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Das Bali-Kino im Bochumer Hauptbahnhof ist eins der letzten seiner Art.

„Cinema Perverso“, Arte

Die Tarantino-Ressource

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„Liebe, Laster, Grausamkeit“ – Schmuddelkino auf Arte? Tatsächlich. Verdientermaßen. Als Dokumentation über die untergegangene Institution des Bahnhofskinos. Manche der dort gezeigten Filme sind heute zumindest unter Kennern rehabilitiert.

Eigentlich meint der Begriff B-Movie eine Kategorisierung. Filme dieser Art waren die billigeren Beiprogramme der teuren Prestigeproduktionen. Mit B-Movies hielten die großen Hollywoodstudios ihren Betrieb in Gang, kleinere Unternehmen fanden hier eine lukrative Nische. In Deutschland aber könnte B-Movie auch für Bahnhofs-Movie stehen.

Die Bahnhofskinos, meist „Bali“ für Bahnhofslichtspiele oder „Aki“ für Aktualitätenkino benamst, waren eine westdeutsche Besonderheit. Sie entstanden nach dem Zweiten Weltkrieg in der Phase des Wiederaufbaus. Eine Einrichtung zum beiderseitigen Nutzen der beteiligten Partner: Die Bahn fand in den Kinobesitzern Finanzpartner beim Bau der neuen Bahnhöfe, die Kinobesitzer konnten auf beträchtlichen Publikumszulauf hoffen.

Superhexen, Totenchöre, Muskelprotze

Der Filmautor Oliver Schwehm widmet diesem Phänomen des Kinomarktes eine liebevolle, dabei auch kundige Würdigung. Schon der Vorspann ist gekonnt im Stil eines dieser reißerischen Trailer gestaltet, mit denen Leinwandkracher wie „Die nackten Superhexen vom Rio Amore“, „Der Totenchor der Knochenmänner“, „Nackt und zerfleischt“ angekündigt wurden. Solche Filme prägten bereits die zweite Phase der Bahnhofskinos, die mit zunehmender Popularität des Fernsehens ein Gegenprogramm spekulativer Bilder boten.

Billig gemachte, günstig einzukaufende Filme fanden hier ihr Publikum. Das Zirkusmotto „Menschen, Tiere, Sensationen“ trifft recht gut, was geboten wurde. In den frühen Sechzigern vor allem üppig ausgestattete italienische Sandalenfilme mit kraftstrotzenden Heldendarstellern wie Reg Park, dem ein junger österreichischer Bodybuilder namens Arnold Schwarzenegger alsbald nacheifern sollte.

Die Konjunktur der Genres wechselte, war zum Teil auch Spiegel der Zeit. Siehe das Beispiel Sexualität: anfangs züchtige Striptease-Filme aus Skandinavien, dann teils sogar halbwegs ernst gemeinte Aufklärung, schließlich freizügige erotische Darstellungen. Und am Ende bisweilen die Umwandlung eines Aktualitäten- in ein reines Pornokino.

Aber das Bahnhofskino war nicht auf derlei Angebote beschränkt. Italo-Western aus Südeuropa, Mafiafilme aus Italien, Horror aus England, Monsterfilme aus Japan, Martial Arts aus Hongkong – von deutschen Verleihern oft verstümmelt und dümmlich synchronisiert –, die ersten Slasher Movies mit expliziten Gewaltdarstellungen aus den USA. Auch manches aus einheimischer Produktion. Wenngleich, da könnte man „Cinema Perverso“ missverstehen, die Aufklärungsfilme des Dokumentarfilmers Oswalt Kolle und die Reihe „Der Schulmädchenreport“ in den großen Erstaufführungshäusern liefen. So billig diese Produktionen auch waren, es gab Nachahmer, die deren Etat und Niveau noch unterboten. Und diese Machwerke wanderten durch die Bahnhofskinos.

So wie auch einzelne Filme mit künstlerischem Anspruch, sofern sie zur Klientel zu passen schienen. Pasolinis „Die 120 Tage von Sodom“ und Ferreris „Das große Fressen“, Bertoluccis „Der letzte Tango in Paris“. Wobei man darüber philosophieren kann, wer sich nun wem annäherte …

Talentproben und verkannte Meister

Es war Gebrauchskino, vorgeführt im Nonstopbetrieb, gedacht zum Zeitvertreib für wartende Reisende, tatsächlich mit eigener Publikumsstruktur. Vor der Kamera erinnern sich unter anderem die Schauspieler Ben Becker und Mechthild Großmann, der Musiker Wolfgang Niedecken, Filmhändler Kai Nowak, die Regisseure Jörg Buttgereit und Uwe Boll sowie Frank Becker vom Medienarchiv Bielefeld an ihre Kinoerlebnisse unter den Dächern deutscher Verkehrsknotenpunkte. Belustigen sich über tolldreiste Geschichten, irrwitzige Regieeinfälle, halsbrecherische Stunts, äußern aber auch Respekt. Denn einige Low-Budget-Regisseure beherrschten ihr Metier, wurden später nobilitiert. Russ Meyer zum Beispiel, der dem Sexfilm eine feministische Wendung gab. David Cronenberg, John Carpenter, Jonathan Demme, George Romero, Joe Dante bedienten in den Anfängen ihrer Karrieren das Sub-Kino. Andere Könner blieben dem großen Publikum unbekannt.

Einer, das findet in dieser zugleich launigen und informativen Dokumentation, die von der Redaktion von Grimme-Preisträger Eric Friedler betreut wurde, keine Erwähnung, kennt die heimlichen Meister, schöpft aus diesem Fundus, preist ihr Können, wann immer sich Gelegenheit ergibt: Quentin Tarantino. Das US-Äquivalent zu unseren Bahnhofskinos waren die „Grindhouses“. Im gleichnamigen Doppelprogramm von 2007 mit den Titeln „Planet Terror“ und „Death Proof“ erwiesen Tarantino und Kollege Robert Rodriguez ihren Idolen aus der Billigsparte ihre Referenz.

Ironisch: Namentlich Tarantino findet heute Anerkennung bei Kritikern und Zuschauern, die B-Filme mit Titeln wie „Die Satansbrut des Colonel Blake“, „Ein Haufen verwegener Hunde“, „Ein schwarzer Tag für den Widder“ – von Luigi Bazzonis famoser Inszenierung und Vittorio Storaros ästhetischer Kameraführung kann noch der heutige Nachwuchs lernen – bei der Erstaufführung vermutlich allenfalls mit verächtlichem Naserümpfen wahrgenommen hätten.

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