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Distanzierung ist in Cannes möglich, aber nicht ernsthaft. Jury-Mitglied Maimouna N’Diaye 2019.

Filmfestspiele

Die Stille an der Croisette

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Filmfestivals in der Corona-Krise: Während ein „Cannes“ ohne Publikum undenkbar ist, finden die Frankfurter „Lichter“ in dieser Woche online statt.

Den Vorschlag eines Filmfans darf man von der Corona-Krise gebeutelten Kinobetreibern derzeit nicht weitergeben: „Zeigt doch einfach nur noch die richtig guten Filme, da sitzen doch immer nur ein paar Leute.“

Nein, zum Scherzen ist wohl kaum noch jemand aufgelegt. Während die Buchhandlungen an diesem Montag wieder öffnen dürfen, bleiben Kinos und Theater weiterhin geschlossen, und das hat gute Gründe: Nach dem wenigen, was über die Verbreitungswege bekannt ist, kann sich das Virus im Aerosol, also im Luftgemisch in Innenräumen, besonders lange halten. Anders sieht es unter freiem Himmel aus. Wenn Kulturstaatsministerin Monika Grütters vor einigen Tagen in einem Fernsehbeitrag vorsichtig Open-Air-Kinovorführungen ins Spiel brachte, natürlich unter Wahrung eines Mindestabstands, sollte man das ernsthaft prüfen. Die Filmfestival-Saison würde das nicht mehr retten.

In der vergangenen Woche musste sich auch die weltweit führende Filmschau in einer Pressemitteilung der Lage stellen. Lange hatte man in Cannes gehofft, durch eine Verschiebung auf Ende Juni sei das Problem zu lösen. Nach der Erklärung des Präsidenten vom 13. April sei das keine Option mehr, hieß es nun. „Es ist schwer sich vorzustellen, dass das Festival von Cannes in seiner ursprünglichen Form stattfinden können wird.“

Abgesagt wurden die freien Nebenwettbewerbe, die „Quinzaine“ und die „Woche der Kritik“. Immerhin den Filmmarkt für Einkäufer, Verleiher und Produzenten wird man in digitaler Form abhalten. Den Wettbewerb an die Akkreditierten zu streamen – das ist offensichtlich keine Option, und auch dafür kann man dankbar sein. Kino ist nun einmal nur auf der Leinwand in angemessener Form zu erleben, und mehr noch: Was wäre eine Weltpremiere ohne die Reaktion des Publikums, die in Cannes einen fühlbar anderen Ton hat als irgendwo sonst – es ist der Klang einer sehr speziellen Kultur der Cinephilie. Nicht nur der Applaus, selbst das Räuspern klingt in Cannes ein wenig anders, wo so viel Stolz und Dankbarkeit mit im Spiel ist, ein Teil der Filmwelt zu sein.

Wenn mit Cannes das Herz der Filmwelt stillsteht, dann kann man sich leicht vorstellen, was das im Umkehrschluss bedeutet: Hunderte von Filmen, die mit Blick auf dieses Festival fertiggestellt wurden, liegen auf Halde. Wegen der Pandemie kommen sie auch nicht ins Kino. Wenn es Filme sind, die im Frühling oder im Sommer am besten wirken, dann warten die Produzenten vielleicht bis zum nächsten Jahr.

Zu den für Cannes erwarteten Premieren zählten Wes Andersons „The French Dispatch“ (könnte nun im Herbst in Toronto laufen), der neue Pixar-Animationsfilm „Soul“ (wurde ebenfalls auf den Herbst verschoben) und Tom Cruise’ späte Rückkehr in die Uniform von „Top Gun: Maverick“, nun zu Weihnachten weltweit in den Kinos. Man möchte nicht in der Haut von Cannes-Programmchef Thierry Frémaux stecken, der zusehen muss, wie sein Programm förmlich zerfließt.

Zur Zeit sichtet bereits die Konkurrenz von Venedig, offiziell vom 2. bis 12. September terminiert. Nie dürfte die Auswahl größter gewesen sein. Abgedreht sind unter anderem: Paul Verhoevens Drama um eine lesbische Nonne, „Benedetta“; das lange erwartete neue Werk des thailändischen Filmkünstlers Apichatpong Weerasethakul, „Memoria“, sowie neue Filme von Nanni Moretti, Christopher Nolan und François Ozon.

Andere Festivals wagen dagegen den Wechsel in die rein digitale Streaming-Welt. Den Anfang machen die Frankfurter „Lichter“: Von Dienstag an bis zum 26. April ist ein reduziertes Programm über die Streaming-Platform Festival Scope zu sehen, aber Vorsicht: Wie in einem Kinosaal ist die Zahl der Tickets begrenzt – bei 300 Aufrufen sind die Tickets ausverkauft. Dieses Prinzip kennt man zum Beispiel vom Festival Venedig, das für einige Filme einen „digitalen Saal“ anbietet.

Zu den Highlights der bereits aus anderen Festivals bekannten Beiträge zählt die kanadische Satire „The Twentieth Century“ von Matthew Rankin, die mit den Mitteln des Experimentalfilms die Karriere des langjährigen Premierministers William Lyon Mackenzie King nachzeichnet. Auf der letzten Berlinale erhielt die Groteske den Fipresci-Preis. Noch ein anderer herausragender Berlinale-Beitrag ist bei „Lichter on Demand“ zu sehen: „Orphea“, Alexander Kluges neuerliche Zusammenarbeit mit dem philippinischen Film- und Performancekünstler Khavn.

Der vielleicht seltenste und delikateste Film im kleinen, aber feinen Programm stammt aber aus dem Odenwald: Der essayistische Dokumentarfilm „Es geht ein dunkle Wolk herein“ gehört zur seltenen Sorte von Filmen, die gar nicht mit Blick auf ein Festival oder einen Kinostart entstehen, sondern schlicht, weil sie es müssen. Oliver Wörner dokumentiert in seiner Langzeitstudie die Arbeit dreier Landwirte, die – wie der Film selbst – gleichsam aus der Zeit gefallen scheinen. Als Geburtshelfer wirkte der 85-jährige Helmut Herbst, eine Legende des unabhängigen Films in Deutschland, in dessen Heimstudio die Bilder erst zusammenfanden. Dass man sie nun zu sich nach Hause holen muss, passt durchaus zu ihrer Intimität. Was nicht heißt, dass wir uns Filmfestivals auch künftig als Heim-Festspiele wünschen.

Zum Frankfurter Lichter-Filmfest  vom 21. bis 26. April weitere Informationen unter lichter-filmfest.de

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