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Yoav (l.) hat seiner Heimat Israel gerade den Rücken gekehrt.

Berlinale-Gewinner

„Synonymes“ im Kino: Keine Heimat

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Nadav Lapids rätselhaft-faszinierender Film „Synonymes“ kommt in die Kinos, der bei der vergangenen Berlinale den Goldenen Bären gewonnen hat.

Paris, Europas größte Kinostadt, spielt sich einmal wieder selbst in der starken Eröffnungsszene von Nadav Lapids Film.

Ein junger Mann eilt durch die regnerischen Straßen, die Kamera scheint Mühe zu haben, ihm zu folgen. Dann öffnet er die Tür zu einem unmöblierten Apartment in einem imposanten Altbau. Er zieht sich aus und legt sich in die Badewanne. Ein geplanter Selbstmord? Nein, wohl doch eher der Beginn einer Masturbationsszene. Dann schreckt ihn ein Geräusch auf, er jagt durch die Wohnung, durch das Haus, wieder zurück. Zitternd am ganzen Körper legt er sich wieder in die Wanne. Wartet er auf seinen Tod?

Am nächsten Tag ist der Schock überwunden. Liebevoll umsorgt vom attraktiven Hipster-Pärchen aus der Nachbarwohnung beginnt der Mann sein neues Leben.

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Sein Name ist Yoav, und er hat gerade seiner Heimat Israel den Rücken gekehrt. Warum es ihn nach einem neuen Lebensort drängt, darüber machte der Filmemacher, der mit seinem autobiographisch inspirierten Film die letzte Berlinale gewonnen hat, selbst eine Andeutung: Er sei nach Paris gezogen, weil er das Gefühl hatte, am falschen Ort geboren zu sein.

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Es gibt viele Gründe, sich deplatziert zu fühlen, nicht immer gibt es dafür Worte. Schon dass wir Migrationsbewegungen immer nach Pässen und Landesgrenzen beschreiben, setzt eine Beziehung zwischen persönlicher Identität und nationaler Identität voraus. Wer nationale Gefühle ablehnt oder sie ganz einfach nicht teilt, findet vielleicht überhaupt keinen gemeinsamen Nenner mit seinem Geburtsland.

Yoav scheint sein Geburtsland aber abgrundtief zu hassen, jedenfalls fallen ihm etwa ein Dutzend Schimpfworte für Israel ein. Seinem neuen Freund Emile kommt das komisch vor: „Kein Land kann all das auf einmal sein“. Der Filmtitel „Synonymes“ spielt auf diesen Widerspruch an.

Schon in seinem Debüt „Der Polizist“ hatte sich Lapid mit dem israelischen Militarismus auseinandergesetzt. Auch dem geschundenen, gestählten Nackten der Anfangsszene meint man seine Militärzeit anzusehen. Was macht es mit der Identität eines Menschen, wenn sich der Staat in den eigenen Körper eingeschrieben hat? Und wie weit kann man diesen Eingriff abschütteln?

Synonymes.F/D 2019. Regie: Nadav Lapid. 123 Min.

Diese metaphorisch und assoziativ erzählte Groteske über einen Mann, der vom Hass auf sein Herkunftsland zerfressen ist, ist ein zwiespältiges Werk. In den besten Momenten besitzt es die direkte Wucht politischer Aktionskunst, die Anfangsszene schwankt souverän zwischen body art und absurdem Theater. Weniger überzeugend sind manche sexualisierten Überzeichnungen wie etwa eine Episode bei einem Softporno-Fotografen. Dann scheint der Regisseur die Attraktivität seines Hauptdarstellers Tom Mercier eher selbstzweckhaft zu nutzen. Tatsächlich besitzt Mercier eine ungewöhnliche Leinwandpräsenz, die weit über physische Attraktivität hinausgeht. Es ist eine sperrige Präsenz, die buchstäblich leere Räume füllt.

Politisch ist der Film weniger zielgerichtet als in seiner Ästhetik. Das macht ihn einerseits rätselhaft-interessant, anderseits aber auch weniger angreifbar.

Produziert von Maren Ade mit Beteiligung des WDR (Andrea Hanke und der ehemalige Fernsehfilmchef Gebhard Henke), ist der Film auch ein Beleg dafür, wie international Kino im besten Sinne sein kann. Wie absurd, dass man bei einem Festival trotzdem ein nationales Etikett aufklebt – hier auf einen Film über Israel, angesiedelt in Paris und stilistisch nahe an der „Berliner Schule“.

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