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„Stimmen aus dem Krieg - Deutsche und Franzosen 1870/1871 - Die Pariserin“: Schwarz-Weiß-Aufnahme. Place de la Concorde, Paris, um 1870.
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„Stimmen aus dem Krieg - Deutsche und Franzosen 1870/1871 - Die Pariserin“: Schwarz-Weiß-Aufnahme. Place de la Concorde, Paris, um 1870.

TV-Kritik

„Stimmen aus dem Krieg“: Die junge Dame, der Kriegsberichterstatter und der Offizier

  • Harald Keller
    VonHarald Keller
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Die Autoren einer dreiteiligen Geschichtsdokumentation auf ZDFinfo reisen hundertfünfzig Jahre in der Zeit zurück und finden moderne Themen.

Im Mai vor 150 Jahren endete der Deutsch-Französische Krieg, der im Juli 1870 begonnen hatte. Historisch ein Schritt zur modernen Schlachtenführung, zugleich Ursache für politische Verwerfungen in ganz Europa, die noch bis ins 20. Jahrhundert hinein fatale Folgen zeitigen sollten. Zudem lohnt es sich, diverse Randerscheinungen in den Blick zu nehmen.

ZDFinfo widmet diesem Krieg eine dreiteilige Reihe, die auf zeitgenössischen Aufzeichnungen beruht. Das Autorenteam Hermann Pölking-Eiken und Linn Sackarnd konnte Tagebücher der zwanzigjährigen politisch interessierten Pariserin Geneviève Bréton und des preußischen Offiziers Paul Bronsart von Schellendorff sowie die Kriegsberichte des Reportagepioniers William Howard Russell – ein Ire, nicht Brite, wie im Film behauptet – auswerten. Die Notizen Schellendorffs blieben lange Zeit unveröffentlicht. Mit gutem Grund, denn der spätere preußische Kriegsminister formuliert bisweilen erstaunlich kritisch.

In jeder Folge liefert jeweils eine Person eine Art roten Faden. Die Zeitzeugnisse werden auszugsweise vorgetragen von einer Sprecherin oder einem Sprecher.

Falscher Stolz führt in die Katastrophe

Pölking-Eiken und Sackarnd beschreiben die Ursachen des Krieges, dessen Verlauf bis zur französischen Kapitulation sowie deren langfristige Folgen. Ein Paradebeispiel, wie nationaler Hochmut und falscher Stolz eine Katastrophe auslösen können, die tausende von Menschenleben kostet. Bezeichnend: In Folge 3 wird beschrieben, wie sich einer der deutschen Offiziere über das vernichtende Bombardement einer französischen Kleinstadt amüsiert, das er natürlich aus der Ferne verfolgt. Die Herren in den oberen Stäben sterben selten auf dem ‚Felde der Ehre‘.

Als Bildmaterial standen neben heutigen Aufnahmen der damaligen Schauplätze Gemälde und auch Lichtbilder zur Verfügung. Der Krieg 1870/71 war der erste, bei dem Fotokameras zum Einsatz kamen. En passant ergibt sich somit eine kleine Mediengeschichte. Dazu gehört auch die Telegrafie, die bewirkte, dass militärische Meldungen und die Berichte der Journalisten schneller als zuvor an ihre Empfänger gelangten. Expertenkommentare ergänzen die Wortbeiträge aus dem Off.

„Stimmen aus dem Krieg - Deutsche und Franzosen 1870/1871 - Die Pariserin“: Schwarz-Weiß-Aufnahme.

 „Stimmen aus dem Krieg“ (ZDFinfo): Von Folge zu Folge mehr Details

Den Inhalten nach ein sinnvolles und der Allgemeinbildung zuträgliches Projekt. Allerdings mutet dessen Struktur seltsam an. In jeder Episode werden die damaligen Abläufe immer wieder aufs Neue in chronologischer Reihenfolge erzählt, dabei jedes Mal vertieft und um zusätzliche Details und Perspektiven erweitert. So erfährt man erst in der dritten Folge, warum Badenser, Bayern und Schwaben auf der Seite Preußens kämpften.

Insofern vorteilhaft, weil man jeden Teil ohne Kenntnis der übrigen betrachten kann. Aber ZDFinfo sendet die Folgen hintereinander, und so ergeben sich zwangsläufig mannigfache inhaltliche Wiederholungen. Auch erscheinen diverse Bilder in zwei, manche in allen drei Folgen. Überflüssig sind Mätzchen, wie farbkräftige Verlauffilter in die Bilder einzuziehen oder zeitgenössische Fotos mit Ton zu unterlegen. Da sieht man beispielsweise auf einem Foto eine Gruppe von Soldaten mit einem Schimmel. Dazu wird Pferdewiehern eingespielt.

„Stimmen aus dem Krieg“ wurde von der Firma Looksfilm produziert. Das ist erwähnenswert, weil das Unternehmen 2014 an der weitaus überzeugenderen, international produzierten Reihe „14 – Tagebücher des Ersten Weltkriegs“ beteiligt war. Auch dort dienten Tagebücher, Briefe und Auszüge aus Büchern als Grundlage. Sie stammten von Zeitgenossen aus mehreren Nationen, wurden szenisch umgesetzt und mit dokumentarischem Archivmaterial verwoben. Die Dramaturgie folgte der Zopfform des Soap-Opera-Genres, das wegen des ursprünglich nicht zutreffenden negativen Beigeschmacks besser als serielles Melodram beschrieben werden kann. Die Reihe entstand als deutsch-französisch-kanadische Koproduktion, wurde mehrfach preisgekrönt und in über fünfundzwanzig Länder verkauft. In Deutschland lief sie bei Arte und im Ersten.

„Stimmen aus dem Krieg – Deutsche und Franzosen 1870/71“, Sonntag, 27.6.2021, ab 17:25 Uhr alle drei Teile en suite.

Originelle Geschichtsstunden früherer Jahre

Geht man weiter zurück in der Programmgeschichte, findet man noch originellere Lösungen. 1970 entwickelte der Süddeutsche Rundfunk das siebenteilige „Journal 1870/71“. In der Reihe berichteten politische Reporter und Korrespondenten der ARD, prominente Gesichter wie Gerd Ruge, Ernst-Dieter Lueg, Dagobert Lindlau, Georg Stefan Troller und andere mit modernen Mitteln vom Kriegsgeschehen, als hätte es 1870/71 schon Fernsehen gegeben. In Spielszenen war unter anderem Vicco von Bülow alias Loriot zu sehen.

Auch das ZDF zeigte sich damals experimentiertfreudig: 1971 verarbeitete man das Thema unter dem Titel „Es braust ein Ruf wie Donnerhall“ zu einer genreübergreifenden, satirisch gefärbten Revue mit unter anderem Marie Versini, Karl-Heinz von Hassel und Volker Kraeft. ZDFinfo oder auch ZDFneo, in der ARD der Ableger One, wären eigentlich die geeigneten Kanäle, um ähnlich unkonventionelle Formate zu erproben. (Harald Keller)

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