesicht und die kleineren Gesten an. Und natürlich darauf, dass Sie alles genau wiederholen können. Es geht um Präzision. Das kann ich aus dem Effeff. Es macht mir nichts aus, 40 Mal das Handy immer gleich zu halten. Mit den Anschlüssen gibt es bei mir selten Probleme. Im Theater sind diese Qualitäten nicht ganz so sehr gefragt. Dort kann man sich viel freier bewegen. Man präsentiert sich viel extrovertierter. Das war mir total fremd. Ich konnte meine Bewegungsabläufe trainieren, mich wie beim Tanzen choreografieren lassen. Aber ich verstand nicht, meine Alltagsgesten zu vergrößern, sie theatertauglich zu machen. Das fühlte sich für mich ganz unnatürlich an. Theater war lange für mich die viel größere Herausforderung.

In den Filmen, die ich sah, sind Sie vor allem ein Sympathiebolzen.
Ist das so? Echt?

Tun Sie nicht so. Das wissen Sie. Das ist ein Teil Ihres Kapitals.
Ich sehe mir die Filme an. Aber ich achte zum Beispiel darauf, ob das Farbkonzept des Regisseurs aufgegangen ist, ob die Kostüme gut kommen. Ich frage mich: Verstehe ich mich? Ist meine Sprache in Ordnung? Kann ich mir die Emotionen der Rolle glauben? All das. Aber ob ich sympathisch rüberkomme oder nicht – das ist so subjektiv. Es hat sicher mit den Rollen zu tun.

Wonach wählen Sie Rollen aus?
Am liebsten sind mir die Herzensrollen. Also eine Figur ist entweder sehr nahe an mir dran oder aber besonders weit von mir weg. Wenn ich an ein solches Drehbuch gerate, dann wünsche ich mir schon, dass ich die Rolle auch bekomme. Außerdem gibt es manchmal auch Rollen, die mache ich für die Miete. Und dann gibt es politische Gründe.

Was heißt das?
Da ist ein Angebot eines Regisseurs, mit dem ich schon lange mal arbeiten wollte. Eine kleine Rolle mit nur zwei Drehtagen. Aber ich habe Gelegenheit, zwei Tage lang mit diesem Regisseur zusammenzuarbeiten. Oder eine Produktionsfirma, mit der ich gerne einmal zusammenarbeiten möchte. Das nenne ich politische Gründe.

Was muss ich mir angucken von Ihnen?
„Eine wie diese“ von 2015. Er spielt in den siebziger Jahren. Eine junge Frau will Polizistin werden. Ihr Vater versucht sie daran zu hindern. Als sie ihrem Verlobten sagt, dass sie erst die Ausbildung machen möchte und erst danach ein Kind, zerbricht auch diese Beziehung. Es ist ein Emanzipationsstück. Als ich das las, wusste ich: Das will ich machen. So bin ich auch ins Casting: Das ist meine Rolle, die spiele ich.

Dagegen hatte niemand eine Chance.
Das war damals genau der richtige Film für mich. Ich war Mitte zwanzig. Mich frei zu spielen, raus aus den Zwängen zu kommen – das war mein Thema. Ich hatte mein Theaterengagement gekündigt, um mehr selber bestimmen zu können. Das war von Anfang an ein Herzensprojekt. Bei die „Schöne und das Biest“ (2012) war es etwas anders. Ich mochte die Rolle, aber es war nie ein Traum von mir, eine Prinzessin zu spielen.

„Prinzessin“ haben Sie gelispelt!
Das kommt vor. Die Dreharbeiten waren mit die schönsten, die ich je hatte. Ich durfte reiten! Die Landschaft! Das Wetter! Die Burgen! Es war alles perfekt.

Und das Kontrastprogramm?
Charaktere, die sehr weit von mir weg sind, habe ich bisher kaum gespielt. Ich kann mich an Angebote erinnern, aber an nichts, das dann auch realisiert wurde. Im Film wird gerne eins zu eins besetzt. Im Theater dagegen kommt es eher schon mal vor, dass die optisch Brave auch mal die Verrückte spielen darf. Dort interessieren mehr die Gegensätze. Die arrogante Zicke in „Lerchenberg“, die ganz freundlich tut, dann aber so richtig fies ist, da durfte ich mal die doppelbödige Schlange geben. Das hat Spaß gemacht.

Als ich las, dass Sie eine Tatort-Kommissarin spielen werden, dachte ich: Jetzt geht sie in die Serienfalle. Aber beim Blick auf die Liste Ihrer bisherigen Arbeiten kam mir dieser Gedanke abwegig vor.
Natürlich haben meine Agentin und ich auch darüber nachgedacht. Wir werden darauf achten, dass das nicht passiert. Wobei es ja schon zwei Dresdner Tatorte im Jahr sind. Dazu kommt noch die ZDF-Krimireihe „Schwartz & Schwartz“. Da wird es natürlich immer enger für andere Projekte. In diesem Frühjahr kommt noch „Wie es Euch gefällt“ in Stuttgart dazu. Da bleibt wenig Platz mehr für Weiteres.

