Die ARD zeigt wichtige Beiträge über die Rolle Edward Snowdens kurz vor Mitternacht.
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Die ARD zeigt wichtige Beiträge über die Rolle Edward Snowdens kurz vor Mitternacht.

TV-Kritik: Jagd auf Snowden

Der stille Krieg

  • Daland Segler
    vonDaland Segler
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Die ARD zeigt erst spätabends zwei wichtige Beiträge zum Thema Vernetzung und Bedrohung durch digitale Technik – erneut wird deutlich, wie wichtig die Veröffentlichungen von Edward Snowden sind.

Nach Einführung der digitalen Produktion in der Zeitungsbranche hieß es in der Redaktion immer dann, wenn mal wieder etwas nicht funktionierte: „Der Fehler sitzt meist vor dem Computer“. Daran hat sich nichts geändert, wie ein Beispiel aus neuerer Zeit zeigt. Als die USA den Mann jagten, der die kriminellen Machenschaften ihres Inlandsgeheimdienstes NSA aufgedeckt hatte, schickten sie einen Fahndungsbefehl nach Hongkong. Die Behörden dort sollten einen Edward James Snowden festhalten. Das taten sie nicht. Denn Edward Snowden hieß mit dem Mittelnamen nicht James. Sondern Joseph. Und dem gelang es deshalb, nach Moskau auszureisen. John Goetz und Poul Heilbuth lassen in ihrem Film „Jagd auf Snowden“ eine Vertreterin der Regierung in Hongkong zu Wort kommen, die bestätigt, der Irrtum der US-Beamten sei „entscheidend“ gewesen für den offenen Fluchtweg des als „Whistleblower“ bekannt gewordenen Ex-Mitarbeiter der NSA.
Der Bericht über Snowdens Weg von den USA bis nach Russland ist als Thriller inszeniert, mit kurzen hektischen Sequenzen, einer nicht am zeitlichen Ablauf inszenierten Montage und Interview-Schnipseln mit Snowden selbst sowie Julian Assange und Sarah Harrison von Wikileaks, die ihm bei der Flucht halfen. Dabei wird noch einmal deutlich, dass die USA auch vor kriminellen und das Völkerrecht brechenden Aktionen nicht zu rückschreckten – etwa der erzwungenen Landung des Präsidenten-Flugzeugs von Boliviens Regierungschef Evo Morales. Und die Aussagen des ehemaligen NSA-Chefs Michael Hayden bestätigen auch, dass seinesgleichen keinerlei Unrechtsbewusstsein besitzen. Allerdings, so Hayden, war die Morales-Affäre auch wieder ein Schuss ins eigene Knie der Geheimdienstler. Denn durch den Übergriff auf den Präsidenten Boliviens sei die Rolle Snowdens als Opfer gestärkt worden.

Schuss ins eigene Knie der Geheimdienstler

So inkompetent die Schnüffler aus Fort Maede im US-Bundesstaat Maryland erscheinen, so gefährlich könnte ihre Neigung zum Versagen allerdings auch werden. Das zeigt der zweite Beitrag, den die ARD kurz vor Mitternacht ausstrahlte: „Schlachtfeld Internet“ von Svea Eckert und Alexandra Reining legt die Schwachstellen von bedeutenden Unternehmen der Infrastruktur bloß. Stromausfall, Verkehrschaos, Versorgungsengpass: Sie könnten heute aufgrund von Manipulationen der Steuerungssysteme von Betrieben wie der Stadtwerke verursacht werden.

Die Autorinnen berichten, dass 56000 Steuerungssysteme deutscher Unternehmen an das öffentliche Netz gekoppelt seien – mit leichtem Zugang für Hacker. „Die digitalen Tore sind geöffnet“ erklären die Autorinnen. Sie zeigen auch ein Beispiel und lassen einen IT-Experten mit seinem Laptop vom Auto aus in das digitale Herz einer Firma eindringen. Er kann da Stückzahlen und Statistiken verändern. Götz Schartner, Autor von „Tatort www“ und als „Penetrationstester“ für digitale Systeme bei Unternehmen unterwegs, berichtet, wie ein Server bei Stellar, einer Firma für Datenspeicherung und -rettung, „gekapert“ worden sei.
Die Täter im Falle von Stellar sind bekannt – es war die NSA. Die Organisation hat sich selbstverständlich darauf spezialisiert, nicht bloß zu überwachen, sondern die Ergebnisse auch zu nutzen. Dafür gibt es „Black Budget“. Millionen werden in den USA investiert, um feindliche Übernahmen zu ermöglichen. Auch diese Informationen verbreitet zu haben, zählt zu den Verdiensten von Edward Snowden. Der bekannteste Fall für "Black Budget" dürfte Stuxnet sein, der Angriff auf die iranischen Atomanalagen. Und wie die jüngsten Fälle belegen, etwa Nordkoreas Hacker-Angriff auf Sony und die Reaktion der Amerikaner darauf, tobt längst ein „stiller Krieg“ (so die Autorinnen) im und mit dem Internet, der so wenig bekannt wie gefährlich ist.

Maßgebliche Manager europäischer Unternehmen zeigen sich in dieser Dokumentation immer noch erstaunt über die Gefährdung ihrer Systeme durch Cyber-Attacken. Damit verglichen kommen einem die Mörder von Paris wie Gestrige vor, denn die Bedrohung, die von Angriffen auf die Infrastrukturen etwa der Großstädte oder auch Atomanlagen ausgeht, kann weitaus mehr Menschen und weitaus zerstörerischer treffen. Experten fordern deshalb rasche gesetzliche Schritte auf europäischer Ebene. Aber da können die Bürger wohl noch lange warten.
P.S. Angeblich richten die Senderverantwortlichen ja ihr Programm nach den Bedürfnissen des großen Publikums aus. Eine Dokumentation wie „Schlachtfeld Internet“ kurz vor Mitternacht zu zeigen, spricht diesem Anspruch Hohn.

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