+
Autor Johannes Vogel (r.) mit Ex-Lehman-Banker Larry McDonald (l.) in dessen Apartment.

TV-Kritik „Der Bankraub“

Stupid German Money

"Der Bankraub" ist eine bittere Aufarbeitung der deutschen Beteiligung an der großen Finanzkrise von 2008.

Von D.J. Frederiksson

In Michael Lewis' lesenswerter Finanzkrisen-Chronik „The Big Short“ taucht mehrfach ein gewisser Greg Lippmann auf, der in den Jahren vor dem großen Crash seine Kollegen warnen möchte, daß der Immobilienmarkt kollabieren wird. Als er gefragt wird, wer denn dann bitte all diese Schrottpapiere kauft, antwortet er stets mit einer abfälligen Handbewegung: „Düsseldorf.“ Soll heißen: Irgendwelche Landesbank-Idioten, irgendwelche Kleinanleger, die keine Ahnung haben oder von ihren Berater für dumm verkauft wurden. „Stupid German Money.“

Das Schlagwort taucht auch zu Beginn dieser deutschen TV-Aufarbeitung auf: „Stupid German Money“. Das Klischee gibt es nämlich schon vor der Krise, und eigentlich will man dieses Mal alles anders machen. Die Deutschen wollen mitschwimmen im Haifischbecken und endlich mal ganz oben mitmischen bei der Kapitaljagd. Es geht um einen ehrgeizigen Altbanker, der mit einer neugegründeten US-Niederlassung seine mittelständische Privatbank endlich mit an den goldenen Trog der US-Immobilienmärkte holen möchte, wo fantastische Rendite lockt. Und es geht um einen  ebenso ehrgeizigen Jungbanker, der sich von der Welt des schnellen Geldes blenden läßt und dabei alles verliert – allen voran seine Seele.

Die Konstellation vom orientierungslosen Yuppie, der zwischen zwei Vätern schwankt, dem skrupellosen Überkapitalisten auf der einen Seite und dem anständigen Arbeiterpapa auf der anderen, das ist ein wenig zu offensichtlich von Oliver Stones „Wall Street“ geklaut. Vom zunehmend dekadenten Lebensstil bis zur abschließenden kleinmütigen Läuterung durch Selbstaufopferung sieht man da wirklich alle Stationen nachgezeichnet. Aber wenn ein nun schon dreißig Jahre alter Klassiker immer noch so aktuell wirkt, warum dann nicht bei den Besten stehlen?

Ärgerlicher ist da eher, daß „Der Bankraub“ einen unangenehmen deutschen Fernsehtrend der letzten Jahre fortsetzt und zu viel will. Anstatt sich auf die durchaus lehrreiche Geschichte des jungen Mannes zu konzentrieren, konstruiert der Film mühsam eine Nebenhandlung, in der der Vater seine Ersparnisse natürlich genau in jene Wertpapiere des Sohnes anlegt und dadurch Haus und Hof verspielt, nur um schließlich zur Selbstjustiz gegen den Bankier zu greifen. Das ist ein weiterer gescheiterter Versuch, einen international komplexen Zusammenhang künstlich in eine einzige überdramatische Familiengeschichte zu stopfen, anstatt sich etwas mehr Zeit für die Erforschung des komplexen Themenverhalts zu nehmen.

Teils anstrengend pädagogisch

Denn der Film hat eine löbliche, aber auch anstrengende pädagogische Ader. Die Figuren halten endlose Fachvorträge und erklären sich gegenseitig unentwegt die Reize und Probleme von CDO-Tranchen, AAA-Ratings und Kreditausfallversicherungen. Das sollte die Zuschauer allerdings nicht abschrecken: Selbst die poppige „Big Short“-Verfilmung kam bei diesem Thema nicht um anschauliche Zuschauerbelehrungen herum, und aus gutem Grund: Eine kollektive Bildungslücke, gerade bei einem so enorm wichtigen Thema, sollte man nicht umschiffen, sondern mit allen Mitteln zu schlißen versuchen. Und wer die heutige Welt verstehen will, muß sich eben auch mal einen komplizierten Sachverhalt erklären lassen. Das hat für die Zuschauer den Vorteil, daß man sich durchaus mit den damaligen Bankern identifizieren kann. „Ich bin seit dreißig Jahren im Finanzgeschäft, und ich finde das zu kompliziert“, stöhnt ein alter Bankier, und nimmt damit unwissentlich den Kenntnisstand seiner gesamten Berufsgruppe vorweg. Geldmanager sind nämlich nicht immer böswillige Schergen, meist hören sie nur bei den langweiligen Details-Erklärungen genauso ungern zu wie wir Zuschauer. 

Drehbuchautor Martin Rauhaus und Regisseur Urs Egger werden manchmal etwas plakativ, aber man muß ihnen attestieren: Sie versuchen alles, um das „Stupid German Money“ ein wenig klüger zu machen. Die ausgezeichneten Hauptdarsteller Joachim Król, Franz Dinda und Justus von Dohnányi sowie einige ausgezeichnete Nebendarsteller wie Hanns Zischler oder Herbert Knaup helfen dabei, daß die bittere Pille möglichst gut runtergeht. Und wer danach immer noch Aufholbedarf hat, was die noch viel zu wenig beleuchteten Hintergründe der Weltwirtschaftskrise angeht, der ist in der direkt anschließenden Doku von Frank Gensthaler und Hannes Vogel ausgezeichnet aufgehoben. Dort wird der reale Fall, der den „Bankraub“ inspiriert hat, noch einmal aufgearbeitet und einige dramatische Film-Szenen noch einmal mit klugen Hintergrund-Erklärungen versehen. „Was ist ein Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank?“, schrieb Bertolt Brecht einst, und er hätte an einem so lehrreichen Fernsehabend wohl durchaus Gefallen gefunden.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion