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Sebastian Bootz (Felix Klare) und Thorsten Lannert (Richy Müller) wollen sicher gehen, dass beim Tod zweier pflegebedürftiger Männer nicht nachgeholfen wurde.

„Tatort: Anne und der Tod“, ARD

Das große Schweigen

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Der außergewöhnlich gestaltete, sehr intensive SWR-Tatort „Anne und der Tod“ weckt erst spät Zweifel.

Dunkel und ungewöhnlich ist dieser Stuttgarter Tatort auf mehreren Ebenen. Formal, indem Wolfgang Stauchs Buch über weite Strecken mit satzlangen, halbsatzlangen Einstellungen arbeitet. Inhaltlich, indem die Herrn Kommissare ihr Privatleben hintanstellen und krass einspurige Ermittlungen führen. 

Ganz schön eng hier, das ist eine aparte Parallele zu Dietrich Brüggemanns „Stau“-Tatort, aber die Enge ist diesmal eher seelisch & geistig zu verstehen. „Anne und der Tod“ ist zwar ein radikaler Verhör-, Analyse- und außerdem Actionvermeidungstatort, aber das Verhör und die Analysen sind nicht als Kammerspiel gestaltet. Vielmehr werden die Klärungsversuche ständig durch die Reihen der Mitspielenden gereicht. 

Die Frage, die der Kommissar seinem Kollegen stellt, beantwortet da schon der Pathologe, der sich den Satz vielleicht mit einem Techniker teilt. Das ist aber kein Spaß, das ist ein reizvoller und gut gemachter Verzicht auf Präliminarien und Verzögerungen, und in der Inszenierung von Jens Wischnewski wirkt es unhektisch, aber zügig.

Tatort-Kommissare Lannert und Bootz sind unbeirrbar

Dazu gehört auch der Einstieg irgendwo in der Mitte der Geschichte. Bei den dann folgenden Rückblenden bekommt das Publikum keine Orientierung außer vielleicht einem Wollpulliwechsel. Überhaupt bleibt man beim Gucken ziemlich allein mit seiner Unsicherheit, wohingegen die Herrn Kommissare Lannert und Bootz, Richy Müller und Felix Klare, gar nicht unsicher sind. Oder nur abwechselnd ein ganz klein bisschen unsicher. Das ist zunehmend irritierend. 

Zu Recht wird zwar oft beklagt, das Privatleben und die Privatansichten der Herrn Kommissare sollten nicht der zentrale Gegenstand eines Tatorts sein, jedoch muss die Alternative ja nicht gleich zur Derrick-Schlaumeierei werden. Wird es in diesem Fall aber. Lannert und Bootz sind unbeirrbar – wenn auch, wie gesagt, abwechselnd – überzeugt von der Schuld der Titelheldin, einer Altenpflegerin, der sie vorwerfen, in irgendeiner, bislang überhaupt nicht nachweisbaren Form am Tod zweier Kunden schuld zu sein.

Die Altenpflegerin wird von Katharina Marie Schubert gespielt, die das sensationell macht, indem sie entgegen allen Zumutungen durch die Polizei die Fassade der Höflichkeit aufrechterhält. Ihre defensive Haltung, ihr Lächeln, ihr Leise-Bleiben und zu vermutendes Gar-nicht-laut-werden-Können dürften mit ihrem Beruf zusammenhängen, man bewundert das beim Zuschauen. Sie ist ja nicht geduckt, sie bemüht sich einfach, die Fassung zu bewahren. Das sieht man selten im Fernsehen, auch selten im Theater übrigens. Lannert und Bootz, interessant, wirken dadurch in ihrer konventionellen Zähigkeit auch immer unsympathischer, vielleicht liegt es auch im Blick der Betrachterin. Die Regie bemüht sich apart, auf die gängigen nonverbalen Hinweise auf Schuld oder Unschuld zu verzichten.

Tatort „Anne und der Tod“ spricht das Thema Verdrängung nicht an

Die Recherchen führen zu den Familien der Toten, auch zu weiteren Kunden Annes. Auch hier gelingt es den Kommissaren nicht, sich adäquat zu verhalten. Egal ob das dem Film unterlaufen ist (unwahrscheinlich) oder in der Absicht der Macher lag, gibt es „Anne und der Tod“ einen überdurchschnittlichen Realismus mit. Das Thema Verdrängung wird nicht angesprochen und ist allgegenwärtig. Einmal sagt Anne: „Herr Fuchs (einer ihrer Toten) war keine zehn Jahre älter als Sie, Herr Lannert.“ Wesentlicher für die Kriminalhandlung, allerdings auch etwas weniger subtil eingearbeitet ist das Thema des Schweigens auf mehreren Ebenen.

Seltsam nämlich: Gerade weil „Anne und der Tod“ ein so bedächtiger Tatort ist, wendet sich im Laufe der Zeit auch manches gegen ihn. Anne selbst irritiert schließlich in ihrer geradezu aktiven Passivität, aber auch der pechschwarze Blick auf die Altenpflege. Alles ist so still, dass man erst spät merkt, dass hier echt nichts ausgelassen worden ist.

„Tatort: Anne und der Tod“, ARD, So., 20.15 Uhr.

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