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Surreale Bilder und Bauernschläue

Folgen des Klimawandels: Udo Maurers Dokumentarfilm "Über Wasser"

Von HEIKE KÜHN

Fakten sind wichtig. Der österreichische Regisseur Udo Maurer blendet sie in Form von Zahlen und Daten in die drei Kapitel seines Dokumentarfilms "Über Wasser" ein. Bangladesch, steht da etwa im ersten Kapitel, sei mit 143 Millionen Einwohnern auf 148 393 Quadratkilometern der "am dichtesten besiedelte Flächenstaat der Welt", der von Erosion bedroht sei. Dann können wir den Eindruck, informiert worden zu sein, beiseiteschieben und im Mündungsgebiet des Brahaputra buchstäblich dabei zusehen, wie Fluten und Überschwemmungen Bäume entwurzeln und die reißenden Zähne ins nachgiebige Land schlagen.

Die Fakten des Klimawandels zeigen sich als Schicksale, weil Maurer nicht die visuelle Bestätigungen gängiger Katastrophenszenarien sucht, sondern mit einem Team von insgesamt drei Leuten im Matsch ausharrte. Geduld und Einfühlungsvermögen haben sich in Vertrauen übersetzt, Vertrauen in Bilder und Sätze, die jedes vermeintliche Wissen als unzureichend und herzlos blamieren. So bekommt das Wort "Flächenstaat" eine neue Dimension, wenn ein Mann erzählt, dass sein Land zwar meterhoch überspült worden sei, er aber dennoch dafür Steuern zahlen müsse, weil es sonst einer Zwangsversteigerung anheim falle.

Wie viele andere, deren Lebensgrundlage versunken ist, baut der Mann sein Haus ab und auf fremdem Land wieder auf, so lange, bis es vom Wasser wieder eingeholt wird. Das Dach des Wellblechhauses lässt sich zu einem Boot umfunktionieren und verleiht dem Exodus das Flair einer exotischen Performance.

Bangladesch und Kasachstan

Doch die surrealen Bilder von Schicksalsergebenheit und Wasserbauernschläue lassen in diesem achtsam in die Tiefe gehenden Film die Härte des Alltags nicht vergessen: Eine Muslima beklagt, dass es die Frauen seien, die während des Monsuns ins Wasser müssten, um Vieh zu füttern und Nahrung zu suchen, während die Männer im Trockenen faulenzten.

Ungewöhnliche Offenheit und Perspektiven, die offiziellen Lesarten widersprechen, begegnen Maurer auch in Kasachstan. Am Aralsee, einst viertgrößtes Binnengewässer der Welt, bevor eine unbelehrbare Sowjetmacht Fischen und Fischern das Wasser entzog und in die Wüste auf Baumwollfelder umleitete, legt ein Filmvorführer einen alten Propagandastreifen ein. Und da ist er, der an den Rand des Himmels reichende See, der die Hafenstadt Aralsk reich machte. Heute ist sein Glitzern nur eine Reflektion in den Augen der Alten, die sich erinnern. Auch am versteppten Aralsee halten sich Fischerfamilien mühsam über Wasser, allerdings nur in Form einer traurigen Metapher.

In Kibera, dem größten Slum Kenias, schließen Klimawandel und menschliche Hybris sich zu einem Teufelskreis von Machtmissbrauch und Korruption. Kiberas Bewohner zahlen viermal so viel für einen Kanister Wasser wie die Reichen. Empörung ist Luxus, wenn man am Tag 5 bis 12 Mal Wasser holen muss. Maurer zeigt den unerschöpflichen Pragmatismus der Menschen mit den gelben Kanistern. Gerechter Lohn für harte Arbeit, Zeit für gesellschaftliche Veränderungen, das alles versickert an den 15 legalen Wasserstellen, die 1,4 Millionen Menschen ansteuern. Ihre Sehnsucht lassen sich die Menschen nicht nehmen. Nicht wenig, wenn man sonst nichts hat. Außer einem Film, der fremde Träume in die Welt trägt als seien es die eigenen.

Über Wasser, Regie: Udo Maurer, AT/LU, 93 Minuten.

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