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Stuttgart-Tatort (ARD): „Der Mörder in mir“ überzeugt mit Liebe zum Detail

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Von: Sylvia Staude

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Das Ehepaar Dellien, er ratlos und schuldbewusst, sie fassungslos. Bild: SWR/Benoît Linder
Das Ehepaar Dellien, er ratlos und schuldbewusst, sie fassungslos. Bild: SWR/Benoît Linder © SWR/Benoît Linder

Niki Steins großartiger Stuttgart-Tatort „Der Mörder in mir“ erzählt nur von Fahrerflucht. Aber was heißt da schon nur?

Stuttgart – Ein Mann fährt durch Dunkelheit und Regen. Er telefoniert, ist abgelenkt. Aber hätte er andernfalls den Obdachlosen gesehen, der am Straßenrand ein schwer bepacktes Rad schiebt? Eher nicht: Dunkel gekleidet, nichts Reflektierendes, nirgends. Nur eine rot-weiße Kappe auf dem Kopf, sie wird noch eine Rolle spielen.

Der Mann im Auto erschrickt, etwas, jemand ist gegen seinen Wagen geprallt. Er fährt an den Straßenrand, steigt aus. Nimmt einen Schirm aus dem Auto, geht ein paar Schritte zurück – zögert einen Augenblick, kehrt wieder um, wirft den Schirm auf den Rücksitz, steigt in seinen Wagen, fährt davon. Er weiß, dass das falsch ist. Er hat nicht den Mut nachzusehen.

„Der Mörder in mir“ lautet der Titel des neuen Stuttgart-Tatorts. Und wer jetzt denkt: Ist man denn wegen Fahrerflucht und aus Feigheit gleich ein Mörder?, der ist schon bei der Kernfrage dieses so ungewöhnlichen wie großartigen Kriminalfilms von Niki Stein, Buch und Regie. Ungewöhnlich, großartig, denn in keinem Moment bedient Stein die Sonntagabendkrimi-Erwartung. Er nimmt dem Zuschauer, der Zuschauerin das moralische Denken und Entscheiden nicht ab. Er erzeugt das unbequeme Gefühl, dass einem das auch passieren könnte: Dass man allein auf einer unbeleuchteten Straße diejenige oder derjenige sein könnte, der das Schlimme tut, der einsteigt und fährt. Sich vielleicht tatsächlich einredet, dass es ein Reh oder Wildschwein war.

Nicholas Reinke ist Ben Dellien, ein Anwalt, der von seinem Chef gerade für den Aufstieg vorgesehen ist. Nicht abgebrüht, kein guter Lügner, kein schlechter Kerl, gewiss nicht, ein ganz normaler Typ. Seine Frau Johanna, Christina Hecke, merkt ihm gleich an, dass etwas passiert ist; der erzählt er die Sache, weint, will die Polizei rufen. – Was, jetzt will er sich stellen? Johanna Dellien findet, jetzt kann er seine fatale Entscheidung nicht mehr rückgängig machen. Der Mann ist tot, was soll das bringen, die Wahrheit, außer Gefängnis für ihn? Man kann den Rat der Ehefrau vernünftig finden, durchaus, die beiden haben zwei Kinder, sie ist außerdem hochschwanger.

Stuttgart-Tatort „Der Mörder in mir“: Fall beschäftigt Pathologen

Und die Kommissare? Legen auch nicht gerade mit Feuereifer los, wollen wissen, was sie am Ort einer Fahrerflucht eigentlich sollen. Weit mehr als Lannert und Bootz, Richy Müller und Felix Klare, beschäftigt dieser Fall zunächst den Pathologen, Jürgen Hartmann, denn er ahnt schon vor der Autopsie, dass dieser Mann „ohne festen Wohnsitz“ hätte gerettet werden können, dass es Stunden gedauert hat, bis er innerlich verblutet ist.

Aber nach und nach packt es sie. Lannert kann sich später nicht mehr trennen von einem Plüschhasen, den das Opfer dabei hatte. Bootz ist sowieso in der Krise: „Manchmal hab ich einfach keine Lust mehr.“ Aber natürlich machen sie weiter. Irgendjemand muss dafür sorgen, dass Regeln eingehalten werden. Mit ihrem akuten Mordermittler-Blues sitzen sie einmal zusammen, trinken, reden über das Leben und ihre Arbeit. Auch das ist eine unaufgeregte, unforcierte Szene.

Der wohlhabenden Anwaltsfamilie Dellien (auch Johanna wird bald nach der Entbindung wieder arbeiten gehen) stellt Niki Stein die Alleinerziehende, Tatiana Nekrasov als Laura, gegenüber, die in einer großen Autowasch- und Autoinnenreinigungs-Anlage arbeitet. Sie kennt den Mann – ihr Sohn geht mit seinen Kindern in die Schule –, der sie da mitten im Putzen unterbricht, auf der Stelle fahren muss, ein wichtiger Termin. Eine rot-weiße Kappe bleibt liegen, sie nimmt sie mit, sie wohnt ja in der Nähe. Bald wird sie dank Fernsehen und Zeitung zwei und zwei zusammenzählen.

Tatort: „Der Mörder in mir“ (ARD): Liebe-zum-Detail

Aber nein, es passiert nun nicht, was in einem mittelmäßigen Tatort oder Polizeiruf passieren würde. Nicht nur Laura Rensings Entscheidungen, aber vor allem ihre sind so überraschend wie andererseits nicht unplausibel. „Sie schulden mir nichts“, sagt sie einmal zu Ben Dellien.

„Der Mörder in mir“ ist auch ein Liebe-zum-Detail-Tatort, bei dem Sie nicht mal schnell die Chips holen oder die Geschirrspülmaschine ausräumen sollten. Sie könnten den völlig nebenbei gesprochenen Satz verpassen: „da geht irgendein Virus rum“. Sie könnten verpassen, wie Bootz dem Anwalt Delliens einen Cappuccino mit Kakaoherz macht.

„Tatort: Der Mörder in mir“, ARD, So., 20.15 Uhr.

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