Ist der „Tatort“ auch finanziell ein Gewinn?
Ja. Aber das war nicht das Kriterium. Immerhin steht mir in den Jahren, in denen wir drehen, eine sichere Summe X zur Verfügung. Das ist neu. Neu ist auch, dass, bevor das Jahr begonnen hatte, ich schon wusste, dass ich mit dem Tatort zwei 90-Minüter in der Hauptrolle sicher drehen werde. Seit Herbst vergangenen Jahres ist 2019 schon ziemlich voll. Das ist auch etwas ganz Neues für mich. Etwas gruselig auch. Ich fühlte mich eingeschränkt.

Ein wenig Sicherheit ist doch schön.
Die meisten Nicht-Schauspieler wundern sich ja darüber und fragen: Wie hältst Du das aus, nicht zu wissen, was in einem halben Jahr ist? Meine Antwort ist: Man gewöhnt sich daran.

Sie gehen zu Castings?
Aber ja. Ich bereite mich gut vor. Ich weiß, worum es in der Rolle geht und lerne meinen Text. Das ist das Wichtigste, was ich tun kann. Der Regisseur und Caster entscheiden dann, ob ich in ihr Konzept oder ins Ensemble passe. Das Ergebnis eines Castings hat selten damit zu tun, ob ich eine gute oder schlechte Schauspielerin bin. Es ist ja auch ein gegenseitiges Casting. Ich bin auch schon zu dem Schluss gekommen, dass ich mit einem Regisseur lieber nicht drehen möchte.

Gibt es eine Rolle, die Sie gern einmal spielen möchten?
Nein, ich habe keine Wunschrolle. Aber ich würde gerne einmal in Dresden oder in Leipzig Theater spielen.

Wie wichtig ist Ihnen Kleidung?
Mir als Privatperson ist Kleidung meistens relativ gleichgültig. Wenn es kalt ist, soll sie wärmen, wenn es warm ist, soll sie luftig sein. Als Schauspielerin bemühe ich mich aber, darauf zu achten. Die Öffentlichkeitsarbeit gehört zu meinem Beruf. Heute gab es mehrere Fototermine, also habe ich mir mehrere Kombinationen bereit gelegt. So haben die Fotografen die Auswahl und ich habe nicht auf allen Fotos dieselben Sachen an. Nachdem im vorherigen Fototermin etwas Gedecktes gewünscht war, konnte ich jetzt den farbenfrohen, blauen Pullover anziehen. Das sind Gedanken, die ich mir privat nicht mache. Ich war auch noch nie auf einer Fashion-Week.

Sie haben die ganze Pubertät vor der Kamera durchgemacht. Das Selbstbild ist da doch gewaltigen Schwankungen ausgesetzt.
Mir wurde gesagt, wie ich aussehen sollte für die Rollen. Es kam auch schon mehrfach vor, dass ich meinen kompletten Kleidungsstil änderte, weil ich mir in den Kostümen in einem Film besonders gut gefallen hatte. Das ist heute manchmal auch so. Dieser Pullover zum Beispiel ähnelt – nicht, was die Farbe angeht – dem, was ich in dem Tatort trage und das habe ich mir jetzt privat abgeguckt. Ich gehe mit der Kostümbildnerin ihre Angebote durch und suche mir aus, wovon ich denke, dass es zu mir – in der Rolle – gut passt. Für den Tatort waren wir viele, viele Stunden am Überlegen und Anprobieren. Sie sehen, ich mache mir viele Gedanken. Aber eben nicht privat.

Bei der Frage nach der Pubertät sind Sie nicht eingestiegen.
Wenn ich mir heute die Fotos anschaue, denke ich manchmal: Mensch, warum hat dir denn niemand gesagt, wie du aussiehst! Ich war ein Jahr in Südafrika und hatte dort zehn Kilo zugenommen. Meinen Kleidungsstil dem aber nicht angepasst. Aber eigentlich ist das, gerade als Teenager, doch völlig egal: Das permanente sich mit anderen vergleichen, macht einen doch eher kaputt.

Schauspielerinnen tun aber doch genau das.
Desto wichtiger ist, dass man sich nicht abhängig davon macht, was andere über einen urteilen.

Sie haben einen sehr festen Händedruck.
Natürlich.

Vom Reiten?
Vielleicht. Man muss zupacken können, sonst tanzt einem das Pferd auf der Nase herum. 

Zur Person 

Cornelia Gröschel, 1987 in Dresden geboren, arbeitet seit 21 Jahren als Schauspielerin. Ihre Ausbildung absolvierte sie von 2007 bis 2011 an der Hochschule für Musik und Theater in Leipzig.

Im MDR-Tatort aus Dresden ist sie von diesem Sonntag an als Kommissarin Leonie Winkler zu sehen. Nachdem sich Alwara Höfels aus der Krimiserie verabschiedet hat, spielt Gröschel an der Seite von Martin Brambach und Karin Hanczewski. „Das Nest“ heißt die neue Folge, Erol Yesilkayas Buch wird von Alex Eslam inszeniert. Zu sehen im Ersten am 28. April, 20.15 Uhr.

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