1. Startseite
  2. Kultur
  3. TV & Kino

„7 Tage … Virtual Reality“ (HR): Abgetaucht in simulierte Welten

Erstellt:

Von: Harald Keller

Kommentare

7 Tage ... Virtual Reality
Reporter Constantin Röse verbringt sieben Tage auf unterschiedliche Weise in der digitalen Welt. © HR

Eine Reportage des Hessischen Rundfunks geht der Frage nach, ob Zukunftsvisionen wie „Welt am Draht“ und „Matrix“ bereits Wirklichkeit werden.

Frankfurt am Main – Die Reportagereihe „7 Tage“ entstand vor zehn Jahren im NDR in der Redaktion „Die Box“, die als „Entwicklungslabor für dokumentarisches Erzählen“ gedacht ist und diverse Einzel- und Reihenprojekte ins Leben gerufen hat. Die Idee ist so schlicht wie überzeugend: Ein Reporter oder eine Reporterin begleitet sieben Tage lang einen oder mehrere Menschen bei deren Tun. Die Berichterstatter gesellten sich zu Hippies, Erntehelfern, Weihnachtsmännern, Cowboys, waren in Auschwitz, in der Jugendkrebsstation, auf dem Jakobsweg.

Klassische Reportagethemen also. Der Selbsterfahrungsbericht gehört als Teilmenge in dieses journalistische Genre. Der österreichische Journalist Max Winter nahm Gefängnis in Kauf, um aus der Warte eines Landstreichers schreiben zu können, Egon Erwin Kisch erprobte sich als Berufstaucher, Günter Wallraff als Industriearbeiter. Die Reporter suchen bestimmte Situationen auf und berichten aus eigener Erfahrung. In solchen Fällen ist die Erste Person, die Ich-Erzählung, legitim.

„7 Tage … Virtual Reality“: Der überhöhte Stellenwert des Ichs

Seit geraumer Zeit aber hat die subjektive Perspektive überhandgenommen, wird noch auf banalste Themen angewendet und spätestens dann zur Verfehlung, wenn der eigentliche Gegenstand zur Nebensache wird und nur den Anlass für nonchalante Befindlichkeitsbekundungen abgibt. Diese Entwicklung könnte dazu beigetragen haben, dass manche Bevölkerungskreise der journalistischen Publizistik mittlerweile einen zu hohen Meinungsanteil unterstellen und ihr mit Skepsis begegnen.

Die besten Reporter interessieren sich als Beobachter nur für das, was um sie herum geschieht, nicht für die eigenen Gemütszustände. Gay Talese, ein Vorbild in der hohen Kunst des aufmerksamen Herumhängens, tritt in seinem Meisterstück „Frank Sinatra ist erkältet“ nie selbst in Erscheinung. Tom Wolfe tat es gelegentlich, in erster Linie, wenn relevante Inhalte nur über die individuelle Wahrnehmung des Berichterstatters vermittelt werden konnten.

Der Beitrag „Virtual Reality“ aus der Reihe „7 Tage …“ zeigt beinahe lehrbuchmäßig, wo die Schwächen der subjektiven Reportage liegen. Dem Journalisten Constantin Röse ist die Handhabung der Virtuellen Realität, also digital simulierter Lebenswelten, heute meist Metaverse genannt, noch fremd. Einen Begleittext zur Sendung beginnt er mit den Worten: „Als mir Leute vom Metaverse erzählt haben, dachte ich im ersten Moment an das Weltall und nicht an eine Welt, die irgendwo zwischen realer und virtueller Welt spielt.“ Der Autor nimmt vom ersten Moment an die eigene Person wichtiger als das Thema, über das er berichten sollte.

