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Am Ende kommen Touristen: erste Besucher flanieren zwischen den alten Kulissen der Filmstadt vor den Toren Roms.

Film

Im süßen falschen Leben

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Zum ersten Mal öffnet die Cinecittà, die Filmstadt vor den Toren Roms, ihre Pforten für Touristen. Die Römer wollen so Fellinis Mythos neues Leben einhauchen.

Zum ersten Mal öffnet die Cinecittà, die Filmstadt vor den Toren Roms, ihre Pforten für Touristen. Die Römer wollen so Fellinis Mythos neues Leben einhauchen.

Der Rote Teppich ist ausgerollt. Er führt unter ausladenden Pinien vorbei an gepflegten Rasenflächen, zu apricotfarbenen kubischen Gebäuden aus den 30er Jahren. Leise erklingt Filmmusik aus einem Lautsprecher, während der Besucher in der warmen Mittagssonne durch eine Western-Stadt läuft und sich dann im New York des frühen 19. Jahrhunderts wähnt. Weiter hinten wandert er im Zeitraffer vom alten Ägypten zu den täuschend echten Monumentalbauten des kaiserlichen Roms. Nur von der Seite sieht man die Stahlgerüste, die die Fassaden stützen. Und auch der rote Teppich ist nicht echt, sondern nur auf den Asphalt gepinselt. Es ist nur schöner Schein, es ist die Cinecittà.

Zum ersten Mal in ihrer Geschichte hat Roms Filmstadt ihre Pforten für Besucher geöffnet. Im Rahmen der 150-Jahrfeiern Italiens zeigt sie ihren schon etwas morbiden Charme in der Ausstellung „Cinecittà Si Mostra“. Zu besichtigen ist nicht nur ein Stück Filmgeschichte, sondern ein Kulturgut, das nach dem Krieg zum Exportschlager werden sollte. Andächtig bestaunt eine Gruppe von jungen Amerikanerinnen die Requisiten aus „Cleopatra“ und „Ben Hur“, die Roben der Diven Claudia Cardinale, Sophia Loren und Anita Ekberg, die Kostüme von Marcello Mastroianni und Giulietta Masina. Dazu gibt es Film immer wieder Film. Ausschnitte aus Meisterwerken, Aufnahmen vom Set und Interviews mit den Giganten des Genres.

Träume sollten hier wahr werden, so hatte es sich einst Benito Mussolini gewünscht. Der Diktator hatte von Lenin gelernt, dass Kino eine Allzweckwaffe der Propaganda war. In den 30er Jahren ließ er die Filmstadt im Stil der Zeit erbauen, einer Mischung aus Neuer Sachlichkeit und faschistischer Architektur, 1937 weihte er sie mit grossem Pomp ein. Die goldenen Zeiten aber kamen erst nach dem Zweiten Weltkrieg. 3000 Filme wurden seit 1947 hier gedreht, 48 holten Oscars.

Mythos von dem die Stadt bis heute zehrt

Der Aufstieg begann mit den italienischen Neorealisten. Roberto Rossellini, Vittorio de Sica, Luchino Visconti, sie machten die Cinecittà zum Inbegriff des grossen italienischen, ja des europäischen Kinos. Ende der 40er Jahre kamen dann die Amerikaner. Rom war billiger als Hollywood – es begann die Zeit der bombastischen Sandalen- und Kostümfilme. Die brachten Weltstars in die provinzielle Hauptstadt und sehr viel Glamour: Das „Hollywood am Tiber“ wurde selbst zur Kulisse, zum Stoff für Legenden. Liz Taylor traf hier ihre erste grosse Liebe Richard Burton, Audrey Hepburn und Mel Ferrer verbrachten einen Teil ihrer Flitterwochen auf dem Set, nachts feierte man rauschende Feste.

Einer aber überragte alle: Federico Fellini. „Es war meine ideale Welt“, schwärmte der Mann aus Rimini über die Filmstadt. Die Cinecittà sei sein Zuhause. Und der Filmemacher, dessen Werke fast alle dort gedreht wurden, sorgte dafür, dass die Cinecittà in den Stand eines Nationalheiligtums erhoben wurde.

Mit „La Dolce Vita“ setzte der Meister dem Rom der 50er Jahre ein Denkmal und schuf seinerseits einen Mythos, von dem die Stadt bis heute zehrt. Kein Besuch der italienischen Hauptstadt kann als gelungen gelten, bei dem man nicht eine Münze in den Trevi-Brunnen geworfen hat, jenes spätbarocke Meisterwerk, das die nicht minder barocke Schwedin Anita Ekberg unsterblich machen sollte. Den Brunnen liess Fellini ebenso naturgetreu nachbauen wie die Prachtstrasse Via Veneto, der er filmisch einen Glanz verlieh, den sie zuvor nie hatte.

