TV-Kritik: Paris

Im Sumpf an der Seine

  • Daland Segler
    vonDaland Segler
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Arte zeigt einen Sechsteiler, der spannungsreich von den Verwicklungen und Verwirrungen der Menschen in der französischen Hauptstadt erzählt.

Paris: Der Name hat seit einigen Tagen einen anders gefärbten Klang. Das Leichte, das Unbeschwerte, das mit der Metropole verbunden wird, ist einer Stimmung gewichen, die zwischen Trauer und Wut changiert, einer trotzigen Melancholie. Dass der deutsch-französische Gemeinschaftssender Arte nun einen Mehrteiler mit dem Namen der Stadt als Titel sendet, könnte als unpassend oder gerade passend empfunden werden – doch hat die Mini-Serie keinerlei aktuellen Bezug, auch wenn sie in der Gegenwart spielt.

Autorin Virginie Brac wollte nach  dem Vorbild von „24 Stunden Berlin“ ein Kaleidoskop des Lebens in Frankreichs Hauptstadt entwickeln, die Bilder und Geschichten weder am Stück noch in üblicher Spielfilmlänge ausmalen. Und es gelang ihr und Regisseur Gilles Bannier, in den sechs mal rund 40 Minuten Längen und Langeweile zu vermeiden, auch dank der Grundstruktur des Krimis, die die beiden schon in ihrer Ganoven-Serie „Les Beaux Mecs“ (2011) durchgespielt hatten. Und so erzählen sie auch hier vom Sumpf  und seinen Blüten an der Seine, den Lügen der Kleinen und Intrigen der Großen.

Der Film beginnt morgens um Fünf – denn dann erwacht Paris, wie Jacques Dutronc 1968 in seinem Schlager sang: „Il est cinq heures, Paris s'éveille“. Busfahrerin Cathy tritt ihren Dienst an, Sängerin Alexia bringt noch ein letztes Couplet im Nachtclub, in dessen Keller ihr Freund  Ange gerade beim verbotenen Pokern verliert. Damit sind drei der zwölf Hauptpersonen schon eingeführt, wie der Film überhaupt wenig Zeit verliert, die Figuren vorzustellen und die Konfliktlinien zu ziehen. Die Verbindungen zwischen den Protagonisten werden erst im Laufe der Episoden erkennbar, und nur manchmal wirken die Begegnungen und Verstrickungen arg gewollt, letztlich hat hier jeder mit jeder etwas zu tun, sei es der Premierminister mit der Gewerkschafterin, der Staatsanwalt mit der Sängerin, der Leichenbestatter mit dem jungen arabischstämmigen Klein-Ganoven.

Virginie Brac gelingt es, unaufdringlich einen Querschnitt durch die Bevölkerung abzubilden und den täglichen Lebenskampf von intimsten Nöten bis zur großen Politik aufscheinen zu lassen. So ist ihre Hauptfigur Alexia treffend eine Frau in einem Männerkörper, nicht „transsexuell“, wie die Autorin in einem Interview betont, sondern „transgender“. Die Sängerin ist das Kind des Busfahrer-Ehepaars Cathy und Yvon, entfremdet von der Mutter, die sie als Frau nicht akzeptieren will, und fürsorglich mit ihrem Vater, der wegen Trunkenheit seinen Führerschein los ist und nun nicht mehr arbeiten soll. Das Schicksal der so genannten „kleinen Leute“ steht im Zentrum des Geschehens und ist auch weniger klischeebeladen als etwa Figuren wie die hysterische Minister-Gattin oder der glatte Staatsanwalt und der Jüngling von der Elite-Uni.

Doch hält sich die Verwendung von Stereotypen in Grenzen; die den einzelnen Protagonisten jeweils zugestandene Zeit ermöglicht eine differenzierte Zeichnung der Charaktere, so dass man mit Spannung verfolgt, ob der halbwüchsige Sohn des Politikers seine leibliche Mutter findet, wie die Eltern mit dem Tod des in Mali gefallenen Sohns umgehen, ob die Gewerkschafter ihre Absicht zu streiken in die Tat umsetzen werden oder wie Ange, der Dieb im eleganten Anzug, an das Geld kommt, das er braucht, um seine Schulden beim Nachtclub-Boss zu bezahlen und das er bei seinem letzten Einbruch unverrichteter Dinge liegen lassen musste.

Das ist alles in klaren Farben fotografiert; die Kameraarbeit von Tommaso Fiorilli zeichnet sich durch überlegte Wahl des Standpunkts und des Lichts aus, der Einsatz der Handkamera ist so sparsam wie sinnvoll. Die Darsteller, allesamt nicht über die Landesgrenzen hinaus als Stars bekannt, machen glaubhaft, wie sich ihre Figuren mit den Zumutungen des Daseins herumplagen. So ist „Paris“ eine geglückte filmische Verdichtung des facettenreichen Treibens in der Metropole – die eine erstaunlich kleine Rolle spielt, was Schauplätze oder gar touristische Schauwerte angeht. Doch ist das eben auch eine der Stärken dieser Arbeit: „Paris“ ist hier ein innerer Zustand, die Stadt lebt in den Seelen ihrer Menschen.

"Paris": Donnerstag, 15. Januar und 22. Januar, Arte, 20.15 Uhr.

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