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Markus Lanz zum Ukraine-Krieg: SPD-Politiker windet sich

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Von: Tim Vincent Dicke

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Hamburgs Erster Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD) war am Dienstag (29.03.2022) zu Gast bei Markus Lanz.
Hamburgs Erster Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD) war am Dienstag (29.03.2022) zu Gast bei Markus Lanz. © ZDF/Screenshot

Markus Lanz diskutiert im ZDF über den Ukraine-Krieg, dabei kommt ein SPD-Politiker ins Schlingern. Auch Corona ist Thema – Lanz ist am Ende verwirrt.

Seit mehr als einem Monat tobt der russische Angriffskrieg in der Ukraine. Und die „militärische Spezialoperation“, wie sie in Putins Propaganda verharmlosend genannt wird, droht immer blutiger zu werden. Das Thema, das die Schlagzeilen davor beherrschte, geriet seit der Eskalation im Osten Europas in den Hintergrund: die Pandemie. Den Spagat zwischen Ukraine und Corona versuchte Markus Lanz am Dienstag (29.03.2022) in seiner Talkshow im ZDF.

Osteuropa-Expertin Margarete Klein urteilt zu Beginn der Sendung, dass der russische „Blitzkrieg“ ins Stocken geraten sei. Parallel werde der Ukraine-Konflikt allerdings brutaler geführt. Dies lasse sich gut am Vorgehen in Mariupol erkennen, so die Po­li­to­lo­gin, die die Bundesregierung in sicherheitspolitischen Fragen berät. Die Stadt gleiche mittlerweile beinahe dem syrischen Aleppo oder dem tschetschenischen Grosny, die zuvor von Russland in Grund und Boden gebombt wurden. Klein stellt einen perfiden Aspekt der russischen Kriegsführung heraus – den psychischen Terror gegen die Zivilbevölkerung.

Markus Lanz (ZDF) zum Ukraine-Krieg: Gefahr für Putin im innersten Zirkel?

So setze Wladimir Putin ganz gezielt die „Kadyrowzky“ ein, um Angst und Schrecken in der Ukraine zu verbreiten. Dabei handelt es sich um die Privatarmee des Putin-Statthalters Ramsan Kadyrow in Tschetschenien, die für ihr brutales Vorgehen bekannt ist. Seit Jahren werden Kadyrow und seinen Schergen schlimmste Menschenrechte vorgeworfen, sie sollen Oppositionelle und Homosexuelle systematisch verfolgen, foltern und ermorden.

Das Verschwinden des russischen Verteidigungsministers Sergei Shoigu bewertet Expertin Klein als „absolut untypisch“. Wird der Militär-Mann im Krieg für Putin etwa zu mächtig und zur Gefahr? Die Po­li­to­lo­gin hält das für möglich. Moderator Markus Lanz fragt immer wieder interessiert nach, natürlich auch wenn sein Gegenüber noch mitten im Satz ist – dafür ist er bekannt, wird von der Zuschauerschaft geliebt und gehasst. Lanz stellt jedoch nicht nur Fragen, sondern bringt sich auch selbst in die Debatte ein.

Er kritisiert, dass die westlichen Sanktionen auch nicht gewollte Aspekte mit sich bringen würden. Als Beispiel nennt er Internetdienste, mit denen die staatliche Zensur umgangen werden kann. Sie können in Russland kaum noch genutzt werden, da eine Zahlung mit Mastercard und Visa nicht mehr möglich ist – die Firmen boykottieren das Land seit dem Beginn des Überfalls auf die Ukraine. „Auch das ist ein Ergebnis dieser Sanktionen. Das ist uns häufig nicht so klar, wenn wir das so feiern und sagen: ‚Richtig so!‘ Das hat alles auch immer eine Gegenseite“, sagt Lanz.

ZDF-Talk Markus Lanz zur Ukraine: Gasembargo ein kleiner Aufreger

Ein ernüchterndes Bild von der russischen Gesellschaft zeichnet die Journalistin Anna Lehmann, deren Eltern früher in Moskau lebten. Es gebe zwar einige Menschen, die dem Ukraine-Krieg kritisch gegenüber stehen würden, diese seien jedoch meist „sehr vorsichtig“. Vielmehr würde Putins Indoktrinierung Früchte tragen. Erstaunt zeigt sie sich über „gut informierte Leute“ in Russland, die Kontakte in den Westen hätten.

„Wir bauen die neue UdSSR, also die neue Sowjetunion. Wir müssen uns gegenüber dem Westen behaupten. Und es war nicht Putin, der uns auf diesen Weg gebracht hat. Das ist unser Auftrag aus der Geschichte“ – so beschreibt Lehmann das Narrativ, das sie von einigen gut gebildeten Russinnen und Russen gehört habe. Die westliche Welt werde vermehrt als feindlich angesehen.

