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Spielberg geht viel weiter im Realismus der Straßenszenen: Die Sharks, in der Mitte Tony und Maria.
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Spielberg geht viel weiter im Realismus der Straßenszenen: Die Sharks, in der Mitte Tony und Maria.

„West Side Story“

Steven Spielberg „West Side Story“: Realismus für Romantiker

  • Daniel Kothenschulte
    VonDaniel Kothenschulte
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Steven Spielbergs vorsichtig entstaubte „West Side Story“ ist eine Liebeserklärung an den Musical-Klassiker.

Als die Musicalverfilmung „West Side Story“ 1961 in die Kinos kam, war Steven Spielberg wohl der ideale Zuschauer. Tatsächlich drehte sich die Aufnahme der Broadway-Inszenierung auf dem elterlichen Plattenspieler seit seinem zehnten Lebensjahr. Schon für einen gewöhnlichen 15-jährigen Jungen in Arizona müssen die getanzten New Yorker Bandenkämpfe und die Romeo-und-Julia-Tragödie, die sie einrahmen, unwiderstehlich gewesen sein. Hier aber trafen sie auf die kundigen Augen eines Filmemachers, der im selben Jahr seinen 40-minütigen 8-mm-Kriegsfilm „Escape to Nowhere“ präsentieren konnte.

Mit 74 debütiert Amerikas bekanntester Filmemacher noch einmal, und das in zweifacher Hinsicht. Seine Version der „West Side Story“ ist sein erstes Remake – und zugleich sein erstes Filmmusical. Die erste Aufgabe absolviert er so respektvoll, dass es eine Zeit dauert, bis man merkt, etwas anderes zu sehen als die herausgeputzte Restaurierung des Robert-Wise-Klassikers.

Das Meistern der zweiten Aufgabe ist kaum eine Überraschung: Waren nicht die meisten seiner Filme minutiös ausgearbeitete Choreografien im Zusammenspiel mit seinem Lieblingskomponisten John Williams, der auch diesmal wieder hinzugezogen wurde, um die Arbeit an der Leonard-Bernstein-Partitur zu überwachen? Das Hauptdarstellerpaar Ansel Elgort und Rachel Zegler singt und tanzt grandios, Rita Moreno, die Anita des Originalfilms, kehrt zurück als Tonys Ersatzmutter Valentina.

Wo also steckt der Spielberg’sche Mehrwert an dieser Unternehmung? Schon die erste Filmversion hielt sich eng an eine Vorlage; Choreograf Jerome Robbins adaptierte selbst für die Leinwand und wurde neben Robert Wise als Regisseur genannt. So wurde der Film von 1961 zum Muster heutiger „Franchises“, bei denen stets die Originalinszenierungen wie Geschmacksmuster reproduziert werden.

Aber was wäre auch die „West Side Story“ ohne ihren Stil, den Jazz-Realismus? Die Songs sind untrennbar von ihren ursprünglichen Choreografien, was im Prolog beginnt: Schwerelos verwandelt sich da das Ballspiel der weißen Straßengang der „Jets“ in einen Tanz – und die Attitüde der Coolness schreibt sich bruchlos fort in die Sphäre der Kunst.

Spielberg übernimmt die ikonischen Elemente, vergrößert aber die Bildräume und lässt die Kamera tänzerisch mitagieren. Bildgestalter Janusz Kaminski ist berühmt für meisterhafte Mobilität in seinem Medium. Noch spektakulärer ist der spätere High-School-Tanz, eine so mitreißende Massenchoreografie gibt es auch im Originalfilm nicht. So federleichte Perfektion kann zu rauschhaften Glücksgefühlen führen.

Erst allmählich wird deutlich, dass der Regisseur, dessen Ruhm mit einem übergroßen Gummihai begann, auch diesmal etwas mehr von allem auffährt. Im Realismus der Straßenszenen geht er viel weiter als Robert Wise. Spielberg rekonstruierte das San-Juan-Hill-Viertel, einen heruntergekommen Teil Manhattans, der in den 50ern abgerissen wurde. So haben die verfeindeten Cliquen, die Jets und die Sharks mit puertoricanischen Wurzeln, nun einen gemeinsamen Gegner – die beginnende Gentrifizierung. Dass sie den Untergang ihrer Lebenskultur zwar beklagen, sich aber nicht im Klassenkampf verbünden, wird zum weiteren tragischen Subtext.

