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Adina Pintilie mit ihrem Goldenen Bären.

Berlinale

Tabulos ist nicht gleich radikal

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Der rumänische Beitrag "Touch Me Not", ein künstlerisch obskurer Sexualtherapiefilm, gewinnt den Goldenen Bären. Zum Abschluss eines enttäuschenden Wettbewerbs bleiben die erstklassigen deutschen Beiträge ungewürdigt.

Nein, es ist nicht so, dass zum ersten Mal in der Geschichte der Berlinale ein Experimentalfilm den Goldenen Bären gewonnen hätte. Der semidokumentarische Betrag der Rumänin Adina Pintilie über Menschen, die ihre Probleme mit Intimität und Sex therapeutisch angehen, führt die Filmsprache keinen Zentimeter weiter. In seiner Didaktik aber auch seiner Ästhetik ist „Touch Me Not“ konventionell und den Werken des Sexualaufklärers Oswalt Kolle näher als beispielsweise der Body-Art der Performancekünsterin Marina Abramovic – ohne deren Pionierarbeit Pintilies Film gleichwohl undenkbar wäre. 

Angeleitet von der heimlichen Protagonistin, der über einen Videomonitor präsenten Regisseurin, offenbaren sich die Mitwirkenden in weißer Kleidung vor weißen Hintergründen. Mehr Design als Kunst, sieht der Hauptteil aus wie die Werbeillustrierte einer Krankenkasse.

Umso mehr stechen die gesetzten Tabubrüche heraus: Etwa die kurze, echte Sexszene des körperbehinderten deutschen Web-Designers Christian Bayerlein mit seiner Ehefrau. Jenseits gängiger Schönheitsideale sind sie ein anmutig-schönes Paar, und doch kann man in der unvorbereiteten Zurschaustellung von echtem Sex auch eine Art der Übergriffigkeit gegenüber dem Publikum sehen. Geradezu spießig ist dagegen die Szene einer vorsichtig erotisierenden BDSM-Vorführung. Hier wechselt das Design zur Abwechslung in rotblaue Schummerbeleuchtung. Ansonsten geht es in diesem Film zu wie in manchen Hollywood-Darstellungen der Anonymen Alkoholiker: Wenn jemand besonders mutig über seine Probleme spricht, schneidet man auf das ermunternde Lächeln der Zuhörer oder der Regisseurin. Der psychotherapeutische Ansatz erschöpft sich freilich meist im Abhaken von Problemen im Elternhaus. 

Die Programmierung von „Touch Me Not“ hatte Berlinale-Direktor Dieter Kosslick medienwirksam in den Kontext der #MeToo-Debatte gerückt, auch wenn sexuelle Belästigung oder die Ausnutzung von Macht nicht die Themen sind. Immerhin ist der Film ein Statement gegen den Einzug neuer Tabus in der Darstellung von Sexualität. Künstlerisch ist er in seiner Glätte aber eben auch kein „Kino wider die Tabus“, wie der Filmkurator Amos Vogel das radikal-experimentelle Filmschaffen genannt hat. 

Was man von dieser Jury immerhin lernen kann, ist, dass eine Erweiterung des Wettbewerbs auf andere Filmformen grundsätzlich erwünscht ist. Das Festival im schweizerischen Locarno fährt damit seit Jahren gut. Tatsächlich ist die Berlinale ja in den vergangenen Jahren außerhalb des Wettbewerbs sogar zu einem Kunstfestival geworden: Mit seinem „Forum Expanded“ besitzt sie eine eigene, hochkarätige Sektion für Medienkunst und Experimentalfilm. 

Selten hatte ein Berlinale-Wettbewerb auf internationaler Ebene ein so schlechtes Niveau – und selten sah das deutsche Kino dabei besser aus. Jurypräsident Tom Tykwer dürfte sich bei seinen Kollegen nicht beliebt gemacht haben an diesem Abend, als er Christian Petzolds meisterhaftes Flüchtlingsdrama „Transit“ ebenso überging wie das sträflich unterschätzte Romy-Schneider-Biopic „3 Tage in Quiberon“ mit der einzigartigen Leistung von Marie Bäumer. 

Immerhin wurden die besten der internationalen Spielfilme gewürdigt. Wes Andersons Regiepreis für „Isle of Dogs“ ist absolut berechtigt. Selten hat ein Regisseur, der selbst nicht von der Animation kommt, so wunderbar mit dem Medium gearbeitet wie Anderson bei diesem satirischen Puppentrick. Den Großen Preis der Jury erhielt die Polin Malgorzata Szumowska für „Twarz“ („Gesicht“), eine bildkräftige Satire auf den Konservatismus in Polen: Die Tragikomödie über die Angst vorm Subversiven kreist um das Schicksal eines unorthodoxen Jugendlichen, der bei den Bauarbeiten der monumentalen Christus-König-Statue in Swiebodzin einen schweren Unfall erleidet. Nach einer Operation ist er nicht wieder zu erkennen. Und an Cédric Kahns sensiblem Coming-of-Age-Film „Le Prière“ („Das Gebet“) wurde immerhin Hauptdarsteller Anthony Bajon gewürdigt.

Keinen Preis gewinnen konnte der Schweizer Veteran eines humanistischen Kinos, Markus Imhof für einen der schönsten Filme des Programms: Sein dokumentarischen Essay über Flucht und Migration, „Eldorado“, wurde nur außer Konkurrenz gezeigt. Imhoof, unvergessen für den kritischen Schweiz-Film „Das Boot ist voll“, prangert darin nicht nur die Ausbeutung illegal ins Land gekommener Einwanderer an, die in Italien für Hungerlöhne in der Landwirtschaft schuften, und dokumentiert die beschämenden Zustände in vielen Aufnahmelagern.

Zutiefst bewegend ist auch die autobiografische Perspektive einer frühen Kindheitserinnerung aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs: In einem imaginären Dialog unterhält er sich mit dem italienischen Flüchtlingsmädchen, das seine Eltern aufnahmen und das ihm zu einer Schwester wurde. Dann verlangte ein Gesetz ihre Rückführung; mit nur 14 Jahren starb das Kind in Mailand an den Folgen seiner Unterernährung. Warum Kosslick diesen Film nicht in der Konkurrenz zeigen wollte, bleibt ein Rätsel. Offenbar war das Boot schon voll.

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