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Freiburg-Tatort in der ARD: „Saras Geständnis“ – Was war, und was es hilft

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Von: Judith von Sternburg

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Sara, Johanna Wokalek (l.), mit Ines, Annette Strasser.
Sara, Johanna Wokalek (l.), mit Ines, Annette Strasser. © Benoit Linder/SWR

Der dezente und trotzdem starke Freiburg-Tatort „Saras Geständnis“ am Sonntag im TV-Programm der ARD zeigt das Große im präzisen Kleinen.

Es ist ansprechend, wenn die Polizei im Tatort nicht immer nur das herausfinden muss, was das ARD-Fernsehpublikum bereits weiß oder so deutlich ahnen muss, dass es diese Ahnung auch den Damen und Herren vom Kommissariat wünschen würde. Hier ist die Lösung nicht einmal besonders originell, aber das lange vermisste Zwischenstück an Information findet sich erst neun Minuten vor dem Schluss.

Was heißt hier auch originell? Franziska Tobler und Friedemann Berg, Eva Löbau und Hans-Jochen Wagner, sitzen halt am Schreibtisch und grübeln. Sie lesen Akten und reden, und dann grübeln sie wieder. Manchmal sind sie unterwegs, Berg tritt in Hundedreck, sie fahren zu etwaigen Zeugen, dann werden ihnen weitere Akten angereicht. Dann grübeln sie wieder. Es ist spannend und interessant, auch ist es zielführend.

Außerdem liegt in Freiburg Schnee, und einmal müssen sie einem Typen hinterher rennen. Vorne rutscht der Mann, Tobler hinterher, Berg bald außer Sichtweite. Tobler und der Mann rennen mit dieser drosselnden, strapaziösen Vorsicht, die man bei solchem Untergrund braucht, es dauert ewig, denn beide haben Kondition und Durchhaltewillen, aber geredet werden kann jetzt natürlich nicht. Regisseur Kai Wessel und sein Kameramann Andreas Schäfauer lassen das scheinbar bloß so laufen. Aber die Intensität ist immens und spürbar, gerade weil sie flüchtig ist.

ARD – Freiburg-Tatort am Sonntag vermeidet das Überdeutliche (TV-Kritik)

Die Vermeidung des Überdeutlichen, die leichte Unschärfe, die mehr Menschen und Situationen haben, als es die meisten Fernsehkrimis zugeben wollen, prägen „Saras Geständnis“ auf ein feinsinniges Drehbuch von Astrid Ströher. Sie und Wessel müssen sich einig darin gewesen sein, das Große im präzisen Kleinen zu zeigen und nicht alles immer nachzubesprechen. Vieles bleibt so stehen. Zum Beispiel die fabelhafte Sequenz, in der Ermittler Berg mit einer ungemein realistisch aggressiven Gafferin und Handy-Mitfilmerin aneinandergerät, nachher damit viral geht und dafür offenbar im Präsidium einen Kasten Bier ausgeben muss.

„Tatort: Saras Geständnis“

Sonntag, 13.02.2022, 20.15 Uhr, ARD

Oder die kleine Feier für Sara, die soeben aus dem Gefängnis entlassen worden ist. Oder die Szenen, in denen sie bei der Arbeit in der Großküche penetrant belästigt wird und vorerst darüber hinweggeht. Denn ihre Position ist ungünstig. Was Sara jetzt will, ist den Rest ihres Lebens friedlich anzugehen. Mit ihrer Tochter sieht man sie beim Einkaufsbummel. Der Schal gefällt ihr nicht. Sara hat Probleme, sie möchte ihre Ruhe, aber sie ist auch ein Mensch mit Vorstellungen und eigenem Willen, und vielleicht ist sie auch etwas manipulativ, oder?

TV-Krimi in der ARD: Freiburg-Tatort zeigt auch Routinearbeit der Polizei

Vor allem ist es also Johanna Wokalek, die den Film prägt, auch sie mit einer Präsenz, die sich nicht abmühen, ausstellen oder erläutern muss. Die Konstruktion, in die ihre Sara geraten ist, erinnert an den Kölner Tatort aus der vergangenen Woche. Fünf Jahre war Sara im Gefängnis, weil sie ihren Vater erstochen haben soll, anders als der Schauspieler in „Vier Jahre“ hat sie die Tat damals aber gestanden. Jetzt zeigt sich, dass sie angesichts ihres damaligen Alkoholrausches nicht sicher ist, ob sie es getan hat.

Gestanden hat sie, sagt sie, aus Erschöpfung, im Verhör ist sie von dem inzwischen pensionierten Ermittler, Werner Wölbern, unter Druck gesetzt worden. Tobler und Berg – gemeinsam fast die Vernunft in Person und neben Johanna Wokalek, das ist eine Leistung, dennoch nicht langweilig – sind entsetzt. Allerdings kommt der Fall nur zur Wiedervorlage, weil – der Klassiker – kurz nach Saras Entlassung wieder ein Toter in der Nähe liegt.

Das Getriebe der Ermittlungsarbeit läuft zäh wie das Getriebe des Verbrechens, das im Dunkeln bleiben will. Erst als das Böse ans Licht kommt, muss es schnell versuchen wegzuwieseln. Auch das sehenswert: Action und Polizeiroutine, dazu die blanke Verblüffung. Es klärt sich nicht alles. Das meiste klärt sich nicht und steckt ja auch nicht wirklich in der Frage „Wer war’s?“. Trotzdem gut, es dann zu wissen. (Judith von Sternburg)

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