Drehbuchautor Tony Kushner adaptierte das Musical-Dialogbuch, indem er einerseits den Sprachduktus der Spielzeit 1957 erhielt, aber wenn nötig zeittypische, mitunter diskriminierende Wortwahl tilgte. Neu hinzugefügt wurde das Thema Geschlechteridentität: Iris Menas spielt eine Transgender-Nebenfigur – was Grund genug war für etliche Staaten im Nahen Osten wie Saudi-Arabien oder Kuwait, den Film zu verbieten. Aufgewertet wurde nicht zuletzt die weibliche Hauptfigur, die deutlich selbstbewusster und ohne den Heiligenschein der ursprünglichen Maria agiert.

In Interviews betont Spielberg den realistischen Anspruch: Dies sei kein Bühnen-, sondern ein echtes Straßenmusical. Aber hat es in einem Spielberg-Film je etwas gegeben, das als Straßenrealismus durchginge? Selbst sein Kinodebüt, der Autobahn-Horrorfilm „Duell“, spielt in einer Kinorealität, selbst wenn die Kameras echte Highways fotografierten. Wenn die berühmte Song-Nummer „Tonight“ in Spielbergs Inszenierung nicht theatralisch sein soll, dann ist sie doch zumindest großes Hollywood: An einem offenen Fenster einer meisterhaft ausgeleuchteten Hausfassade intoniert Rachel Zegler als Maria die berühmte Ballade. Eingerahmt wird sie von pittoresken Wäscheleinen.

Im Gespräch mit dem Sender ABC gestand Spielberg, er habe sich vor dem Ende der Dreharbeiten gefürchtet. „Es hatte etwas geöffnet, das in mir steckte und das ich machen wollte, seit ich zehn Jahre alt war und das Broadway-Album hörte. Ein Traum wurde wahr.“ Es sei seine Liebe gewesen, die er zu diesem Material bringen wollte, „für Stephen Sondheim (den kürzlich verstorbenen Textdichter), Leonard Bernstein, Arthur Laurents (den Bühnenautor) und Jerome Robbins“. Dieser Liebesbeweis bedarf kaum einer Erklärung. Es ist eine vollkommen uneitle Hommage, ohne den äußerlichen Schnickschnack vieler jüngerer Musicalfilme.

Vielleicht liegt deshalb bei aller Suche nach Realismus auch die kindliche Sicht des Disneyfans über allen Bildern. Aber genau hierin liegt eine verwegene, kompromisslose Unschuld im Umgang mit dem 65 Jahre alten Stoff. Wo immer Klassiker aufgeführt werden, steht die Regie vor Problemen der Aktualisierung. Hier hat man es mit einem 50er-Melodram über Rassismus, Ausgrenzung und sexistisch geprägten Traditionen von Ehre zu tun. Es wäre leicht gewesen, den Stoff in die Gegenwart zu verlegen. Spielberg tut etwas anderes. Er inszeniert das Bühnenstück in seiner historischen Modernität. Das mit Blick auf die Schönheiten des klassischen Kinos.

Spielberg engagierte Zeitzeugen, die in dem untergegangenen New Yorker Viertel gelebt hatten, um die Details richtig hinzubekommen. Der entscheidende Zeitzeuge aber ist er selbst: jemand, der in den 50er und 60er Jahren ins Kino gegangen ist. In einer Zeit, als sich Hollywood mit den ihm eigenen Mitteln dem Rassismus stellte – in Filmen wie „Solange es Menschen gibt“ oder „Lilien auf dem Felde“. Viele dieser Filme sind jungen Zuschauerinnen und Zuschauern nur schwer vermittelbar, denn auch wenn der Rassismus selbst leider unbeschadet durch die Zeiten wandert, altert Kunst manchmal eben doch.

Während derzeit etwa das Disney-Studio all seine Klassiker neu verfilmt und dabei die ursprünglichen Schönheiten opfert, ist Spielberg der Drahtseilakt geglückt: Er hat die „West Side Story“ entstaubt und etwas Firnis abgetragen. Er hat dabei auch ein paar gealterte Stellen ausgeblendet und Details hinzugefügt. Aber die Schönheit strahlt mehr denn je.

West Side Story. USA. Regie: Steven Spielberg. 156 Min.

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