1. Startseite
  2. Kultur
  3. TV & Kino

Der sympathischste Terrorist

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Daniel Kothenschulte

Kommentare

Es ist Liebe auf den ersten Blick: Jesse Eisenberg und Kristen Stewart in Woody Allens „Café Society“.
Es ist Liebe auf den ersten Blick: Jesse Eisenberg und Kristen Stewart in Woody Allens „Café Society“. © dpa

Die Filmfestspiele von Cannes starten mit Überraschungen aus den USA und Rumänien. Woody Allen, Jodie Foster und Cirsti Puiu wissen zu überzeugen.

Für einen Regisseur, der sich seine früheren Filme nach eigenem Bekunden nicht mehr ansieht, hat Woody Allen ein erstaunlich geschlossenes Werk geschaffen. Alles kehrt wieder, doch stets um Nuancen verwandelt. Allens späte Filme erinnern an die späten Soli der klassischen Jazz-Musiker, die er verehrt: Die Grenzen der Neuerfindung sind erreicht, jede Variation vertraut, und doch ist es auch immer etwas anders. Das macht ihn zur besten Wahl für eine Festivaleröffnung wie jetzt in Cannes, wo das Vertraute traditionell über die Überraschung triumphiert.

Als Selbstzitat zeichnet die Brooklyn-Bridge in einem imposanten Augenblick die Bilddiagonale, doch nicht mehr in Schwarzweiß, wie in Allens Klassiker „Manhattan“, sondern in den warmen Farben des großen Bildgestalters Vittorio Storaro. Es ist die erste Zusammenarbeit des 80-jährigen New Yorkers mit dem um fünf Jahre jüngeren Italiener, der schon Bertoluccis „1900“ fotografierte – und sicher nicht die letzte.

Die nostalgische, in den späten 30er Jahren angesiedelte Komödie „Café Society“ hat viele solcher „establishing shots“ nötig, die uns zeigen, an welcher Küste der USA wir uns gerade befinden. Zunächst erprobt der ehrgeizige Bobby, den Jesse Eisenberg verkörpert, seinen Ehrgeiz im Westen. Der Sohn einer jüdischen Arbeiterfamilie aus Brooklyn hat einen Onkel in Hollywood, wer kann das schon von sich sagen. Eher zögerlich nimmt sich der gefragte Agent (Steve Carell) seiner an, doch weit beeindruckter als von aller Hollywood-Prominenz ist der von seiner Sekretärin. Es ist Liebe auf den ersten Blick: Die intelligente Vonnie (Kristen Stewart) beeindruckt Bobby mit ihrer Verachtung für den Luxus von Beverly Hills – und heiratet dann doch seinen Onkel Phil.

Nichts außer dem so vielen Allen-Komödien eingeschriebenen Pessimismus bereitet uns auf diese Wendung vor, doch dass sie dennoch glaubhaft wirkt, liegt an Kristen Stewarts erstaunlicher Präsenz. Wie selbstverständlich macht sie die seinerzeit durchaus alltägliche Lebensentscheidung gegen die Romantik plausibel. Jesse Eisenbergs Rolle ist dagegen weniger subtil. Einmal vergleicht ihn sein Onkel mit Hollywoodstar Joel McCrea, und wie dieser dynamische, aber etwas glatte Heldendarsteller, kämpft er sich sogleich nach oben. New York erscheint ihm das bessere Pflaster, wo sein Gangster-Bruder einen schicken Club eröffnet hat. Während dieser reihenweise Leichen in Zement bettet, verwandelt Jesse den Laden durch seine herzlich-mondäne Art in einen Szeneschuppen. Der ungelebte Traum in seinem Herzen aber bliebt Vonnie. Und dass diese an der Pazifikküste das gleiche träumt, macht noch keine Wirklichkeit daraus.