„7 Tage … Virtual Reality“: Minigolf und Immobilienspekulation

Der Film beginnt mit dem Anlegen der nötigen VR-Brille, die den Nutzern visuelle und akustische Eindrücke vermittelt und die Kommunikation mit anderen Besuchern der künstlichen Welten erlaubt. Röse legt einen Avatar, einen digitalen Doppelgänger, an und lernt die Figur „Max“ kennen, der ihn in die Gepflogenheiten und die Geografie des Metaverse einführt. Unter anderem gehen sie, tatsächlich, virtuelle Enten füttern. Anderswo hört man Beleidigungen, sieht kopulierende Kakteen, spielt Minigolf. Röses Kommentar: „Hier sind wirklich nur Verrückte unterwegs.“

Später trifft Röse den Menschen, der sich hinter dem Nom de Guerre „Max“ verbirgt und tatsächlich Niklas heißt, in einem realen Café. Niklas sehe, so erkennt Röse, „seinem Avatar nicht wirklich ähnlich.“ Eine gänzlich unsinnige Relativierung. Entweder sieht Niklas dem Avatar ähnlich oder nicht. Der modische Anglizismus „nicht wirklich“ kann ohne Verlust gestrichen werden.

Niklas liefert keine nachvollziehbare Erklärung, warum die Fans des Metaverse nicht echtes Minigolf spielen gehen oder lebendige Enten füttern. „Das ist cool und das ist, wie sich mit Freunden treffen (…)“, sagt er vage.

Zwischenzeitlich besucht Röse ein Architekturbüro, das Gebäude für virtuelle Räume entwirft. Die werden dort, wie Grundstücke und andere Waren, real gehandelt, gegen Bitcoins. Röse vernimmt’s und staunt, kümmert sich aber nicht um die naheliegende Frage: Wer kassiert denn die Kaufpreise? Wer regelt den Warenverkehr? Überhaupt: Wer stellt die virtuellen Welten bereit und mit welcher Absicht? Was passiert mit den simulierten Immobilien, wenn einmal der Server ausfällt?

Auch die Historie dieser Technik kommt mit keinem Wort zur Sprache. Schließlich gab es schon 2003 einigen Rummel um das digitale „Second Life“.

„7 Tage … Virtual Reality“: Offen bleibt, was wirklich geht

Genau darin liegt das Problem dieser Art von Reportage: Sie bleibt oberflächlich auf eine reine Phänomenologie beschränkt. Röse klappert weitere Stationen ab, das VR-Angebot des Hamburger Miniaturwunderlands, die Landesfeuerwehrschule in Kassel, wo digitale Simulationen in der Ausbildung eingesetzt werden, die Hochschule Darmstadt mit dem Studiengang Virtual Reality, wo Professor Frank Gabler die Zukunft skizziert: „Es geht schon wahnsinnig viel, das muss man sagen, viel mehr, als vielleicht in der Öffentlichkeit so ankommt (…).“

Gabler stülpt sich eine elektronische Kappe über, die Gehirnströme entziffern kann und nutzt sie, um via Monitor digitale Klänge zu erzeugen. Scheinbar eine harmlose Spielerei, aber im Bereich der IT-Konzerne hat man ganz andere Nutzungen dieser Technik im Sinn.

Die Sendung

„7 Tage … Virtual Reality“, Donnerstag, 28.7.2022, 21:45 Uhr, HR-Fernsehen und in der ARD-Mediathek.

Das Team der Sendung hätte in dieser Richtung recherchieren können. Aber solche Anstrengungen unternehmen Constantin Röse und sein Koautor Sebastian Krausse gar nicht. Röse vermeldet Eindrücke wie „cool“ und „krass“, ist „echt beeindruckt“, „echt überfordert“ und, so sein Fazit, nach sieben Tagen „positiv überrascht“. Ein mageres Ergebnis für diese Sendung, die denn auch eher ein Unterhaltungsangebot darstellt, aber kaum der Sparte Information zuzurechnen ist.

Das ursprüngliche Konzept dieser Reihe wird darüber nebensächlich. Ob Röse nun exakt sieben Tage lang unterwegs war oder nicht, bleibt ohne Belang. Es ist, ein Fehler schon im Ansatz, auch gar nicht möglich, sieben Tage im Metaverse zu verweilen und dies im Film dokumentarisch umzusetzen. Insofern ein unglücklich gewähltes Thema. Es wäre besser in anderer Form und deutlich gründlicher bearbeitet worden. (Harald Keller)

Auch interessant

Kommentare