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Frederick Lau (Mitte) betört eine junge Spanierin.
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Frederick Lau (Mitte) betört eine junge Spanierin.

Berlinale

Die Stunde der Virtuosen

  • Daniel Kothenschulte
    VonDaniel Kothenschulte
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Immer wieder stellen sich Filmemacher der Herausforderung, auf den Schnitt zu verzichten. In Wettbewerbsbeiträgen aus Deutschland und Großbritannien zelebrieren Sebastian Schipper und Andrew Haigh ein radikales Autorenkino.

Ein Mädchen. Eine Stadt. Eine Nacht. Eine Kameraeinstellung“: Stolz wirbt Sebastian Schipper schon auf dem ersten Filmplakat für die Schauwerte von „Victoria“, dem ersten deutschen Beitrag im Wettbewerb der Berlinale. Und tatsächlich: Bruchlos folgt die Handkamera zwei Stunden und zwanzig Minuten lang einer jungen Spanierin (Laia Costa) auf ihrer Odyssee, die im flackernden Stroboskoplicht einer Kellerdisko anfängt und schließlich im Kugelfeuer der Polizei zu enden droht. Mit staunenden Augen und einem entwaffnenden Lächeln stolpert diese moderne Alice vom Techno-Wunderland in einen fatalen Gangsterfilm, immer auf den Fersen eines charmanten jungen Arbeitslosen (Frederick Lau) und seiner zwielichtigen, aber zugleich unschuldig wirkenden Freunde. Und die vom Norweger Sturla Brandth Grøvlen grandios geführte Kamera stürzt sich mit der neugierigen Fremden in den fatalen Sog.

Immer wieder stellen sich Filmemacher der Herausforderung, auf den Schnitt, das ureigene Gestaltungselement des Kinos, zu verzichten, – auch wenn schon Alfred Hitchcock früh davor gewarnt hat: Obwohl sein Thriller „Cocktail für eine Leiche“ mit diesem Einfall Filmgeschichte schrieb, erschien ihm das Ergebnis selbst urtheatralisch.

Flirt zweier filmischer Moden

Und in der Tat: Live-gefilmte Videobilder sind schon seit Jahrzehnten auch ein beliebtes Theatermittel. Und so imponiert auch das urbane Drama von „Victoria“ zu allererst ein logistisches Virtuosenstück, das mit jedem Schauplatzwechsel auch einen anderen Stimmungsgehalt klassischer Filmgenres beschwört: Auf einem Hausdach, dem Lieblingsplatz der Jungens-Gang, kommt man sich näher, in Viktorias nächtlich-verwaisten Arbeitsplatz, einer Kaffee-Bar, outet sie sich als glücklose Klavierstudentin.

Doch spätestens beim Auftritt eines blondierten Gangsterbosses und dem Austeilen der Pistolen schwindet die Hoffnung auf ein Thema, über das es sich so virtuos zu improvisieren lohnen würde. Mehr als die erhoffte Liebesgeschichte ist dies der Flirt zweier filmischer Moden der 90er – dem „kids and guns movie“ der Tarantino-Schule und dem dänischen Dogmakino.

Makelloses Drehbuch

Wirklich großes Kino entsteht freilich aus der Balance von Erzählung und Beobachtung. Genau dieser Spagat gelingt dem überragenden Beitrag der ersten Festivaltage, dem britischen Drama „45 Years“ des 41-jährigen Andrew Haig. Die große Charlotte Rampling spielt eine pensionierte Lehrerin, die das etwas unrunde Jubiläum ihrer Hochzeit vorbereitet: Wer 45 Ehejahre feiert, der glaubt vielleicht nicht mehr, dass es noch fünfzig werden könnten. Tatsächlich lässt sie eine Woche vor dem Fest eine Nachricht aus der Vergangenheit ihres Mannes an dessen Liebe zweifeln. Vor fünfzig Jahren ist dessen Freundin in den Schweizer Alpen verunglückt, nun hat man ihre Leiche in einer Gletscherspalte wieder entdeckt. Wäre die Tote vielleicht die wahre Liebe seines Lebens gewesen?

Ohne dass es zu einer klärenden Aussprache kommt, verdichtet Haighs makelloses Drehbuch zahllose Spuren zu einem betörenden Drama über Vertrauen, Zweifel und den endlosen Reifeprozess der Liebe. Mit imponierender Zurückhaltung gibt Tom Courtenay in der Rolle des Ehemanns dabei ein komplexes Bild eines verschlossenen, aber hoch emotionalen Mannes.

Im Rückblick auf die fast vergessenen Scheidewege des Lebens rüttelt dieser makellose Film an einer bis ins Alter entscheidenden Säule des Lebens – den Maßstäben persönlicher Integrität.

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