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Lassen Sie diese Frau nicht in Ihr Leben treten: Katrin Wichmann als Peggy.

„Tatort“, ARD

Fischers Frau ohne Fisch

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Ein böser und sehr witziger Tatort aus Kiel führt Neid, Gier und bodenlose Dummheit vor.

Seit Hauptkommissar Borowski, Axel Milberg, sich nicht mehr an seinen Kolleginnen abarbeitet und ein weniger schlecht gelaunter Mensch geworden ist, kann sich der Kieler NDR-Tatort wieder viel besser im Leben da draußen umschauen. Im Leben da draußen gibt es fürchterliche Leute. Manchmal wissen sie es selbst noch nicht. Peggy lernen wir kennen, als sie ihr nett eingerichtetes Wohnzimmer schrottet, aber was davor geschah, müsste auch ihr ein Rätsel sein.

Es gibt für Peggy jedoch keine Rätsel, und auch sie selbst ist keins. Katrin Wichmann spielt die mit einem arglosen Biertrinker und Handwerker verheiratete Supermarktkassiererin hinreißend geheimnislos. Peggy ärgert sich aber plötzlich darüber, dass die neuen Nachbarn im viel schickeren Haus gegenüber, ein gutaussehendes, wohlhabendes und gebildetes Paar, anscheinend soeben den Lotto-Jackpot gewonnen haben. Peggy will selbst den Lotto-Jackpot gewonnen haben.

Jetzt will sie den Lottoschein. Auf der Suche im Nachbarhaus – Peggy ist wie programmiert, trifft Sicherheitsvorkehrungen, aber nicht besonders viele –, wird sie erwischt und fühlt sich missachtet. Das stimmt, andererseits ist sie eine Einbrecherin. Peggy ist nicht die hellste, auch setzt sie keine Prioritäten beziehungsweise nur eine Priorität: den Lottoschein. Und jetzt begeht sie einen Mord. Obwohl sie kein Genie des Verbrechens ist, fällt kein Verdacht auf sie. Warum auch.

Allerdings lässt Peggy noch lange nicht locker, während Borowski langsam anfängt, sich ein klein wenig für sie zu interessieren. Ein bezauberndes Katz-und-Maus-Spiel entwickelt sich. Auch wer es nicht leiden kann oder misogyn findet, dass in „Inspector Barnaby“ in letzter Sekunde fast immer eine Frau überführt wird, wird der Täterin Peggy nicht das Beste wünschen können. Denn Sascha Arango (Buch) und Andreas Kleinert (Regie) erlauben sich eine knallharte, witzige Satire auf die vielbeschworene Wut der sogenannten kleinen Leute.

Peggy – Gier, Neid, Dummheit, Schläue, Egoismus in sensationeller Ausschließlichkeit – ist der Alptraum jedes vernünftigen Menschen. Zugleich ist sie, darum schließt sie sich keiner Gruppierung an, eine Märchenfigur. Nicht auszudenken, was passieren würde, wenn sie den Wünsche erfüllenden Fisch zur Verfügung hätte.

Das Gefühl, jetzt endlich mal (was? inwiefern?) selbst dran zu sein und es verdient zu haben, wird in den gängigen Formulierungen und in einem klassischen Den-Leuten-aufs-Maul-Schauen transportiert. Und weil es sich um eine wirklich unfreundliche Satire handelt, huscht immer wieder einmal eine alte, stille Flaschen- und Müllsammlerin durchs Bild.

Peggys Mann, der sanfte Aljoscha Stadelmann, und ihre unbedarft vergnügte Supermarktkollegin, Stefanie Reinsperger (Salzburgs Ex-Buhlschaft, Schauspielerinnen können einfach alles), hätten zwar nichts gegen das viele Geld. Aber ohne geht es ihnen doch auch gut. Diese Passagen haben einen hundsgemeinen Zug in die Comedy-Welt und ihre unsubtile Art der Lächerlichmachung. Gerade dadurch ist es aber so überzeugend, wie Arango und Kleinert immer wieder eine verblüffende Wendung einbauen. Borowskis neue Kollegin Mila Sahin, Almila Bagriacik, die sich auf den ganzen traditionellen Psychoquatsch des Kiel-Tatorts nicht eingelassen hat – allerdings ein blaues Auge mit Würde trägt –, sucht eine Wohnung. Borowski soll sich kurzfristig als Vater eines nicht vorhandenen zukünftigen Kindes zur Verfügung stellen, um die Chancen im familienfreundlichen Haus zu erhöhen. Viel zu oft gesehen, solche Szenen, denkt man, aber Borowski hat noch etwas in der Hinterhand. Er ist überhaupt wie neugeboren.

„Borowski und das Glück der Anderen“ pirscht sich nach der Eingangsszene (mit dem Rasenmäher über den Plüschteppich und in den Glasschrank, von Johann Feindt schmuck aufgenommen, aber nicht als Riesenklamauk) insgesamt unaufdringlich heran. Womöglich erwartet man da noch das übliche Tatort-Sozialdrama. Bestimmt ist Peggys Mann ein Schläger. Bestimmt quält sie sich damit, mehr oder weniger aus Versehen zur Mörderin geworden zu sein. Aber nicht doch.

„Borowski und das Glück der Anderen“ ist vermutlich auch der erste Tatort seit zehn Jahren, in dem die kühlen, schönen Leute mit den schicken Möbeln nichts verbrochen haben. Als Peggy sich an die Nachbarin, Sarah Hostettler, wendet, zeigt sich die kühle Frau als freundlicher, normaler Mensch. Damit wird Peggy nicht fertig. Man lacht, aber man hat auch Angst vor Peggy. Borowski muss das in Ordnung bringen.

„Tatort: Borowski und das Glück der Anderen“, ARD, So., 20.15 Uhr.

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