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Reinhold Beckmann spricht mit Edmund Stoiber (78) und Gerhard Schröder (75).

„Reinhold Beckmann trifft…“

Stoiber, Schröder und Beckmann: Zwei Alphatiere und ein vorlauter Moderator

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Das Aufeinandertreffen von Gerhard Schröder und Edmund Stoiber hätte ein politischer „Clásico“ werden können, ist aber bloß eine freundliche Plauderei geworden.

Spiele zwischen Borussia Dortmund und Bayern München gelten in Anlehnung an die Partien zwischen Real Madrid und dem FC Barcelona als deutscher „Clásico“. Ein Aufeinandertreffen von Edmund Stoiber (78) und Gerhard Schröder (75) wäre demnach der politische Clásico. Fußballerische Querverbindungen gibt es ebenfalls: Der ist eine beim FC Bayern Vorsitzender des Verwaltungsbeirates, der andere war bis vor Kurzem Aufsichtsrats-Chef bei Hannover 96. Dann ist der Verein abgestiegen, aber Zweite Liga könne Schröder nicht, vermutet Reinhold Beckmann. Er ist der Dritte in dieser Runde, und damit ist das Manko der Gesprächssendung beim Namen genannt: Sie heißt nicht „Stoiber trifft Schröder“, sondern „Reinhold Beckmann trifft…“.

Beckmann hätte auch zwei Einzelgespräche führen können

Beckmann stellt Fragen, seine beiden Gäste antworten; so funktionieren Talkshows, aber das macht sie auch so vorhersehbar. Richtig gut werden solche Sendungen meist erst dann, wenn die Moderation überflüssig wird und die Gäste miteinander diskutieren. Hier gelingt das jedoch kein einziges Mal; im Grunde hätte Beckmann auch zwei Einzelgespräche führen können. Das ist schade, weil die beiden Männer nach dem Ende ihrer politischen Karriere so etwas wie eine Freundschaft entwickelt haben; umso bedauerlicher, dass davon nicht viel zu spüren ist. Dass die 45minütige Plauderei trotzdem keine Zeitverschwendung ist, liegt nicht zuletzt an ihrem Charisma. Während Beckmann im Vergleich zu seinen Gästen mitunter etwas vorlaut und zappelig wirkt, strahlen die einstigen Alphatiere eine wohltuende Ruhe aus.

Beckmann (63), dreißig Jahre lang Sportmoderator, hat einst bei Sat.1 eine wöchentliche Late-Night-Show präsentiert, an die er nicht gern erinnert wird; das Beste daran war der Titel, „No Sports“ (1994). Es wäre zwar nicht ganz zutreffend, dem heutigen Gespräch die Überschrift „No Politics“ zu geben, weil der Bundestagswahlkampf 2002 selbstverständlich eine größere Rolle spielt; aber völlig falsch wäre sie nicht. Damals hat Schröder mit seinem klaren Nein zu einer deutschen Beteiligung am Irak-Krieg Geschichte geschrieben; den Ausschlag zum Sieg als amtierender Kanzler über den Herausforderer Stoiber aber gab seine unbürokratische Hilfe beim Hochwasser in Sachsen und die medienwirksamen Gummistiefelauftritte vor Ort.

Gerhard Schröder: Einst Juso-Chef und bekennender Sozialist

Weil das alles lange her ist, erinnert die freundliche Plauderei an ein Aufeinandertreffen alter sportlicher Rivalen. Der eine war einst Juso-Chef und bekennender Sozialist, der andere hat sich als CSU-Generalsekretär das wenig schmeichelhafte Prädikat „Blondes Fallbeil“ verdient. Da sich die Sendung jedoch aufs Tischgespräch beschränkt, bleibt offen, ob sich die beiden tatsächlich, wie sie beteuern, stets nur in „strammer Gegnerschaft“ (Schröder), aber nie in Feindschaft begegnet seien. Mit ein bisschen Archivarbeit hätten sich sicher Aussagen finden lasse, die das Gegenteil belegen könnten. Auch an anderer Stelle wären kurze Einschübe reizvoll gewesen. Stoiber erzählt zum Beispiel, wie ihm während der Berliner Runde am Wahlabend aufgefallen sei, dass Schröder plötzlich den Rücken durchgedrückt habe; da sei ihm klar geworden, dass er die bereits gewonnen geglaubte Wahl doch noch verloren habe. Die entsprechende Szene gibt es ebenso wenig zu sehen wie jene Momente beim TV-Duell der beiden, in denen deutlich wurde, dass Schröder seinen Herausforderer offenbar unterschätzt hatte.

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Womöglich hat Beckmann auf Einspieler verzichtet, um die gute Stimmung nicht zu gefährden, aber vermutlich sind sie im Konzept einfach nicht vorgesehen; dabei hätten sie der Sendung sicher nicht geschadet. Andererseits wäre sie dann analytischer und somit auch politischer geworden, aber offenbar soll die Angelegenheit nicht zu anspruchsvoll werden, weshalb auch aktuelle Aspekte keine Chance haben. 

Edmund Stoiber wird bei Reinhold Beckmann wird zum bloßen Beisiter

Stattdessen gibt es einen abrupten Themenwechsel in Gestalt von Schröders fünfter Ehefrau So-yeon Kim, die sich zu der Runde gesellt. Stoiber wird nun zum bloßen Beisitzer, der aber konzentriert lauscht, wie die Dolmetscherin und Wirtschaftsmanagerin ein bisschen aus dem ehelichen Nähkästchen plaudert und bereitwillig schildert, wie sie den Gatten davon überzeugt hat, mit dem Golfspiel anzufangen. Stoiber versichert, Golf sei keine Option für ihn, und Ehefrau Karin bezeichnet er auch nach über fünfzig gemeinsamen Jahren als das Glück seines Lebens.

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Dass Beckmann Themen wie diese lieber sind als harte Politik, zeigt sich nicht zuletzt an seiner Gesprächsführung: Seltsamerweise unterbricht er immer dann, wenn es spannend zu werden verspricht; es wäre zum Beispiel interessant zu erfahren, warum Schröder laut Stoiber in der CSU den Ruf eines gefürchteten Wahlkämpfers genossen hat. Gegen Ende, als Schröder auf die Frage nach Freundschaften den Namen Vladimir Putin nennt, hakt Beckmann nicht nach, als fürchte er, auf vermintes Terrain zu geraten. Aber er lässt auch gute Chancen liegen. Am Schluss will er von beiden wissen, was sie als größte eigene Leistung betrachten; dabei wäre die Frage nach der ihrer Meinung nach größten Leistung des jeweils anderen viel reizvoller gewesen.

Zur Sendung: Talkshow „Reinhold Beckmann trifft…“, Sendetermin: Montag, 8.7., NDR, 22.45 Uhr. Infos im Netz

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