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Vivienne Westwood, die auch Umweltaktivistin ist, in der Arktis.

"Westwood: Punk. Ikone. Aktivistin"

Subkulturen plündern, Blusen öffnen

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Die filmische Biografie "Westwood: Punk. Ikone. Aktivistin" verneigt sich vor der Modemacherin Vivienne Westwood.

Nein, nein, nein, sie wolle wirklich nicht darüber reden. Vivienne Westwood legt ihren Kopf recht theatralisch in die Hände und stöhnt. „Es langweilt mich so unglaublich, ich habe das alles tausendmal erzählt. Aber ich weiß, dass die Leute es hören wollen.“ Die Modemacherin, 77 Jahre alt, rollt mit den Augen und erzählt dann doch bereitwillig von den Sex Pistols und Malcolm McLaren und wie man gemeinsam den Punk erfunden habe im London der Siebziger. 

Wie ihre Lumpenmode mit den Sicherheitsnadeln, den Slogans und Rattenfraß-Haaren Jugendkultur wurde, quasi über Nacht ersonnen im Hinterzimmer eines Klamottenladens, und wie armselig es doch sei, dass Johnny Lydon, Ex-Sänger der Sex Pistols, immer noch nicht seiner Rolle des ewigen Punk entwachsen ist, 40 Jahre später. Sie erzählt von McLarens zwielichtigem Charakter, ohne dessen Vermarktungsgenie auch Westwoods Karriere sicherlich anders verlaufen wäre. Wie McLaren sie nach der Trennung fast ruiniert hätte, dessen Intrigen einen Deal mit Giorgio Armani verhinderten und wie dann schlussendlich erst der Erfolg und dann das Establishment kamen, um Westwood zu ehren, nachdem es nicht mehr möglich war, sie zu ignorieren. 

Jetzt zeigt die Biografie „Westwood: Punk. Ikone. Aktivistin“, wie aus der Autodidaktin eine der erfolgreichsten und einflussreichsten Modemacherinnen Großbritanniens wurde, von den Anfängen über den Punk bis zur global agierenden Modemarke mit 120 Läden weltweit. Weggefährten und Zeitgenossen kommen zu Wort, und natürlich Westwoods Lebensgefährte, der Österreicher Andreas Kronthaler, mit dem sie mittlerweile alle Kollektionen gemeinsam entwirft. Kronthaler, bisexuell und 25 Jahre jünger als Westwood. Einen Umstand, den die Britin in einem Interview einmal mit einem erstaunten „Ja und?“ kommentierte. 

Konventionelle Biografie über unkonventionelle Frau

Lorna Tuckers Film ist eine recht konventionelle Biografie über eine gänzlich unkonventionelle Frau, die den Mainstream der Mode des letzten halben Jahrhunderts beeinflusst hat wie kaum jemand sonst. Nur selten gelingt es Tucker, den irrwitzigen und charmanten Eklektizismus einzufangen, der das Fundament aller Entwürfe Westwoods bildet, dieses Plündern und Brandschatzen von Epochen und Subkulturen, mit der die Britin Piratenrüschen und Hobo-Schick verband, den Kostümfundus des 17. Jahrhunderts mit der SM-Bekleidung der Schwulenszene und den Uniformen des Militärs kombinierte, um etwas ganz Eigenes daraus zu machen, eine Mode, deren Alleinstellungsmerkmal jener exzentrische Stil ist, der immer als Idee Vivienne Westwoods erkennbar ist.

Die Modemacherin, geboren 1941 in der Nähe von Manchester, hat Schaukelpferdschuhe mit Krinolinen kombiniert, öffnete Hosen und Blusen da, wo sie sonst aus Schamgründen verschlossen bleiben, verpasste Micky Maus ein Hakenkreuz und wickelte ihre Männermodelle in Musselin im Schnitt von Zwangsjacken und Bondage-Bekleidung. In der Regel stieß sie damit auf Unverständnis, die englische Presse sah in ihr eine Zersetzerin der bürgerlichen Moral und als sie einmal ihre Entwürfe im englischen Fernsehen präsentierte, wurde sie vom Publikum ausgelacht. 

Lange wurde sie geschmäht, war eine Außenseiterin unter den Modemachern der Achtzigerjahre. Doch Westwoods Entwürfe waren überall, kaum eine Band diese Ära kam ohne ihre modische Unterstützung aus, keine Jugendkultur, die sich nicht bei Westwood bediente. Am Ende wurde sie zweimal vom britischen Fashion Council zur Designerin des Jahres gewählt, Queen Elizabeth adelte die Königin der Kings Road, und Westwood war plötzlich das, was sie nie sein wollte – ein Teil des verhassten britischen Establishments. Dame Vivienne Westwood. 

So zeigt die Biografie in ihren besten Momenten eine Frau, die sich auf dem Höhepunkt ihrer Karriere immer noch zerreibt zwischen ihrer Kreativität, die aus dem Anarchistischen schöpft, und den Anforderungen eines Marktes, der in krassem Kontrast zu ihrer märchenhaften Mode steht. Eine Frau, die sich schwertut mit Kundinnen wie Kim Kardashian und den chromglänzenden Boutiquen, die ihr ein Marketingteam verordnet hat. Also bleibt sie der Eröffnung eines Westwood-Stores in New York fern und besucht in London lieber die Demo für den Klimaschutz. Einmal Punk, immer Punk.

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