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Stricken und ähnliches

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Gotthilf Bigamiluschvatokovtschvili und  Mimi Kalkbrenner.
Gotthilf Bigamiluschvatokovtschvili und Mimi Kalkbrenner. © MDR/Wiedemann&Berg/Anke Neugebau

Der neue Weimar-Tatort "Der wüste Gobi" lässt wirklich keinen Witz am Wegesrand liegen.

Lustige Tatorte, man muss sie mögen oder sich etwas anderes vornehmen. Diesmal sind wieder Nora Tschirner und Christian Ulmen lustig, zum fünften Mal in Weimar, und sie lassen nichts aus. Das liegt ihnen, das haben sie außerdem dem ebenfalls fünften gemeinsamen Weimar-Tatort-Drehbuch von Murmel Clausen (vom „Der Schuh des Manitu“-Team) und Andreas Pflüger zu verdanken. Die Witze von Dorn und Lessing sind schiefer, gedankenloser und dadurch eine Spur weniger vorhersehbar als die der Spaßmacher aus Münster. Andererseits setzen sie noch stärker auf das Augenrollen, das noch schlechteste Witze in etwas Passables verwandelt. Man geht kein Risiko ein, wenn man schön doof ist und durchblicken lässt, dass man das schon weiß. Wer sich gelangweilt eine Limonade aus der Küche holt, steht dann irgendwie humorlos da, während die Connaisseure sich auf dem Sofa kugeln. Eine schwierige Situation, die Fernsehzuschauern natürlich vertraut ist. 

Schauen wir mal rein. Jürgen Vogel spielt den Titelhelden, der wegen dreifachen Frauenmords in der Psychiatrie einsitzt, dort freudlos seine Buchstabennudelsuppe isst und von einem latent wahnsinnig wirkenden Professor betreut wird. Als einmal wieder eine Beurteilung ansteht, mit der Gobi gerne hier raus käme, fragt der Professor nach dem einschlägigen Auftritt vor der Expertenkommission: „Haben Sie das mit den Stimmen gesagt?“ Gobi sagt: „Ich bin doch nicht irre.“ Seine Zeit vertreibt er sich mit dem Stricken kunterbunter Damendessous und Affären mit dem weiblichen Personal. Die Wirkung, die Gobi auf Frauen hat, müssen Sie sich exorbitant vorstellen. Da der Weimar-Tatort nicht von Frank Wedekind ist, sondern vom MDR, kann man daraus erste Schlüsse ziehen, was den Fortgang der kriminalistischen Handlung betrifft, jedoch wird es wohl zunächst nicht tun. Zu, äh, komplex das Komplott, das sich auftut. 

Gobi jedenfalls entspringt eines Nachts zu Beginn der Folge unter vorerst unbegreiflichen Umständen und schlägt sich unterirdisch zu seiner Verlobten durch, einer unnachgiebig romantisch eingestellten Harfenistin der Weimarer Staatskapelle, Mimi Kalkbrenner (Jeanette Hain). Der Psychopath und Frauenmörder wird sogleich mit erheblichem Aufwand gesucht, wobei die Konflikte zwischen örtlicher Kriminalpolizei und LKA selbst im Tatort noch nicht in dieser drastischen Variante durchgespielt wurden. 

Als nächste wird die bettlägrige Frau von Gobis Psychiater ermordet. Diesen spielt Ernst Stötzner, der sich auf die wunderbarste Weise nicht in die Karten schauen beziehungsweise mit äußerster Lakonie offen lässt, ob er für die Handlung nun etwas bedeutet oder nicht. 

Derweil ahnt die Polizei, dass es sich beim Mord an der Kranken um einen „Trittbrettwürger“ handeln könnte. Dorn und Lessing ermitteln quasi auf Hochtouren. Er, Lessing, spricht Gobis wegen seiner atemberaubenden Länge allgemein gemiedenen georgischen Nachnamen fließend aus, permanent, aber doch beiläufig. Sie, Dorn, schnattert sich durch im Fernsehen noch eiskalte Wintertage. Beiden, die bekanntlich miteinander verheiratet sind, schweben wegen Abwesenheit des Kindes und heimischen Heizungsausfalls anscheinend wilde Sexorgien vor (jene, die Gobi mit der linken Hand absolviert), allein es will nicht recht gelingen. Das ist einerseits Klamotte, andererseits schon ziemlich ironisch, wenn man bedenkt, dass Sex im Tatort um 20.15 Uhr eine diskutierte Rarität ist. Unter der Regie von Ed Herzog zeigt sich entsprechend Blümchenmusterplumeausex.

„Der wüste Gobi“ ist also eine Sammlung von banalen, grobianischen und gewitzten Witzen, zu Tode gerittenen und manchmal auch nur rasch angetippten. Die über Kanada abgestürzten Drohnen gehören in diese Kategorie. Über Kanada? Hören Sie selbst. Wer zu jenen gehört, die sich für den Limonadennachschub zuständig fühlen, läuft immerhin Gefahr, das Beste zu verpassen. Den Auftritt des falschen und des richtigen, vermutlich richtigen Dr. Streifeneder zum Beispiel. Anderes ist so doof, man glaubt es kaum. Dann aber flieht einer in einem enorm dünnen Auto und kommt, weil es so dünn ist, an einer Stelle durch, wo normale dicke Autos hängenbleiben. Und als ein Mörder überführt ist, sagt er: „Ja, gut, aber ... .“ Das sind menschliche Augenblicke.

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