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Bestimmter Blick: Juli Jakab als Írisz Leiter.

„Sunset“

„Sunset“ - ein grandioses Historiendrama

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Nach dem Holocaustfilm „Son of Saul“ erweitert László Nemes seine einzigartige Bildsprache am Drama „Sunset“.

Die Digitalisierung der Kinos ist von der deutschen Politik dramatischer als in anderen Ländern forciert worden. Das bringt die Kritik in eine schwierige Situation: Nur noch auf ausländischen Filmfestivals lässt sich ein Teil der Filmkunst im originalen Format erleben. Denn der Zelluloidfilm ist ja keineswegs ausgestorben, und viele Filmemacher entwickeln seine Möglichkeiten weiter. Gerade erst zeigten Quentin Tarantino und Xavier Dolan ihre neuesten 35-mm-Filme in Cannes und bescherten ihren Bewunderern ein trauriges Privileg: Man empfiehlt der Leserschaft etwas, das sie später nur als schlechte Reproduktion wird sehen können.

Sunset. Ungarn 2018.

Regie: László Nemes. 142 Min.

Besonders groß ist dieses Gefälle bei László Nemes jüngstem Meisterwerk „Sunset“. Gedreht in 35 mm und sogar dem kostbaren 65 mm und projiziert als 35-mm-Film hatte das knapp zweieinhalbstündige Drama in Venedig den Kritikerpreis gewonnen. Der deutsche Verleih MFA bringt es jetzt lediglich digital heraus, was nicht einmal den wenigen verbliebenen Kunstkinos und Kinematheken, die noch einen Filmprojektor haben, die Möglichkeit gibt, ihn adäquat zu zeigen. Dabei arbeitet Nemes, der mit seinem Langfilmdebüt „Son of Saul“ erst eine Ablehnung bei der Berlinale und dann einen Oscar erhalten hatte, konsequent an seiner Ästhetik weiter. Es ist eine atemberaubende Seherfahrung.

Eine ständig in Bewegung gehaltene Kamera führt ins prächtige Budapest am Vorabend des Ersten Weltkriegs – doch von dieser Pracht im für die europäische Moderne so entscheidenden Jahr 1913 sind stets nur Fragmente im Bild. Die weiche, und doch so fein auflösende Filmtechnik zwingt den Zuschauer dazu, sich selbst aus den Bildern ein Bild zu machen.

Jede Einstellung, von denen die meisten in traumhaftem Fluss ineinandergleiten, hat zunächst den Kopf der Protagonistin im Blick: Juli Jakab spielt die 20-jährige Irisz Leiter, die mittellose Tochter der verstorbenen Inhaber eines großen Hutgeschäfts. Alle anderen Informationen, die Orientierung in den Räumen, deren oft verschwenderische Pracht – welch eigentliche, grandiose Verschwendung – in Unschärfe verschwimmt, müssen wir mit eigenen Augen leisten.

Zu Beginn des Films sucht die Ausgeschlossene gleichwohl ihren Platz in dieser diffusen Opulenz, drängt darauf, das Hutmacherhandwerk zu erlernen. Auch ihr eigenes Gesicht ist zunächst unter einem großen Hut verborgen, doch der Blick, den die Kamera von ihr erhascht, verrät eine Bestimmtheit, die dem Film fortan seine Richtung gibt. Was ist ihr eigenes Geheimnis und was ist es, dem sie in dieser delirierenden Odyssee auf den Grund gehen muss?

Im Geschäft, das gibt ihr der neue Besitzer (gespielt vom rumänischen Charakterdarsteller Vlad Ivanov) schnell zu verstehen, will man sie nicht sehen. Auf ihrer langen Reise durch die Nacht, die sie von der Oberschicht in die Niederungen einer kriminellen Subkultur führt, erfährt sie von einem Bruder, den sie nie kannte. Viele dieser Informationen erschließen sich uns als Gemurmel außerhalb des Bildraums. Doch je weiter ihre Suche führt, desto abstrakter erscheint auch ihr eigener Charakter. Sie ist wie das lyrische Ich eines Poems, indem ihre eigene Identität zur Nebensache wird. Nach seinem Auschwitz-Film „Son of Saul“ hatte dieser Filmemacher alle Möglichkeiten. Statt für einen Hollywoodfilm entschied er sich für ein radikales Werk der Filmavantgarde, für eine Möglichkeit, seine Filmsprache weiterzuentwickeln und sie zugleich von der inhaltlichen Aufladung zu befreien. Kann man als Künstler seine Chancen besser nutzen?

Wie schade nur, dass wir diesen Film nicht als solchen sehen können. Und noch dazu das grandiose Stimmengemälde außerhalb der Bildränder in einer geradezu destruktiven Synchronfassung ertragen müssen.

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