+
Nach dem Schock widmet sich die Ärztin Kranken ohne Versicherungsschutz.

„Das unbekannte Mädchen“

Am Stethoskop des Lebens

  • schließen

Der moralische Thriller „Das unbekannte Mädchen“ der Dardenne-Brüder appelliert ans Mitgefühl.

Wenn Filmemacher vom Rang der Brüder Jean-Pierre und Luc Dardenne nach enttäuschenden Kritiken einen Film umschneiden, horcht man auf: Sind sie in ihrer puristischen Filmsprache vielleicht doch zu Kompromissen bereit? Oder waren sie nur einfach nicht ganz fertig geworden mit dem Schnitt ihres moralischen Thrillers „Das unbekannte Mädchen“, als sie diesen im vergangenen Mai in Cannes präsentierten?

Etwas zu lang wirkte der Film bei seiner Premiere tatsächlich. Nun, nach 32 Schnitten, ist er sieben Minuten kürzer. „Es waren einige Kritiker, die auch Freunde sind, die den Film eigentlich mochten“, verteidigte sich Luc Dardenne gegenüber der Branchenzeitschrift „Screen“. „Aber sie fanden, einige Stellen hätten nicht so gut funktioniert.“ Tatsächlich hat die ungewöhnliche Entscheidung, weiter am Film zu arbeiten, um ihm den letzten Schliff zu geben, nichts mit geschmacklicher Angleichung zu tun. Sie passt zum Thema einer Geschichte, die ihren tragischen Ausgangspunkt darin hat, dass die Heldin eben nichts mehr ändern kann.

Eine junge Ärztin trifft vorschnell und gegen ihre eigene, bessere Vernunft eine Entscheidung, die sie bald bereuen wird: Als es lange nach Ende der Sprechstunde an der Tür klingelt, hält sie ihren Praktikanten, der sie öffnen will, barsch davon ab. Wer so spät komme, habe keinen Respekt für ihre Arbeit. „Und was, wenn es ein Notfall ist?“ – „Dann würde zweimal geklingelt.“ Später muss sie erfahren, dass es sich um den Hilferuf einer verfolgten Afrikanerin handelte, die kurz darauf nahe der Praxis ermordet wurde.

Das schlechte Gewissen lässt die Ärztin Jenny nicht mehr ruhen. Unumwunden gesteht sie ihrem Mitarbeiter, dass sie ihn allein aus Rechthaberei zurückgerufen habe. Normalerweise hätte sie durchaus die Tür geöffnet. Der Schock über den folgenschweren Fehler lässt sie ihr Leben grundsätzlich überdenken. Statt eines gut bezahlten Jobs in einer Praxis mit wohlhabenden Privatpatienten wählt sie das denkbare Gegenteil: Für wenig Geld widmet sie sich in einer sozialen Einrichtung Kranken ohne Versicherungsschutz. Und sie macht sich auf die Suche, um der unbekannten Toten eine Identität zu geben.

Amateurdetektive haben eine lange Tradition in der Krimiliteratur und im Kino. In dieser schönen Genre-Variante ist es jedoch nicht die Wahrheitssuche allein, die den Rollenwechsel motiviert. Ein banales moralisches Fehlverhalten wird kompensiert in der fast schon religiösen Absicht, der Toten wenigstens posthum jenes Minimum an Würde zurückzugeben, die darin liegt, wenigstens zu erinnern, wer sie war. Als die Polizei ihre Nachforschungen einstellt, beginnt Jenny selbst zu ermitteln. Das Bild der Überwachungskamera ist die einzige Spur. Als man die Tote anonym bestattet, kauft sie selbst das Grab, überzeugt, doch noch die Identität der Frau zu klären.

Man könnte „Das unbekannte Mädchen“ für eine jener Kriminalgeschichten halten, in denen Amateurdetektive dann doch die besseren Polizisten sind. Doch es geht nicht um die Aufklärung eines Verbrechens – und der Weg ist das Ziel: Die vielen Menschen, die Jenny befragt, darunter illegal Eingewanderte, Amateurzuhälter und der letzte Kunde der offenbar zur Prostitution gezwungenen Toten, addieren sich zu einem Gesellschaftsporträt sozialer Ausgrenzung.

„Diese Figuren gehören in unsere Welt. Sie sind ein Teil der Gesellschaft, der brutal ausgegrenzt worden ist“, erklärte Regisseur Luc Dardenne anlässlich der Premiere in Cannes. Diese Geschichte erzählt folglich von einem verspäteten Hinsehen auf das Ausgeblendete.

Wie berechtigt dieser Appell zum Hinsehen nicht nur in Belgien ist, belegte erst in diesen Tagen der Armutsbericht der Bundesregierung: Wenn im Schatten des wirtschaftlichen Wachstums, auf einem Konjunkturhoch zugleich die Armut ein Rekordniveau erreicht, müsste das eigentlich als Alarmsignal verstanden werden. Doch das Gegenteil ist der Fall, man hört nicht hin. Anstatt nun wie Ken Loach in seinem Cannes-Gewinner „Ich, Daniel Blake“ die Sozialpolitik unter die Lupe zu nehmen, interessieren sich die Dardennes für den sinnlichen Aspekt der Anteilnahme. Ein zentrales Symbol ist dabei das Stethoskop. Ihre von Adèle Haenel gespielte Ärztin charakterisieren sie in der ersten Szene durch ihr Gehör. Allein das Stethoskop verrät ihr die Erkrankung eines Patienten, auch wenn dieser dafür eine ganze Weile lang ein- und ausatmen muss. Das Drama kommt in Gang, als Jenny aus einem akustischen Signal, dem Klingeln an der Tür, die falschen Schlüsse zieht.

Konsequenterweise verzichten die Dardennes auf jede Filmmusik. Umso mehr beginnt man auf die Töne dieses Films zu achten, zum Abspann laufen die Hintergrundgeräusche einfach weiter. Gerade weil die Dardenne-Filme ohne Musik auskommen, sind sie doch strukturiert wie Sinfonien: Realismus und Innerlichkeit setzen die dynamischen Akzente. Das Hinhören ist für sie ein moralischer Appell. Und so hören sie sogar auf ihre Kritiker und schneiden einen fertigen Film noch einmal um.

Das unbekannte Mädchen. F/B 2016. Regie: Luc und Jean-Pierre Dardenne. 107 Min.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion