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Hexe? Oder nicht doch eher betendes Gretchen. Tilda Swinton als Madame Blanc.

Neu im Kino

"Suspiria"-Remake, meisterhaft choreographiert

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Luca Guadagninos verwegene Neuauflage des Horrorklassikers "Suspiria" mit Tilda Swinton und Dakota Johnson ist vor allem wegen ihrer Tanzszenen sehenswert.

Der schlechte Ruf von Remakes ist leicht zu erklären. Die meisten Neuverfilmungen entstammen dem verständlichen Produzentenwunsch, Erfolge möglichst risikolos zu wiederholen. Technische Modernisierungen sind dabei willkommen, grundlegend neue Einfälle dagegen verpönt. Leider sind viele Genre-Fans mitschuld an diesem konservativen Denken, indem sie ihre Lieblingsfilme möglichst unverändert wiedersehen wollen.

Entsprechend groß war die Unruhe während der Premiere von Luca Guadagninos neuem „Suspiria“ bei der jüngsten Ausgabe des Filmfestivals in Venedig. Schließlich ist Dario Argentos Klassiker von 1977 ja auch nicht irgendein Film. Es gibt wohl niemanden, dem das phantastische Kino in seinen verwegenen Spielarten etwas bedeutet, der den schönen Schocker nicht in höchsten Ehren hielte. 

Besonders in Deutschland, wo FSK und weite Teile der Kritik zunächst schmählich mit dem ambitionierten Werk umgingen, musste man einfach zum glühenden Verfechter des okkulten Thrillers aus einer verhexten deutschen Tanzschule werden. Noch heute findet sich im „Lexikon des internationalen Films“ die vernichtende Wertung aus dem Katholischen Filmdienst: „Dümmliche Mischung aus Horror und Okkultismus, die auf grobe Effekte setzt und die Atmosphäre völlig vernachlässigt.“

Bei allem Respekt: Wenn es einen Film gibt, dem die Atmosphäre wichtig ist, dann diesen. Dieses Hauptwerk des stilvoll-mörderischen Giallo-Genres konnte nicht einmal sein Regisseur selbst übertreffen, der ihm immerhin zwei Fortsetzungen lieferte. 

Dario Argento fungiert als Mitproduzent

Ausgerechnet Luca Guadagnino lässt sich daran messen, ein Regisseur, der – wie zuletzt in der betörenden Coming-of-Age-Romanze „Call Me By Your Name“ – eher einen klassischen Ästhetizismus pflegt. Wenn es mal einen Bertolucci neu zu verfilmen gäbe, wäre er gewiss die erste Wahl. Aber einen Argento? Tatsächlich firmiert der Meister höchstselbst als Mitproduzent. Offensichtlich jedoch, weil er sich kein Remake wünscht, das aussieht wie das Original.

Zwar führt die Geschichte noch immer eine junge amerikanische Tänzerin (Dakota Johnson) in eine deutsche Ballettschule, die sich bald als Hexennest erweist. Doch nicht mehr ins schöne Freiburg, das Argento seinerzeit weitgehend in München inszenierte. Das geteilte Berlin der 70er Jahre ist nun der Schauplatz. Auf der Westseite, unmittelbar an der Mauer, residiert die Marcos Dance Academy. Gerade ist einer der begehrten Studienplätze freigeworden, was – wie sich bald herausstellt – durchaus häufig passiert: Elevinnen verschwinden auf merkwürdige Weise. Als wäre das nicht unheimlich genug, erlebt Deutschland seinen Herbst – Nachrichten von einer RAF-Geiselnahme dringen aus der kulissenhaften Szenerie. Dass Guadagnino das marode Grand Hotel Campo dei Fiori im norditalienischen Varese den Berliner Schauplatz spielen ließ, passt zur Irrealität des Originalfilms. 

