Carsten Maschmeyer, ehemaliger Vorsitzender der AWD Holding AG.
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Carsten Maschmeyer, ehemaliger Vorsitzender der AWD Holding AG.

TV-Kritik: „Der Hannover-Komplex“

Sturmfest und erdverwachsen

  • Daland Segler
    vonDaland Segler
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Lutz Hachmeister hat ergründet, wie die niedersächsische Landeshauptstadt zum Nest bundesdeutscher Polit-Prominenz geworden ist.

Hannover kann ja nichts dafür. Im Weltkrieg zerbombt wie viele andere große Städte in Deutschland, hat die Stadt beim Wiederaufbau sich der Notwendigkeit gefügt, möglichst schnell möglichst viel Platz für die Überlebenden zu schaffen. Dazu kam der Virus der Brutalität, der die Architektur jener Zeit befallen hatte. Und Hannover hat es dabei schlimm erwischt, ganz schlimm. Die Stadt sei nicht hässlich, nicht schön, sagt eine Bewohnerin zu Anfang von Lutz Hachmeisters Film  „Der Hannover Komplex“ – welch ein Irrtum.

Aber wie das so ist mit den hässlichen Entlein: Mitunter verfügen sie über verborgene Qualität. Hachmeister, für einige Jahre Chef des Grimme-Instituts, inzwischen Journalistik-Professor und immer wieder mal originelle Dokumentarfilme („Das Goebbels-Experiment“) liefernd, hat erforscht, warum aus der niedersächsischen Landeshauptstadt auffällig viele Menschen kommen, die in der bundesdeutschen Politik der Nachkriegszeit eine Rolle spielten.

Das gilt für die Metropolen wie München, Hamburg und Berlin allemal auch, aber nun ist  die Stadt an der Leine letztlich ja bundesrepublikanische Provinz: Und aus ihr stammen Ernst Albrecht und seine Tochter Ursula von der Leyen und Gerhard Schröder als die prominentesten Figuren; Christian Wulff Sigmar Gabriel, Jürgen Trittin, Frank-Walter Steinmeier und Thomas Oppermann wurden dort als Landespolitiker groß, daneben stehen abseits der Politik, aber mit ihr stets verbandelt, Figuren wie Hörgeräte-Unternehmer Martin Kind als Präsident von Hannover 96, die ehemalige  Bischöfin Margot Käßmann, Drogerie-Gründer Dirk Roßmann, Kino-Mogul Hans-Joachim Flebbe, Finanzjongleur Carsten Maschmeyer und die Rockgruppe Scorpions häufig im Fokus der Öffentlichkeit;  führende Journalisten wie Giovanni di Lorenzo und Steffen Seibert gingen dort zur Schule.

In einem Interview mit der Neuen Westfälischen erklärt Hachmeister sein Interesse: Hannover stehe „paradigmatisch für Deutschland“, denn es liege „sprachlich, politisch und mental genau im Zentrum“. Es ist aber noch etwas anderes, das die eine halbe Million Einwohner zählende Kommune prägt. Die bescheidene Größe bringt eine Art von Enge mit sich, die zu einem System des Closed Shop führt.

Die Spitzen der Gesellschaft kennen sich, und eine Hand wäscht in diesem Netzwerk gerne mal die andere.  Hachmeister sieht in diesen Verbindungen einen Grund, warum Hannover zu einem „Machtzentrum“ geworden sei, wie er erklärt. Das leitet er in seinem Film zunächst historisch her, so dass der erste Teil unversehens zum Geschichtsunterricht wird, immer flott montiert mit Aussagen von heute.

Mit der Schilderung der Ära Albrecht dann fokussiert sich der Autor auf die Polit-Prominenz. Da erfährt man wenig Neues – obwohl  Anwalt Götz von Fromberg, Kollege Gerhard Schröders und schillernde Figur mit Verbindungen bis in die  Niederungen des Rotlicht-Viertels, den Autor als Maitre de Plaisir durch die Stadt führt.

Die Stärke des Films ist dann eben eher das Anekdotische, von Aufnahmen mit Absingen  des Niedersachsenlieds  („ sturmfest und erdverwachsen...“) über die  Sitte des „Bullenschlucks“ bis hin zu Trittins Erinnerung, dass er in den politischen Ränkespielen zu den „Frogs“  gehörte – Friends of Gerhard Schröder“. 

Das Verdienst Hachmeisters  ist die konzentrierte Darstellung der Entwicklung zu einer immer stärker von medialen Einflüssen geprägten Politik, wozu auch das Bekenntnis zum Fußball gehört. Da erkannte dann irgendwann auch Drogist Rossmann den Nutzen des Kaufs einer Loge im Stadion: „Da passiert ja unheimlich viel.“ Spätestens mit dem Fall Christian Wulffs, so wird deutlich, entschied die Fähigkeit, sich der Medien zu bedienen, das Geschick der Politiker.  Der ehemalige Bundespräsident scheiterte daran. Und nun spielt er nicht mehr in der ersten Liga. Wie Hannover 96.

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