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„Tár“ mit Cate Blanchett: Sinfonien des Zweifels

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Von: Daniel Kothenschulte

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Mit ihr ist immer und überall zu rechnen: Cate Blanchett als Lydia Tár. Nina Hoss spielt hinten die erste Geige. Foto: 2022 Focus Features
Mit ihr ist immer und überall zu rechnen: Cate Blanchett als Lydia Tár. Nina Hoss spielt hinten die erste Geige. Foto: 2022 Focus Features © 2022 Focus Features

„Tár“, Todd Fields faszinierende Gesellschaftssatire aus dem Musikbetrieb, ist tiefschwarze Satire und betörendes Rätsel zugleich

Wann ist das Kino wirklich zurück? Wenn man einen Film gesehen haben muss, um mitreden zu können, zum Beispiel. Tatsächlich setzen einige derzeit etwas daran, genau die Sorte von Filmen zu machen, die sich – unabhängig von anderen Qualitäten – für abendfüllende Kneipendebatten eignen. Große Festivals zeigen höchstes Interesse an dieser neuen Art von doppelbödigen Gesellschaftssatiren.

Mehr noch als Ruben Östlunds Cannes-Gewinner „Triangle of Sadness“ erhitzt Todd Fields „Tár“ seit seiner Venedig-Premiere im September die Gemüter, vor allem in den USA. Erst jetzt erreicht seine pechschwarze Farce – nach einer opulenten Berlinale-Premiere – auch das Land, in dem sie überwiegend gedreht wurde; Cate Blanchett spielt ganze Szenen in deutscher Sprache. Field, der für beide seiner bisherigen Filme, „In the Bedroom“ und „Little Children“, Oscar-Nominierungen erhielt, schrieb ihr die Rolle einer in Berlin engagierten Dirigentin auf den Leib. Ohne ihre Zusage, sagt er, hätte es seinen ersten Film seit sechs Jahren nie gegeben; Nina Hoss spielt ihre Lebenspartnerin als Erste Geigerin des Orchesters.

Offensichtlich angeregt durch den Missbrauchs-Skandal um den Dirigenten James Levine und andere MeToo-Fälle, werden deren Muster auf eine weibliche Karriere übertragen. Damit sucht Field selbst die Kontroverse – schon die Darstellung einer lesbischen Paarbeziehung durch zwei heterosexuelle Schauspielerinnen steht in Konflikt zu Diversitäts-Vorgaben – die ihrerseits heftig umstritten sind. Ebenso zu erwarten waren Einwände gegen eine solche Handlungskonstruktion aus der Feder eines männlichen Filmemachers. Doch schon in der ersten Szene lässt Field keinen Zweifel daran, dass wir es eben mit nichts anderem als einer Konstruktion zu tun haben. Ähnlich Östlunds Satire „The Square“ zielt dieser Film auf einen elitären, scheinheiligen und von kommerziellen Interessen bestimmten Kulturbetrieb, der Verfehlungen begünstigt.

Es beginnt mit einer akademischen Lobpreisung von Blanchetts Filmfigur, der gefeierten Dirigentin Lydia Tár, und einem in epischer Breite geführten Interview. Adam Gopnik, Musikredakteur des „New Yorker“, führt das Gespräch und ernennt den großen Leonard Bernstein zu ihrem Mentor. Könnte das sein? Bernstein starb 1990. Der Film ist reich an solchen, mit Bedacht gesetzten Irritationen. Diese Chefdirigentin eines Orchesters, das den Berliner Philharmonikern nachgezeichnet ist, wird mit Ehren überschüttet, und Professorin an der New Yorker Juilliard School ist sie auch. In einer Unterrichtsstunde brüskiert sie einen Studenten, der aus fragwürdigen ethischen Gründen die Werke Bachs ablehnt.

Hier braut sich bereits etwas zusammen, aber noch sind wir auf ihrer Seite. In den Hinterzimmern der Berliner Philharmonie betreibt sie freilich ein anderes Spiel. Sie entlässt einen langjährigen Mitarbeiter und macht einer zeitweiligen Geliebten Hoffnung auf den Posten. Scheinbar großzügig verhilft sie zugleich einer jungen Cellistin zum großen Solo-Auftritt mit ihrem Paradestück, Edward Elgars Cello-Konzert. Doch da geistern ähnliche Fälle von Begünstigung schon durch die New Yorker Presse.

Man erkennt vieles davon wieder, doch Field zieht immer wieder verfremdende Register, die das Vertraute anders klingen lassen. Oder eine Atmosphäre Dario-Argento-haften Horrors streifen. Tár, die mit Partnerin und Tochter ein brutalistisches Design-Apartment bewohnt, hat ihre frühere Altbauwohnung nie aufgegeben. Gemütlich aber sind auch diese Räume nicht; auch durch das verranzte Bohème-Refugium weht ein kalter Wind; hier trifft sie die junge Cellistin zur privaten Probe und atmet einen Hauch von Wirklichkeit, wenn sie ihrer unbeherrschten Nachbarin begegnet. Was ist dieses andere, das diese machtbewusste Taktstock-Perfektionistin als zweite, chaotische Lebenssphäre braucht, wo beginnt ihr eigentliches Reich der Finsternis? Oder – umgekehrt – woran lässt sich eigentlich das vermeintlich Teuflische festmachen, das man dieser erfolgreichen Frau vielleicht etwas vorschnell in ihrem Machtstreben zutraut?

Dass sich Blanchetts Filmfigur vor unseren Augen scheinbar unaufhaltsam in eine überwirkliche Disney-Schurkin verwandelt, ist nur ein weiterer Verfremdungseffekt. Man kann sich an Stanley Kubricks „Eyes Wide Shut“ erinnert fühlen, so virtuos ist der Umgang mit Details – gerade, um uns die Grenze zum Irrealen übersehen zu lassen. Cate Blanchett, die längst Meryl Streep den Rang als bedeutendste lebende Filmschauspielerin streitig macht, verwandelt sich durch und durch in diese Dirigentin. Und lässt doch noch ein Stückchen frei, damit wir etwas ganz anderes in diese Figur projizieren. Seit ich diese Schauspielerin 2012 mit dem Stück „Groß und klein“ von Botho Strauß im Großen Festspielhaus von Recklinghausen sah, traue ich ihr alles zu. Und rechne überall mit ihr.

Nein, dieser verstörend-faszinierende Film gerät nie in Realismus-Verdacht. Gerade weil er auch Menschen mit Klassik-Expertise durch seine Hinterzimmer-Genauigkeit des Musikbetriebs in den Bann schlägt. Und dann doch alles so subtil verschiebt: Auch wenn offensichtlich Berlin der Spielort ist, sind die meisten Szenen im Kulturpalast Dresden mit den Dresdner Philharmonikern gedreht. Der Bau des DDR-Architekten Wolfgang Hänsch erlebt dabei ganz nebenbei eine faszinierende Wiederentdeckung.

Der Überschuss an Sorgfalt im Detail ist nie überfordernd, selbst wenn man wenig mit dem Klassikbetrieb zu tun hat, sondern stets bereichernd. Wie Hitchcock in „Der Mann der zuviel wusste“ nutzt Field die Theatralik der Konzertarchitektur. Und wie der Meister der Spannung orchestriert er faszinierende Psychogramme aus falschen Fährten. Gerade wenn wir zu wissen glauben, wie es um Tár bestellt ist, beginnt ein letzter Akt, der dann wirklich in einen Joseph Conrad’schen Dschungel führt.

Tár. USA 2022. Regie: Todd Field. 158 Min.

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