Das Ensemble, das die Amerikanerin Susie mit offenen Armen empfängt, wird geleitet von Madame Blanc. Ihr autoritäres Charisma entlehnte Darstellerin Tilda Swinton zu gleichen Teilen bei Pina Bausch und Marina Abramovic. Doch die ekstatischen Choreografien haben dunklere Wurzeln, die über den deutschen Ausdruckstanz erst in die Nazizeit führen und weiter in okkulte Tiefen.

Wurde Argentos Klassiker oft für seinen Stilwillen mit dem Stummfilmklassiker „Das Kabinett des Dr. Caligari“ verglichen, waren die Tänze darin doch äußerst konventionell. Guadagnino nennt das einen großen Fehler. Für ihn ist der moderne Tanz das angemessenere Medium. „Hexen“, zeigt er sich überzeugt, „zieht es eben nicht ins Zentrum oder ins Establishment, sondern an dessen Grenzen. Ich dachte, es wäre wichtig, dass sie moderne Künstlerinnen werden.“

Nicht umsonst nannte Mary Wigman, Pionierin des Ausdruckstanzes in Deutschland, eine ihrer berühmtesten Choreografien „Hexentanz“. Nicht in Blutbädern entwickelt „Suspiria“ seine betörende Unheimlichkeit, sondern in verspiegelten Proberäumen. Hier entledigt sich die junge Tänzerin in Bewegungen ekstatisch und doch präzise wie ein lebendes Messer ihrer älteren Konkurrentin. Guadagnino erweist im Abspann auch Sasha Waltz Respekt, doch hinter den meisterhaften Choreografien steht der Belgier Damien Jalet. Und der orientiert sich eher bei ihren Ahnen. 

Wie bei Wigman und Martha Graham formieren sich die Tänzerinnen zu lebenden Skulpturen, dann wieder vermessen sie zu harten Rhythmen den Raum wie bei Pina Bauschs „Le sacre du printemps“-Version. Guten Tanz sieht man im Kino mindestens so selten wie gute Kunst. Vergessen wir das bürgerliche Flair von „Black Swan“; tänzerisch gehört dieser Film in eine Reihe mit den Klassikern „Die roten Schuhe“ und „All that Jazz“. Radioheads Sänger Thom Yorke hat die kongeniale Musik dazu geschrieben, die als Soundtrack auch die größten Merkwürdigkeiten von Plot und Inszenierung mit Stil erfüllt. 

Dazu gehört vor allem die zweite Rolle Tilda Swintons, von der noch bei der Premiere in Venedig Stein und Bein geschworen wurde, ein deutscher Schauspieler namens Lutz Ebersdorf habe sie gespielt: den schuleigenen Psychoanalytiker namens Dr. Josef Klemperer. Als Anlaufstelle der  Tänzerinnen wittert er bald eine zweite Welt hinter den Mauern, ein Hexenreich.

So sehr Guadagnino die Klischees in der Kunst meidet, so hemmungslos schwelgt er in den Gruselkabinetten der Geschichte. Und wenn das Opus Magnum der Tanztruppe ausgerechnet „Volk“ heißt, mag man auch an die historische Anbiederung einiger großer Ausdruckstänzer an die NS-Ästhetik denken; Mary Wigman etwa beteiligte sich an der Olympia-Eröffnung 1936.

Das infernale Crescendo zum Höhepunkt von „Suspiria“ ist selbstredend ebenfalls eine Choreografie. Alles Unheilige ist Guadagnino da recht, und wie immer, wenn es richtig blutig wird, muss man auch ein wenig lachen. Aber an Stil kann es dieser Teufelstanz mit seinem Vorbild aufnehmen. Auch wenn Dario Argentos herrliche Technicolor-Farben einer düsteren Palette weichen mussten: Wer sein „Suspiria“ liebt für seine Verwegenheit, kann sich diesmal wirklich nicht beklagen. Wenn doch jedes Remake soviel Eigensinn besäße.

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