Das vermeintlich süsse Leben jenes dekadent-bourgeoisen Roms der Nachkriegszeit ist längst Vergangenheit. Auch die Cinecittà hat ihre besten Zeiten hinter sich – nicht zuletzt wegen eines neuen Mediums, das seit den 70er Jahren dem Kino Konkurrenz macht: Das Fernsehen, in Italien besonders erfolgreich, stürzte die Filmindustrie in eine tiefe Krise. In Mussolinis Traumfabrik entstand zwar manchmal noch großes Erzählkino wie „Der Englische Patient“, „Der letzte Kaiser“ und „Der Name der Rose“ doch der Schwerpunkt der Produktionen verlagerte sich hin zu italienischen TV-Serien und Komödien für den heimischen Markt.

„Die Zeiten sind hart und die Konkurrenz ist gross“, sagt Carole André Smith, „aber Cinecittà lebt“. Die schmale Frau mit den intensiven blauen Augen ist die Leiterin der Marketing-Abteilung – und sie ist geradezu prädestiniert für den Job. Die Tochter der französischen Schauspielerin Gaby André und eines amerikanischen Vaters wuchs in Rom mit dem Mythos Cinecittà auf. „Film war bei uns allgegenwärtig“, schwärmt sie, Schauspieler und Regisseure gingen im Haus ihrer Eltern ein und aus. Heute fühlt sich Carole André Smith, früher selbst Schauspielerin, mitverantwortlich dafür, dass der Mythos eine Zukunft hat.

Ausgebuchte Studios

Denn Kultur hat es schwer im Italien des Silvio Berlusconi. Mit drastischen Kürzungen auch im Bildungs- und Kulturbereich werden die Staatsfinanzen saniert. Ein Aufschrei ging durch das Land, als die Regierung im Frühjahr ankündigte, die Zuschüsse für die Cinnecittà zusammenzukürzen. „Die Cinecittà stirbt“ titelten die Zeitungen. Betroffen davor waren allerdings nicht die Filmstudios, sondern die staatliche Cinecittà Luce, die ebenfalls auf dem Gelände ansässig ist. Sie ist zuständig für die weltweite Vermarktung von italienischen Filmen und beherbergt auch das Archiv, eine Schatzkammer der Filmgeschichte.

Für die Studios beteuert deren Präsident, der Banker und Industrielle Luigi Abete: „Cinecittà lebt und arbeitet daran, wieder internationaler zu werden.“ Tatsächlich geht es seit der Privatisierung im Jahr 1997 wieder bergauf. Nur noch 20 Prozent an den Cinecittà Filmstudios hält der italienische Staat seither, der Rest ist in Händen eines privaten Konsortiums.

Cinecittà ist immer noch die größte Produktionsstätte für Filme in Europa. Das Budget ist doppelt so hoch wie vor der Privatisierung, die 21 Studios sind ausgebucht. Und auch heute ist Mussolinis Traumfabrik die erste Adresse auf der Welt, wenn es um antike Kulissen und Kostüme geht. Jüngst hat Nanni Moretti hier „Habemus Papam“ gedreht, der jetzt auch in Cannes lief, und dafür die Sixtinische Kapelle und die Fassade des Petersdoms nachbauen lassen, im Sommer kommt Woody Allen für sein neuestes Werk, einen Film frei nach dem Decamerone, der mittelalterlichen Novellensammlung von Giovanni Boccacio, auf den Set.

Zudem möchte die Stadt Rom, Fellinis Mythos gerne neues Leben einhauchen. Der frühere Bürgermeister Walter Veltroni schenkte ihr, in Konkurrenz zu Venedig, ein eigenes Filmfestival. Sogar von einem Film-Disneyland träumt man. Zumindest aber soll jetzt in der Cinecittà endlich ein dauerhaftes Museum entstehen.

Bemühungen, die mehr als berechtigt sind, wie der italienische Schauspielstar Roberto Benigni bei der Eröffnung der Ausstellung erklärte. „Die Cinecittà ist mehr als nur eine Erinnerung“, sagte er unter dem begeisterten Applaus prominenter Gäste aus Showbusiness und Lokalpolitik. „Es ist unsere Mutter. Hier sind wir alle geboren worden.“

Cinecittà Si Mostra, täglich außer Dienstag von 10.30 bis 19.30 Uhr bis zum 30. November 2011.

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