Tatort aus Wien

Tatort „Krank“: Die große Verkommenheit - Schurken hinter der Alternativmedizin

  • Judith von Sternburg
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Der Tatort „Krank“ aus Wien wendet sich diesmal der Alternativmedizin zu. Die TV-Kritik zum Krimi in der ARD.

  • Mit dem Thema Alternativmedizin beschäftigt sich der Tatort „Krank“ in der ARD.
  • Der Krimi aus Wien zeigt die Verkommenheit der Gesellschaft und die Schurken hinter den Globulis.
  • Die TV-Kritik.

Auch dieser Tatort aus Wien führt die Verkommenheit der Gesellschaft smart und krass vor Augen, und die Verkommenheit der Gesellschaft besteht wie immer aus systematischem Übel und schurkischen Menschen.

Tatort „Krank“ in der ARD: Kind stirbt, weil Vater sich vermutlich auf „sanfte Medizin“ verlassen hat

Das systematische Übel ist schwerer zu greifen, obwohl es sich um eine Tragödie handelt. Ein Kind ist gestorben, vermutlich weil der Vater sich auf die von ihm praktizierte „sanfte Medizin“ verlassen hat. Die Großeltern haben es geschehen lassen. Die Richterin – ja, es kommt zum Prozess – sieht es nicht als erwiesen an, dass der Vater schuld ist. Der Mutter, Sabine Timoteo, ist schon zuvor das Umgangsrecht mit dem Kind verwehrt worden. Sie ist eine kolumbianische Terroristin. In Rückblenden ist sie in heller Verzweiflung zu erleben – nichts Schrecklicheres will einem einfallen, als eine Mutter, die ihrem Kind nicht helfen darf –, aber das täuscht nicht über die Komplexität der Gemengelage hinweg.

Nun wird der soeben freigesprochene Vater noch vor dem Gerichtsgebäude überfahren. Auch das „Hunderl“ der zuständigen Richterin gehört bald zu den Todesopfern.

TV-Kritik zum Tatort „Krank“ aus Wien (ARD): Die einen sind so böse

Das Schurkentum ist abschattiert, aber seine Grundlage ist erneut die blanke Geldgier, hier von adrett futuristisch gekleideten Angehörigen einer Firma für Alternativmedizin. Die einen verhindern bloß nicht die nächste Missetat, die anderen begehen sie. Der schlimmste Schurke – unverhohlen Jan Erik Rippmann, der den „Rogue“ (Schurken) schon im Namen Roggisch trägt, als wären wir im Theater – ist so schlimm, dass man selbst in einer schurkischen Logik nicht mehr ganz hinterherkommt.

Eine Folge davon ist eines jener wilden Eingangstableaus, auf die die Handlung selbst als lange Rückblende folgt – mit weiteren Rückblenden, eine routinierte, aber immer wieder imposante Schachtelei, die Rupert Henning, Buch und Regie, noch dadurch steigert, dass er auf die üblichen Zeitangaben verzichtet.

Zur Sendung

„Tatort: Krank“: ARD, Sonntag (25.10.2020), 20.15 Uhr.

ARD: Wer beim Tatort aus Wien zu skeptisch ist, verliert den Anschluss

Man muss sich drauf einlassen, man muss dran glauben, dann ist „Krank“ ein guter Tatort. Wer zu skeptisch ist, verliert den Anschluss: Ein Club der Sektierer und ein im Nahkampf ausgebildeter kolumbianischer Racheengel, der durch Wien marodiert? Das passt jedoch zum Thema. Henning lässt wissenschaftliche und religiöse Glaubensfragen diskutieren, dazu ist Bibelfestigkeit gefragt. Aber wird sie nicht auch etwas pompös inszeniert?

Muss ich einen Judaskuss vor mir sehen, um zu verstehen, was damit gemeint ist? Interessant gleichwohl der Versuch, die Diskussion trotz der Formel „Sanfte Medizin ist ein hartes Geschäft“ nicht zu klischeehaft zu gestalten. Geradezu durchgeistigt die Gespräche mit dem Gerichtsmediziner Kreindl, Günter Franzmeier, erfrischend der Besuch beim robusten Physiotherapeuten, Martin Leutgeb, auch nicht übel die anstrengende Zusammenarbeit mit dem Herrn Schubert, Dominik Warta, vom Verfassungsschutz.

Tatort „Krank“ aus Wien in der ARD: Gereizte Stimmung ist ein Spaß

Die gereizte Stimmung ist ein Spaß, sie gehört aber zugleich zu den Holzwegen der Handlung. Am besten ist „Krank“ im 1 zu 1, beziehungsweise 1 zu 2 – zwischen (fremdes Österreich!) Oberstleutnant Eisner und Major Fellner, Harald Krassnitzer und Adele Neuhauser, geht kaum ein Blatt Papier.

Was aber hat Krassnitzer (r.) eigentlich gegen Schubert (l.)? Szene aus dem Tatort „Krank“ aus Wien.

Es bleiben Wendungen, die wir mit ins Leben hinausnehmen wollen. Böse Menschen sind Typen, „die bis zum Frühstück mindestens drei ethische Grenzen überschritten haben“. Umgangsformen sind „keine Formen, die umgangen werden sollen“. Es bleiben schließlich auch Fragen, zu den einfachsten gehört diese: Wie groß muss ein Hund sein, um in Österreich nicht mehr als Hunderl bezeichnet zu werden? (Judith von Sternburg)

Rubriklistenbild: © ARD Degeto/ORF/Lotus Film/Anjeza

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