Gäste bei Markus Lanz (ZDF, 29.03.2022)Rolle
Peter TschentscherErster Bürgermeister von Hamburg (SPD)
Margarete KleinExpertin für Osteuropa und Eurasien
Hendrik StreeckVirologe
Anna LehmannLeiterin des Taz-Parlamentsbüros

Diskussionsfreudig wird es erst, als Hamburgs Erster Bürgermeister Peter Tschentscher zu Wort kommt. Der SPD-Politiker verteidigt seinen engen Weggefährten und jetzigen Bundeskanzler Olaf Scholz, der vor drastischen Folgen eines Embargos von russischem Öl und Gas warnt. Tschentscher wiederholt das Argument, dass ein Boykott dem Westen mehr schade, „als es Russland schadet“. Anna Lehmann, die das Parlamentsbüro der Taz leitet, grätscht dem Bürgermeister in die Rede: „Die Studie dazu kenn ich nicht.“ Es gebe keine Daten zu der Annahme der Bundesregierung. Tschentscher plaudert munter weiter über alles Mögliche zur Gasversorgung, hat aber keine Lust der Journalistin auf ihren Einwand zu antworten.

Markus Lanz (ZDF): Journalistin bleibt in Ukraine-Russland-Frage bissig

Lehmann beißt sich fest, fragt Tschentscher erneut nach wissenschaftlichen Studien zum „Es schadet dem Westen mehr“-Argument. Tschentscher kommt ins Schlingern, liefert wieder keine schlüssige Antwort und erzählt recht unklar von wirtschaftlichen Schäden, die ein Gasembargo auslösen würde. Es sind genau solche Reden, die den ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj oder Botschafter Andrij Melnyk zur Weißglut bringen. Es geht selten um das vehemente Verteidigen gemeinsamer Werte, sondern meist um Wirtschaft, Wirtschaft und nochmals Wirtschaft – und um den Komfort, den man sich auch in der größten Bedrohung für Europa seit Jahrzehnten nicht verbitten lassen will.

Es gebe keine einzige Sanktion, die Kosten und Verluste ausschließlich auf einer Seite verursache, erläutert Osteuropa-Fachfrau Margarete Klein. Allerdings könne eine gute Kommunikation der Bundesregierung dazu beitragen, weitere Sanktionen für die Bevölkerung verständlich zu machen. Denn eins müsse klar sein: Die ukrainischen Streitkräfte würden nicht nur ihr eigenes Land verteidigen, sondern ganz Europa. „Wenn dieser Krieg in der Ukraine für die russische Seite erfolgreich zu Ende geht, dann wird dieser Trend zur Militarisierung der russischen Außenpolitik fortgesetzt werden“, so Kleins klare Analyse. Russland habe bereits klargemacht, dass es nicht nur um die Ukraine, sondern um eine komplett andere Sicherheitsordnung „zu Russlands Gunsten“ gehe.

ZDF: Auch neuer Corona-Kurs bei Markus Lanz Thema

Trotz der angespannten Sicherheitslage in Europa dürfe Deutschland „die Corona-Lage nicht ganz aus den Augen verlieren“, mahnt Peter Tschentscher an. Der Erste Bürgermeister will ganz Hamburg zum Hotspot erklären lassen, um die Maskenpflicht als „sehr, sehr wirksame“ Maßnahme erhalten zu können. Kurios wird es, weil Tschentscher den Corona-Kurs der Ampel-Koalition im Bund kritisiert – also auch seine Parteifreunde. Das Infektionsschutzgesetz hätte „besser ausfallen können“, sagt er.

Sendung verpasst?

„Markus Lanz“ vom Dienstag (29.03.2022) finden Sie in der ZDF-Mediathek.

Virologe Hendrik Streeck kann die Kommunikation der Regierenden nicht verstehen, im neuen Gesetz würden klar definierte Richtlinien fehlen. Der Corona-Exporte fordert, dass sich Deutschland von dem „kurzfristigen Handeln“ verabschieden müsse. „Welche Maßnahmen haben eigentlich Wirkung gezeigt? Welche Maßnahmen sind wirkungsvoll?“ Die restlichen Regelungen solle man „über Bord werfen“.

Markus Lanz wird durch die Corona-Debatte nicht zufriedengestellt. „Am Ende ist die Verwirrung einfach komplett und grundsätzlich, und ich habe das Gefühl, das kriegen wir auch im Jahr drei dieser Pandemie einfach nicht in den Griff.“ (tvd)

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