Sandra Maischberger moderiert die Sendung "Menschen bei Maischberger"
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Sandra Maischberger moderiert die Sendung "Menschen bei Maischberger"

TV-Kritik "Maischberger"

Sterben müssen wir alle

18 mal im Jahr gehen die Deutschen zum Arzt. Bei Maischberger stellt die Ärztin Marianne Koch die Zahlen in Frage, Werner Bartens schimpft auf die Vorsorge, und Schreinemakers sagt eine einfache Wahrheit. Von Natalie Soondrum

Von Natalie Soondrum

Was sagt das eigentlich aus, wenn die Bevölkerung einer Nation den Weltrekord hält im Aufsuchen von Ärzten? Diese Frage stellte sich niemand bei der Talkshow von Sandra Maischberger. Dabei stand die Sendung ganz im Zeichen des neuen Ärztereports, der zutage förderte, dass die Deutschen im Jahr 2008 im Schnitt 18 Mal einen Arzt aufsuchten. Im Vergleich dazu suchten Skandinavier 4 mal und Franzosen wie Polen sieben Mal im Jahr medizinische Hilfe.

Stattdessen stellte Maischberger die Frage: Macht zu viel Vorsorge krank? Und schwang sich zum Begriff "Gesundheitsdiktatur" auf. Zu Gast hatte sie die Medienärztin und Ex-Schauspielerin Marianne Koch, die sich öffentlich gegen den Schlankheitswahn ausspricht und ein Buch über das Älterwerden bzw. jung bleiben geschrieben hat.

Immerhin stellte Koch die Zahlen des Reports sofort in Frage, leider mit dem wenig tragfähigen Argument: "Das glaube ich einfach nicht."Ihr Gegenpart, der Wissenschaftsjournalist des Jahres 2009,Werner Bartens, erklärte dagegen die Zahl komme dadurch zustande, dass deutsche Ärzte durchschnittlich 50 Patienten am Tag behandelten. Da bleibe keine Zeit zuzuhören und die Patienten blieben ratlos und verunsichert zurück, was sie dazu bewegen würde, wieder zum Arzt zu gehen.

Der Hypochonder stützt die These

Bei näherer Betrachtung und angesichts der 2004 eingeführten Praxisgebühr macht diese Begründung auch nicht wirklich Sinn. Würden die Leute sich von ihren Ärzten im Stich gelassen fühlen, würden sie sie dann nicht boykottieren? Analog etwa zur Politikverdrossenheit, die die Menschen von der Wahlurne fernhält?Doch diese Frage stellte man sich erst hinterher. Während der Sendung stützte die Anwesenheit eines bekannten Hypochonders, Hartmut Steegmaier - immerhin gab es schon eine Fernsehdoku über ihn - Bartens These.

Steegmaier leidet an grünem Star, erhöhtem Augeninnendruck und hat Angst - vor dem körperlichen Zusammenbruch und vor dem Sterben. Deshalb hat er im Vorjahr 25 mal einen Arzt konsultiert. Allerdings nicht einen, sondern viele, darunter auch gerne Anbieter der abstrusesten Alternativheilverfahren wie der Einspieler beweist.Jedenfalls vertrat Bartens die Ansicht, es herrsche ein Vorsorgewahn, beziehungsweise, wegen dieser Ansicht, die er in seinem Bestseller "Vorsicht Vorsorge" kundtut, war er eingeladen worden.

Wirklich verteidigen musste er sie nicht mehr, nur die Geschichte der ZDF-Moderatorin Susanne Conrad musste er sich anhören. Die erkrankte 2002 an Brustkrebs. Nachdem der Arzt eine Anomalie in der Brust entdeckt hatte, winkte er Conrad zunächst ab. Einige Wochen später hatte sich der Knoten jedoch vergrößert und sie ging wieder zum Arzt. Diagnose: Brustkrebs, der schon gestreut hatte. Seitdem stetz Conrad sich vehement für Krebsvorsorge, will sagen Früherkennung, ein.

Schreinemakers war nicht krank

Bartens argumentierte folgerichtig, dass Conrad ja schon krank gewesen sei, er aber übertriebene Vorsorge an den Pranger stelle. Doch dann war schon Margerete Schreinemakers an der Reihe: Die TV-Moderatorin brach vor fast einem Jahr beim Joggen zusammen. Acht Minuten lang stand ihr Herz still. Ihr Lebensgefährte reanimierte sie, Nachwirkungen hat sie keine. Sofort wollten Bartens und Koch nachhaken, er mit der These, die meisten Freizeitsportler würden sich übernehmen, sie fragte nach einer Disposition in der Familie oder vorangegangenen Anzeichen.

Doch Schreinemakers winkte nur ab. Jeder müsse mal sterben, sie sei froh, dass sie Waldlauf betreibe. Der Arzt hätte ihr gesagt, wenn ihr Herz nicht so trainiert gewesen wäre, hätte sie den Aussetzer nicht so gut überstanden. Womit zugleich alles und wiederum gar nichts gesagt worden war.

Im Nachgang fällt einem eine Umfrage aus dem Vorjahr ein: Das Arbeitsklima-Barometer. Nur jeder Achte Deutsche geht noch motiviert an den Arbeitsplatz, die meisten Menschen sind im Job frustriert. Es fallen einem spontan Menschen in der näheren Umgebung ein, die sich in den vergangenen Jahren in Burn-Out-Syndrome und Erschöpfungsdepressionen zurückgezogen haben. Und zählt noch mal schnell nach, wie oft man im vergangenen Jahr beim Arzt war.

Ein oder zwei mal, als eine Krankschreibung für den Arbeitgeber notwendig war und der Hausarzt einem von der Schweinegrippeimpfung abriet.

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