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Irritierend verschachtelt: „Dritte Republik“ von Thomas Köck und Elsa-Sophie Jach. 

„Radikal jung“

Fit und subversiv

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Befreiungsoptimismus: Das Münchner Festival für den Regienachwuchs produziert immer wieder Nähe.

Der in Venezuela geborene Performer, Schauspieler, Musiker Ariah Lester strahlt eine Energie aus, die manchmal fast esoterisch daherkommt. Abgeschminkt und in Privatklamotten sitzt er nicht (wie alle anderen vor oder nach ihm) auf der kleinen Bühne des Festival-Zelts, sondern auf einem Stuhl im Publikum. „Radikal jung“: Das Festival für junge Regie des Münchner Volkstheaters zeigte zum 15. Mal Produktionen von Theatermachern, die am Anfang ihrer Karriere stehen. Lester, der „Gay-Latino“ (Selbstbezeichnung), beschwört mit fast jedem Satz und mit seinem Lächeln einen unbedingten Befreiungsoptimismus, der ebenso wie sein Stück „White (Ariane)“ manchmal knapp am Kitsch vorbeischrammt: Du kannst es, wir können es – uns befreien vom Joch einer disziplinierenden, ständig normierenden Gesellschaft, vom Druck familiärer privater Prägungen.

Noch kurz zuvor bewegte er sich im barock-verspielten Tunten-Dress (aus Lackstiefeln, schwarzem Schnürkorsett und flügelhaften rosa Ärmeln) über die Kleine Bühne des Volkstheaters. Seine Amsterdamer Solo-Revue mit Falsett-Gesang zu elektronischer Musik, Tanz und interaktiven Einlagen erzählt die Geschichte des Ausbruchs eines ausgegrenzten Außenseiters aus durchkontrollierten Räumen. Lester (alias Ariane) gelingt dabei etwas Seltenes: Die emotionalen Tagebucheinträge seiner Mutter (die sich eigentlich ein Mädchen gewünscht hat) benutzend, sich selbst trotz Maskierung schonungslos öffnend, gewinnt er die Zuschauer durch teils echte, teils gespielte Distanzlosigkeit. Am Ende erhielt er dafür den Publikumspreis des Festivals.

„Radikal jung“ war 2019 so weiblich wie nie: 14 regieführende Frauen und fünf Männer zeigten sich. Handschriften, Stile, Zugänge? Die waren so vielfältig wie immer. Neben Klassikeradaptionen (ein von Leonie Böhm schön auf die Liebesbeziehung zwischen Gretchen und Faust eingedampfter, unterhaltsamer „Yung Faust“) und Romanvorlagen (Robert Menasses „Die Hauptstadt“, glücklicherweise heruntergebrochen auf die frustrierten Europapolitiker von Lucia Bihler) kamen selbstgeschriebene Texte – wie der verschachtelte, irritierende und aktuelle 20.-Jahrhundert-Beitrag „Dritte Republik“ von Thomas Köck und Elsa-Sophie Jach – auf die Bühne.

An die Gegenwart der Geschichte erinnerten sowohl die in Deutschland lebende Israelin Sapir Heller mit ihrer Holocaust-Narration „Amsterdam“ als auch Florian Fischer mit der dokumentarischen Aufarbeitung (fesselnd, Dank des Dresdner Bürgerchors auf Video) einer weithin unbekannten Episode aus der tschechoslowakischen Nachkriegsgeschichte: Nach der kommunistischen Machtübernahme 1948 lockte der Geheimdienst in der „Operation Kamen“ Flüchtende in die Falle – indem Fake-Zöllner vor falschem Zollhäuschen ihnen weismachten, sie seien bereits jenseits der Grenze.

Auffällig viele Produktionen begaben sich auf das Schlachtfeld Körper/Politik/Macht/Ich-Störung – auch Michel Foucault hätte seine Freude gehabt. Überzeugend installierte das Künstlerkollektiv „The Agency“ (Magdalena Emmerig, Rahel Spöhrer, Belle Santos und Yana Thönnes) in einem derzeit künstlerisch zwischengenutzten ehemaligen Bürogebäude seine zwischen Selbstoptimierung und subversivem Widerstand schillernde Fitnessstudio-Version einer Befragung des weiblichen Körpers: „Your body does not make you. Your body makes a society. What do you wanna transform? – Everything.“

Kämpferischen und erfahrenen Feminismus kombinierte und konfrontierte die Wienerin Christina Tscharyiski in ihrem Berliner Double-Feature „Revolt. She said. Revolt again“ (von Alice Birch) und „Mar-a-lago“ (von Marlene Streeruwitz). Diese Mischung aus überspitztem, bös-komischem Blick auf die Situation von Frauen im Theaterbetrieb (#metoo) und intelligentem Gender-Schmäh wurde grundiert von Elektro-Beats und attackierenden Texten über Geschlechterrollen der deutsch-türkischen Rapperin Ebow.

Gerade die kleinen Produktionen überraschten: oft roh, analog, direkt in der Herangehensweise spielten gerade sie mit den Erwartungen der Zuschauer. Nach dem Schlussapplaus für die beiden reduzierten, verstörenden Gewalt- und Selbstverletzungsmonologe (Mo Fry Pasic und Julia Mounsey) in der New Yorker Produktion „[50/50] old school animation“ in der Regie von Peter Mills Weiss und Julia Mounsey herrschte Stille.

Auf der Plattform „Radikal jung“ lässt sich das Jahr für Jahr beobachten: Theaterproduktionen diesseits und jenseits der Stadttheaterhegemonie nähern sich gegenseitig, entwickeln sich neu, suchen Befreiung von überlieferten Mustern.

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