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ARD-Tatort aus Kiel: „Borowski und der Schatten des Mondes“

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Von: Judith von Sternburg

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„Borowski und der Schatten des Mondes“: Susanne und Klaus, Mina Rueffer und August Milberg, auf dem Weg zum Festival. Foto: Christine Schroeder/NDR
„Borowski und der Schatten des Mondes“: Susanne und Klaus, Mina Rueffer und August Milberg, auf dem Weg zum Festival. © NDR/Christine Schroeder

Dunkel, nostalgisch, ziemlich gelungen: Der ARD-Tatort „Borowski und der Schatten des Mondes“ aus Kiel.

Kiel – Unerbittlich ist der Tatort in der ARD und sind die, die ihn schreiben – in diesem Falle Patrick Brunken und Torsten Wenzel – in der Einsortierung bestimmter Personengruppen als hochverdächtig. Hier: die Freund:innen der E-Musik sowie der Jagd. Man wird aufmerken, wenn Brahms’ „Deutsches Requiem“ durchs Häuschen des Ehepaars Mertins (Stefan Kurt und Lena Stolze) wabert, ausgerechnet die Nr. 6, „wir werden nicht alle entschlafen, wir werden aber alle verwandelt werden, und dasselbige plötzlich in einem Augenblick, zu der Zeit der letzte Posaune“.

Ebenso wird man aufmerken, wenn sodann ein auf der Strecke gebliebenes Reh fachmännisch zerlegt wird. Aus dem Reh quillen Dinge, die man nicht sehen will. Auch der Sohn des Jägers ist nicht begeistert. Der Jäger sagt zum Sohn: „Sei nicht so’n Schlappschwanz“, und zum Kommissar sagt er: Er gehöre hoffentlich nicht zu jenen, die alle Jäger für potenzielle Mörder hielten. Borowski: Er halte jeden Menschen für einen potenziellen Mörder. Er hat auch einen gewissen Vorsprung: Als Mordwaffe kommt ein Saufänger in Frage. Laien brauchen einen Moment, um das Wort zu erfassen, weil sie an Schnaps denken. Schnaps passt im Prinzip aber auch zum Thema bei diesem vom NDR produzierten Tatort aus Kiel.

ARD-Tatort aus Kiel: Irre Zufälle, aber denkbar

Ein Thema, das Brunken und Wenzel in diesem Tatort aus Kiel geschmeidig genug variieren, um trotz der Zufälle, die sie dafür benötigen – irre, aber doch vorstellbare, schicksalshafte Zufälle –, die Spannung über einige Zeit zu halten. Hätte man eine frühe, hochverräterische Bemerkung des „Requiem“-Hörers gestrichen, wäre es noch spannender gewesen. Wie Borowski kreist man, streift man gleichwohl eine Weile um die Gemengelage, liegt fast, aber nicht ganz richtig. Axel Milberg, in der wunderbar minimalistischen Darbietung eines getroffenen, hellwachen Menschen, bewegt sich tatsächlich wolfartig, wie von Instinkten geleitet durch diese Geschichte und die waldreiche Gegend, in der sie spielt. Es ist faszinierend, dass ausgerechnet einer so knuspertrocken norddeutschen Natur immer wieder einmal tranceartige Zustände ins Drehbuch geschrieben wurden. Auch hier funktioniert das ausgezeichnet. Zumal es mit ehrlicher Polizeiarbeit kombiniert wird: Lesen, fragen, nachdenken, schauen.

RolleDarsteller
Klaus BorowskiAxel Milberg
Mila SahinAlmila Bagriacik
Michael MertinsStefan Kurt
Antje MertinsLena Stolze
Junger BorowskiAugust Milberg

Ein getroffener Mensch: Das besonders Abscheuliche der Tat und der Taten, aufgemotzt noch dazu wie im skandinavischen Krimi, wird von einer tragischen Vorgeschichte grundiert. Das Skelett, das im Wurzelwerk einer von Sturm und Trockenheit niedergelegten Eiche aufgefunden wird, gehört zu einem Mädchen, mit dem der junge Borowski im September 1970 zum Love-and-Peace-Festival auf Fehmarn unterwegs war. Die Anfahrt schwierig, und während der junge Borowski am Aufgeben ist und zu Hause anrufen will – das Kleingeld fällt ihm runter, so war das damals –, steigt das Mädchen kurzerhand als Anhalterin in einen VW-Bus.

Kiel-Tatort in der ARD – Jimi Hendrix auf Fehmarn

Es geht hier um die Unaufmerksamkeiten, den Trotz und die kleinen Fehler, die tausendmal im Leben auftreten, und dann sind die Folgen auf einmal katastrophal. Die Rückblenden werden auch in der Regie von Nicolai Rohde liebevoll ausgestaltet – allein der damalige Kommissar, Karsten Antonie Mielke, ist bereits sehenswert in seiner Lässigkeit und Melancholie – und gewinnen Zusatzcharme, indem August Milberg, Axel Milbergs Sohn, hier erstmals vor der Kamera steht. Eine fröhliche Vater-Sohn-Einlage in einer auch in dieser Hinsicht ansonsten herrschenden Finsternis.

Zur Sendung

„Tatort: Borowski und der Schatten des Mondes“, ARD, Sonntag, 10.04.2022, 20.15 Uhr.

Borowski, der schon etwas ahnt, ist nach seiner Art verschwiegen, aber auch an dieser Stelle sind Buch und Regie clever genug, das nicht zu Tode zu reiten (eher die Luftaufnahmen, die aber auch reizvoll sind). Ja, es kommt raus, ja, er wird wegen Befangenheit sofort beurlaubt, aber Almila Bagriacik als Kollegin Sahin und Thomas Kügel als Chef Roland halten den Ball flach. Überhaupt zeigt „Borowski und der Schatten des Mondes“ ein Gespür fürs Gesprächsatmosphären und für Tempo. Unendlich Zeit scheint zwischendurch zu sein, um die Trauer, vielmehr die lebenslange Glücksvernichtung für den Vater der Toten zu zeigen.

Weil es bei aller Nächtlichkeit ein lebenszugewandter Tatort ist, zitieren wir noch aus dem PR-Interview mit dem 18-jährigen August Milberg. Er wird gefragt, ob er gerne Anfang der 70er gelebt hätte. „Mit Sicherheit. Der technische Fortschritt hatte einen angenehmen Punkt erreicht, die Anzahl der Menschen auf der Erde war geringer und die Musik besser als heute.“ (Judith von Sternburg)

Der Köln-Tatort „Hubertys Rache“ in der ARD hatte zuletzt statt eines herkömmlichen Geiseldramas eine interessante psychologische Studie geboten.

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