Trotz seiner warmen Farben und seiner romantischen Sehnsucht ist es eine der schwärzeren Allen-Komödien geworden. Alle Träume, die im Hollywood der Dreißigerjahre verkauft werden, sind darin zu finden, doch sie müssen sich hinten in die Schlange stellen, bis die Gier nach materiellem Glück befriedigt ist.

Der Kapitalismus ist eine unumstößliche Schicksalsmacht für Allen, ähnlich wie der Tod: Man kann dagegen sein und protestieren – den Sensenmann rührt es kein bisschen. Jodie Fosters Finanzmarkt-Thriller „Money Monster“ (wie Allens Beitrag außer Konkurrenz gezeigt) setzt dem Turbokapitalismus nun ein Mahnmal, das es an Tempo mit den modernen Finanzprodukten aufnehmen kann. Mitproduzent George Clooney macht sich die Tour de Force ganz und gar zu eigen: Als Moderator einer Finanz-Show schmückt er sich mit Hip-Hip-Tänzern, während er Börsenkurven mit weiblichen Oberweiten vergleicht. Wer außer Clooney könnte diese schmierige, und dennoch mächtige Figur verkörpern, ohne ins Grotesk-Komische abzugleiten? Als ein Terrorist aus der Kulisse kommt, und ihn mit vorgehaltener Pistole eine Sprengstoffweste anziehen lässt, verschieben sich die Fronten. Der Mann hat sein Geld durch ein in der Sendung beworbenes Finanzprodukt beworben, hinter dem ein skrupelloser Unternehmer steht.

Wohl nie hat man im amerikanischen Kino mehr mit einem Terroristen sympathisiert. Während Polizei-Sniper durch Lüftungsrohre schleichen, arbeitet die Redakteurin der Live-Sendung an der Aufklärung des Skandals. Julia Roberts gelingt in der Rolle der Redakteurin ein spektakuläres Comeback. Obwohl sie ihre Rolle weitgehend im Sitzen spielt, trägt sie großen Anteil an der Rasanz dieses meisterhaft gebauten Medien- und Wirtschaftsthrillers. Form und aufklärerische Absicht finden hier höchst unterhaltsam zusammen.

Kann man einem Film mit gleicher Spannung folgen, dessen Einstellungen oft fünf Minuten dauert? Der in stehenden Autos und dunkel ausgeleuchteten Wohnungen spielt? Das rumänische Kino hat sich seit gut zehn Jahren auf Dramaturgien spezialisiert, die auf äußere Dramatik weitgehend verzichten, ja nicht einmal mit einem nacherzählbaren Plot aufwarten. Cristi Puiu hat dieses Kino mitbegründet, sein Zweieinhalbstundenfilm „The Death of Mr. Lazarescu“ wurde bald nach seiner Cannes-Premiere 2005 zu einem modernen Klassiker.

Nun sind es fast drei Stunden Laufzeit, und abermals steht ein Todesfall im Mittelpunkt. Vierzig Tage nach dem Tod seines Vaters fährt der Protagonist mit seiner Frau zu einem familiären Gedenkessen. Schon die rätselhafte, wie versteckt gefilmte Anfangsszene, gibt eine Ahnung von der Entfremdung, die dieses Familienstück auszeichnet, in dem sich ein Gesellschaftsporträt verstecken mag: Hier geht es noch um ein falsch gekauftes Kostüm, das die Tochter des Paares in einer Disney-Aufführung in der Schule spielen soll. Bald füllen enttäuschte Erwartungen die Leinwand, ohne dass sich diese augenscheinlich mit irgendetwas füllt. Schauspieler des großartigen Ensembles ist manchmal minutenlang nur von hinten zu sehen. Der Titel bringt noch einmal diese radikale, aber höchst anregende Verweigerung gegenüber den Schauwerten des Kinos auf den Punkt. Es ist der falsch geschriebene Spielort großer Western-Epen: „Sierranevada“.

Auch interessant

Kommentare