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Fredrika Bergman (Liv Mjönes) ermittelt gemeinsam mit ihren Kollegen Peder Rydh (Alexej Manvelov) und Alex Recht (Jonas Karlsson).

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„Stockholm Requiem - Aschenputtels Geheimnis“ schockt mit Realismus

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Dieser Auftakt zu einer ZDF-Reihe routinierter und streckenweise kunstvoller Nordic Noirs fällt durch ein Geschlechter-Statement auf.

Mit dem Realismus im Krimi ist das ja so eine Sache. Die dauergesendeten deutschen Krimiformate versprechen alle das gleiche: kreative Kriminalisten, Dutzende Verdächtige und rasche und eindeutige Auflösungen. Da ist es kein Wunder, dass das „true crime“-Format im TV und als Podcast gerade eine Renaissance erlebt: Die bösartige Banalität des echten Verbrechens und die unauflösbaren Verunsicherungen und Traumata, die daraus folgen – das kriegt der Fernsehkrimi immer noch nicht ansatzweise richtig erzählt. Will er vielleicht auch gar nicht.

Aber wenn im Auftaktfilm der Reihe „Stockholm Requiem“ die neue zivile Hilfskraft der Stockholmer Polizeieinheit für Schwerverbrechen das erste Mal ihre Einsatzzentrale betritt, zweifelt man aus einem anderen Grund am Realismus: Während die Empfangsdame von Transparenz, Freundlichkeit und Kooperation faselt, öffnet sich vor unseren Augen ein moderner Workspace, ach was: eine Lounge, voller Sitzsäcke, Zimmerpflanzen und weiten Freiflächen. Selbst im so reichen und fortschrittlichen Schweden kann die Polizei sicher nicht so postmodern-modische Büroflächen haben, oder? Fehlt nur nur noch eine Espressobar und eine Tischtennisplatte, und man wäre in einem Kreativ-Start-Up im Silicon Valley.

Aber dann werden der studierten Juristin und Kriminologin die Kollegen vorgestellt. Und sie machen den Mund auf – und von einem Moment auf den anderen hämmert ein ganz anderer, viel wichtigerer Realismus seinen Stempel auf die Reihe. In diesem Moment, schon nach wenigen Minuten, wird klar, dass man sich diesen Film und die vier noch folgenden 90minüter bis zum bitteren Ende anschauen sollte.

„Stockholm Requiem – Aschenputtels Geheimnis“: Sie hat mehr Fachkompetenz, dennoch erklären ihr Männer die Welt

Denn hier ist ein weiteres klassisches Realismusproblem im deutschen Fernsehen: Die hiesigen Krimis lieben ihre Kommissarinnen. Nun ist gegen Repräsentation nichts einzuwenden. Aber seit vielen Jahrzehnten gaukeln die Odenthals und Lindholms und Lucasse und Blocks und Blonds und wie sie alle heißen dem Zuschauer eine zumindest gleichberechtigte Kriminalpolizei vor – was angesichts der Realität einfach lachhaft ist. Bis 2004 gab es sage und schreibe eine einzige Kriminalkommissarin in Deutschland, inzwischen liegt die Quote der Frauen in Führungspositionen der Polizei bei schockierenden zwei Prozent.

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Wenn also die kluge und zurückhaltende Fredrika Bergman, die übrigens nominell mehr Fachkompetenz mitbringt als ihre neuen Kollegen, erstmal zwei finster gelaunte Alphamännchen vor die Nase gesetzt kriegt, die ihre Ideen ignorieren, ihre Erfahrung abtun und ihr dauernd das Wort abschneiden, um sie zurechtzuweisen und ihr die Welt zu erklären... dann muss man das als äußerst realistisch ansehen. Jonas Karlsson und Alexej Manvelov spielen diese beiden perfekten Vertreter von einerseits intellektueller Arroganz und andererseits unkontrolliertem Adrenalin ganz hinreißend, mit ständigen Rissen in der selbstsicheren Fassade, hinter der man mühsam versteckte Abgründe und Neurosen entdeckt. Die Regisseurin und Autorin Karin Fahlén bringt diesen beiden, ebenso wie die von Liv Mjönes elegant gespielte Protagonistin, trotzdem genug Sympathie entgegen, dass man sich darauf freut, die Dynamik zwischen diesen drei Ermittlern weiter zu erforschen. Und das sollte schließlich das Hauptziel des Pilotfilms einer Reihe sein.

Als Vertreter des auslaufenden Nordic Noir erfindet diese Romanverfilmung nach den Büchern von Kristina Ohlsson also keineswegs das Rad neu – tatsächlich scheinen Plot und Themen erstaunlich nah an Standardmotiven zum Beispiel aus „Schweigen der Lämmer“ angelehnt. Aber eine im besten Sinne künstlerische Kamera, ein raffiniert aufgestelltes zentrales Figurentrio und einige starke Schauspielleistungen machen „Stockholm Requiem“ zumindest zu einem überdurchschnittlichen Fernsehkrimi – mit Realismus an genau der richtigen Stelle.

„Stockholm Requiem – Aschenputtels Geheimnis“: Sonntag, 31. März 2019, 22:15 Uhr im ZDF, vorab in der Mediathek. Die weiteren vier Folgen der Reihe werden jeweils sonntags um 22:15 Uhr im ZDF ausgestrahlt.

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