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„Sundown“ im Kino: Der Tod in Acapulco

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Von: Daniel Kothenschulte

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Eigentlich paradiesisch: Familienurlaub mit Tim Roth (hinten l.) und Charlotte Gainsbourg (r.).
Eigentlich paradiesisch: Familienurlaub mit Tim Roth (hinten l.) und Charlotte Gainsbourg (r.). © epd

Michel Francos jenseitiges Urlaubsdrama „Sundown“ mit Tim Roth und Charlotte Gainsbourg.

Als Maren Ade 2009 ihren Film „Alle anderen“ herausbrachte, fehlte ihm das ursprüngliche Ende. Birgit Minichmayr spielt darin eine Frau, die während eines Urlaubs zusehends aus der Rolle fällt. Ursprünglich hätte man am Ende des Films erfahren, dass sie dies im Wissen um ihren nahenden Tod tat. Wahrscheinlich war es eine kluge Entscheidung der Regisseurin, die Szene mitsamt der einfachen Erklärung zu opfern. Erst so wirkte die Figur in ihrem Verhalten wirklich frei; außerdem haftet Filmen über Todgeweihte oft etwas Aufgesetztes an. Wer klopft an seinem Lebensende schon derart lautstark an die Himmelstür?

Ohne das Ende von Michel Francos Drama „Sundown“ vorwegnehmen zu wollen, gleicht er doch in vielem Maren Ades ursprünglicher Filmidee. Tim Roth begegnet uns darin in der Rolle des Luxusreisenden Neil Bennett, der plötzlich aus der Rolle fällt. Mit seiner von Charlotte Gainsbourg gespielten Reisegefährtin Alice Bennett nebst zwei Kindern im Teenageralter genießt er in Acapulco einen Badeurlaub in nobler Distanz vom Massentourismus. Ist Alice wirklich seine Schwester und nicht seine Ehefrau, wie er gegenüber seiner Strandbekanntschaft Berenice erklären wird? In jedem Fall besitzen die beiden eine millionenschwere Fleischfabrik in England.

Der Sensenmann klopft an

Ist das Paradies ein Ort im Jenseits, dann gilt das wohl ein bisschen auch für Urlaubsparadiese. Nicht umsonst verortete Thomas Mann den Tod am Lido von Venedig; in Mexiko verehrt man ihn besonders. Mehrfach klopft der Sensenmann an die himmlischen Pforten der Touristenareale.

Als Alice die Nachricht ereilt, dass ihre Mutter im Sterben liege, macht sich die Familie hastig auf den Weg zum Flughafen. Neil jedoch bleibt dort überraschend zurück. Angeblich hat er seinen Pass vergessen; aber auch den nächsten Flieger lässt er sausen. Stattdessen nimmt er sich ein Taxi zu einem einfachen Hotel, das der Fahrer empfiehlt. Er beginnt eine Affäre mit jener Einheimischen, der er sagt, er habe weder Frau noch Kinder. Nichts kann ihn in der Ruhe seiner neuen Rolle als Endlosurlauber stören. Als am Strand ein Mann erschossen wird, bleibt er ungerührt sitzen in seinem Einblock-Plastikstuhl. Das Wasser färbt sich rot.

Die moderne Klassengesellschaft zeigt in den Filmen des Mexikaners Michel Franco gerne ihre sonst häufig versteckten scharfen Kanten. 2020 war von ihm das dystopische Drama „New Order – Die neue Weltordnung“ zu sehen über den Überfall einer Gruppe unterprivilegierter Männer auf eine reiche Hochzeitsgesellschaft. Hier verläuft der Ausbruch in umgekehrter Richtung: Neil kehrt nicht nur seiner Familie den Rücken, auch der Luxus interessiert ihn schlagartig nicht mehr. Als Alice noch einmal zurückkommt, um ihn heimzuholen, lässt er sich lieber mit einer monatlichen Apanage abfinden. Und als sie noch am Ort bei einem Überfall den Tod findet, überlässt er das Erbe gern den Kindern. Dass man ihn vorübergehend unter Mordverdacht ins Gefängnis wirft, lässt ihn einigermaßen kalt.

Tim Roth, dieser elektrisierende Schauspieler, wurde bekannt als Darsteller weniger gelassen auftretender Charaktere – etwa als Auftragsmörder in der ersten Episode von Tarantinos „Pulp Fiction“. Es ist faszinierend, ihn nun in einer beinahe ausdruckslosen Darstellung zu erleben. Seine stoische Präsenz lässt die tragischen Verwicklungen dieser minimalistischen Geschichte noch irrealer wirken. Sein Ausbruch aus der angestammten Rolle ist bar jeder Expression. So gesehen ist er das krasse Gegenteil von Maren Ades plötzlicher Urlaubs-Anarchistin in „Alle anderen“.

Sex und zuckende Austern

Umso eindrucksvoller zeigen sich vor dem Hintergrund seiner Indifferenz die sozialen Differenzen – der Kontrast zwischen dem Luxusressort des Filmanfangs und den überfüllten Stränden des Massentourismus. Michel Franco liebt die kontrastierende Montage. Auf die pulsierenden Leiber einer Sexzszene lässt er eine Großaufnahme von Austern folgen, die unter Limettentropfen zucken. Wo ist das Leben, wo der Tod? Ganz so eindeutig ist die Symbolik dann doch nicht. Auf den ersten Blick vermag die einfache Geschichte die Laufzeit nicht recht zu füllen, doch dann entwickelt sie in ihrer Uferlosigkeit eine eigene, suggestive Dynamik.

Das Ähnlichste dazu ist vielleicht Frank Perrys surrealer Klassiker „Der Schwimmer“ von 1968. Burt Lancaster spielte darin einen Mann, der die Swimmingpools seines Villenviertels durchschwimmt, was ebenfalls nach einer überwirklichen Erklärung verlangte. Tim Roth macht sich nun in seiner fast statischen Rolle auf eine ähnlich geheimnisvolle Odyssee.

Sundown. Mexiko, Frankreich, Schweden 2020. Regie: Michel Franco. 83 Min.

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