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Daniel Brühl und Rosamund Pike als die deutschen Geiselnehmer Wilfried Böse und Brigitte Kuhlmann.
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Daniel Brühl und Rosamund Pike als die deutschen Geiselnehmer Wilfried Böse und Brigitte Kuhlmann.

"7 Tage in Entebbe"

Tanz und Terror

  • Daniel Kothenschulte
    VonDaniel Kothenschulte
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Das historische Entführungsdrama "7 Tage in Entebbe" mit Daniel Brühl als Terrorist bleibt die Aufarbeitung eines wichtigen Kapitels der RAF-Geschichte schuldig.

Und wenn es nur der Eindruck einer spektakulären Bühnenchoreografie ist, der von diesem historischen Actionfilm in Erinnerung bleibt: Anfang und Schluss von „7 Tage in Entebbe“ führen auf die Bühne der großartigen Batsheva Dance Company in Tel Aviv, auch wenn sie zur Spielzeit dieses Entführungsdramas in dieser Form und vor allem mit der gezeigten Choreografie noch gar nicht bestanden hat.

Geboten wird eine pulsierende Szene aus Ohad Naharins „Decadance“, die von den Tänzern mit stakkatohaften Bewegungen auf Stühlen gespielt wird. Zu harten Trommelschlägen singt man die Strophen von „Echad Mi Yodea“, eigentlich ein lustiges Kinderlied zum Pessach-Fest, das hier eine dunkle Färbung bekommt: Die Tänzer reißen ihre Anzüge auf, legen ihre Körper bloß, schleudern ihre Schuhe in die Bühnenmitte. Es ist eine erstaunliche Mischung aus Kraft und Verwundbarkeit, die aus den minimalistischen Bewegungen erwächst. Das Stück ist fast schon ein moderner Klassiker.

Regisseur José Padilha möchte trotzdem, dass wir es ins Jahr 1976 datieren. Die Verbindung zum Entführungsdrama liefert eine Tänzerin, deren Freund, ebenfalls eine fiktive Figur, dem Einsatzkommando angehört.

Schon nach vier Minuten ist das Drama im eigentlichen Zentrum des Geschehens, der anti-israelisch motivierten Flugzeugentführung, die im Sommer 1976 auf dem Flughafen von Uganda endete. Zwei deutsche Angehörige der „Revolutionären Zellen“ hatten sich dazu mit zwei Mitgliedern der „Volksfront für die Befreiung Palästinas“ verbündet. Doch wer sich mit Padilhas Film einen neuerlichen Beitrag zur lange nur zögerlich geführten Debatte um das Verhältnis der europäischen Linken zu Israel erhofft, dürfte überrascht sein: Prominent führen die Namen der Darsteller der Deutschen – Rosamund Pike und Daniel Brühl – die Besetzungsliste an, und tatsächlich macht sie der Film geradezu zu tragischen Helden.

Schon während der Entführung zweifeln sie an ihrer terroristischen Berufung. Und der von Brühl gespielte Wilfried Böse wird am Ende gar zum Lebensretter der israelischen Geiseln. Die Palästinenser hingegen bekommen weit weniger Leinwandzeit. Bereits an Bord haben sie die Deutschen für die unangenehmeren Aufgaben eingeteilt, später in Entebbe lassen sie diese gegen ihren Willen Passagiere mit israelischen Pässen von den anderen, die man später freilassen wird, „selektieren“.

Das fällt vor allem Böse schwer: „Wir sind Humanisten, keine Nazis“ beteuert der junge Intellektuelle, der eigentlich politischer Verleger ist und – anders als die meist als wortkarge Barbaren gezeichneten Palästinenser – reichlich Gelegenheit bekommt, seine Motive zu erklären. Als diese ihm zu Beginn der Erstürmung durch die israelische Armee befehlen, mit dem Erschießen der Geiseln zu beginnen, willigt er zum Schein ein, um sie dann – im Angesicht des eigenen Todes – zu retten.

Bereits zu Beginn des Films erklärt ein Zwischentitel, dass die Palästinenser den Staat Israel seit der Anerkennung durch die Vereinten Nationen 1947 bekämpften. Es entsteht der Eindruck, eine Zweistaatenlösung sei für keinen Palästinenser je eine Option gewesen. Gleich zwei Nebenhandlungen führen nach Israel – ohne jedoch auf den politischen Konflikt oder die Folgen des Sechstagekriegs einzugehen: Die eine Episode handelt von gewissenhaft geführten moralischen Debatten zwischen Verteidigungsminister Shimon Peres und Regierungschef Jitzchak Rabin über ihr Vorgehen, die zweite zur Tänzerin auf der experimentellen Probebühne. „Ich kämpfe, damit du tanzen kannst“, erklärt ihr Freund, das Selbstverständnis der israelischen Streitkräfte prägnant umreißend. Ein israelischer Soldat verlor bei der erfolgreichen Erstürmung sein Leben, wie eine Texteinblendung in Erinnerung ruft: Yonathan Netanyahu, der Bruder des gegenwärtigen Ministerpräsidenten.

Mehr Frustration als Fakt

Im Film wird die Militäraktion mit der Tanzaufführung parallel geschnitten, deren Proben schon eine Rolle spielten. Nachdem der Film zunächst über weite Strecken den naturalistischen Stil eines Realitydramas angenommen hat, wirkt dies wie eine unvermittelte Überhöhung ins Kunsthandwerkliche.

Wie so oft, wenn Geschichte in Actiondramaturgien aufgehen soll, vermittelt sich eher Frustration denn Fakt. Die langen Dialoge zwischen den Terroristen hätten Raum genug geboten, die Beziehung der RAF zum Nahostkonflikt zu thematisieren. Vielleicht erschien das für den Weltmarkt zu speziell. Andererseits zögerte man auch, sich an der jüngeren Forschung zum Thema zu orientieren. Wie der britische Militärhistoriker Saul David kürzlich im Nachrichtenmagazin „Time“ darlegte, erwarb die Produktionsfirma zwar sein Sachbuch zum Thema „Operation Thunderbolt“, ignorierte dann aber viele Fakten. So sei etwa die Legende falsch, die französische Crew sei freiwillig bei den Geiseln geblieben.

In einem entscheidenden Punkt allerdings erscheint ihm die Darstellung korrekt: „Der Mythos ist, dass die Befreiungsoperation perfekt geplant worden sei. Tatsächlich wäre sie fast gescheitert, und was die Zahl der Todesopfer angeht, wäre sie das auch, hätten die Terroristen nicht Menschlichkeit gezeigt.“

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