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Hilary Swank als Betty Anne Waters im gleichnamigen Film zusammen mit Sam Rockwell als Kenny Waters.

Justizdrama "Betty Anne Waters"

Stumpfe Wunderwaffe

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Der Fall Waters zählt zu jenen großartigen Geschichten, aus denen leider selten große Filme werden: Im Justizdrama „Betty Anne Waters“ spielt Hilary Swank die Schwester eines unschuldig Verurteilten, die Jura studiert, um ihn frei zu kämpfen.

Der Fall Waters zählt zu jenen großartigen Geschichten, aus denen leider selten große Filme werden: Im Justizdrama „Betty Anne Waters“ spielt Hilary Swank die Schwester eines unschuldig Verurteilten, die Jura studiert, um ihn frei zu kämpfen.

Als Kenny Waters 1983 zu lebenslanger Haft verurteilt wurde, schlummerte der genetische Fingerabdruck noch in den Laboren. 1987 brachte die DNA-Analyse den ersten Angeklagten hinter Gitter, 1988 kam der erste unschuldig Verurteilte durch dieselbe Methode frei. Die Leidenszeit von Kenny Waters dauerte trotzdem 18 Jahre; offenbar wird auch eine kriminalistische Wunderwaffe stumpf, wenn sich das System gegen das Eingeständnis gravierender Fehler sträubt.

Dass Waters wenigstens die letzten sechs Monate seines Lebens in Freiheit verbringen konnte, verdankt er seiner Schwester Betty Anne. Fest von der Unschuld ihres Bruders überzeugt, holte sie den Collegeabschluss nach und paukte sich durchs Jurastudium. Als Anwältin erwirkte sie die Herausgabe aller noch auffindbarer Beweise und fand tatsächlich die Blutspur, die ihren Bruder von aller Schuld reinwusch. In der deutschen Fassung ist der Titel deshalb für ihren Namen reserviert.

Ganz gewöhnliche Menschen

Der Fall Waters zählt zu jenen großartigen Geschichten, aus denen leider allzu selten großartige Filme werden. Im Genre der True Life-Stories schiebt Hollywood statt überlebensgroßer Helden ganz gewöhnliche Menschen ins Rampenlicht, um uns mit ihrem Mut ein anspornendes Beispiel zu geben. Das endet schnell in Sozialkitsch, weil der gute Wille jedes ästhetische Feingefühl verdrängt und die Tatsachen, auf denen der Film beruht, mit jeder neuen Drehbuchfassung ein wenig mehr auf gefällige Dramaturgie frisiert werden.

So ganz ist man davor auch in „Betty Anne Waters“ nicht gefeit. Bettys Ehe zerbricht über ihrem jahrelangen Kampf und ihre vernachlässigten Söhne ziehen zum Vater; im entscheidenden Moment, als Betty alles aufgeben will, ist eine Freundin für sie da; und natürlich fehlt auch der Anwalt aus der Großstadt nicht, der sich für den scheinbar aussichtslosen Fall einsetzt. Immerhin hakt Tony Goldwyn diese sattsam bekannten Plot Points mit deutlich eleganterem Schwung als andere Regisseure ab. Und er inszeniert ein Ensemble, das die meisten dramaturgischen Wackler locker überspielt.

Hilary Swank, die Betty Anne verkörpert, ist auf derartige Heldenfiguren ja beinahe schon abonniert, und hat mit Melissa Leo eine frisch gebackene Oscar-Preisträgerin als Gegenüber. Leo mimt die verbitterte Polizistin, die Kenny Waters hinter Gitter bringt, mit ähnlicher Überzeugung wie die Furie in „The Fighter“, aber ohne deren schrille Obertöne. Als eigentliche Attraktion bleibt jedoch wieder einmal Sam Rockwell in Erinnerung. Er legt Kenny als durchaus widersprüchlichen Charakter an, so dass man einerseits versteht, warum er perfekt ins Fahndungsprofil passt, und gleichzeitig mit der Schwester von seiner Unschuld überzeugt sein kann. Erst im Gefängnis scheint der großmäulige, sprunghafte und letztlich doch sympathische Familienvater zu begreifen, was mit ihm geschieht. Dann geht er unter der Last dieser schmerzlichen (Selbst-)Erkenntnis in die Knie. Rockwell spielt das nicht zum ersten Mal; aber selten so gut wie hier.

Betty Anne Waters, Regie: Tony Goldwyn, USA 2010, 111 Minuten

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