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Kelab (Jürgen Vogel) auf der Suche nach den Mördern seiner Familie.
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Kelab (Jürgen Vogel) auf der Suche nach den Mördern seiner Familie.

"Der Mann aus dem Eis"

Die Steinzeit war nichts für Feiglinge

  • Daniel Kothenschulte
    VonDaniel Kothenschulte
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Ein kleiner Autorenfilm zieht sich die Riesenstiefel eines internationalen Blockbusters an - und ein überragender Jürgen Vogel macht das Ötzi-Drama "Der Mann aus dem Eis" sehenswert.

Man vergisst es leicht in Zeiten der Online-Streams. Aber vielleicht hat noch immer jeder Film den idealen Ort, um ihn zu sehen. „Der Mann aus dem Eis“ trug noch den griffigen Titel „Iceman“, als er seine Weltpremiere an einem solch perfekten Wirkungsort erlebte, der monumentalen Dorfleinwand im schweizerischen Locarno. Gleichzeitig sorgte ein brachiales Dauergewitter dafür, dass das Publikum begann, seine 35 Franken für die Eintrittskarte abzuschreiben und dahinschmolz wie „ice in the sunshine“.

Doch das Abenteuer des Zuschauens wiegt wenig im Vergleich zu den Strapazen der Herstellung: „Jetzt habt ihr wenigstens eine Ahnung, was wir beim Drehen erlebt haben“, ermunterten Regisseur Felix Randau und sein Team die wenigen verbliebenen Aufrechten inmitten der Pfützen. Tatsächlich ist es ein Film, der das Ausharren lohnt, weil er sich selbst ein wenig anfühlt wie seine derben Protagonisten: Es dauert eine Weile, bis er sich zu erkennen gibt. Und unter der eisigen Hülle einen überraschend warmherzigen Kern entdecken lässt.

Jürgen Vogel und sein Rollenvorbild Ötzi

Jürgen Vogel verleiht seinem mumifizierten Rollenvorbild Ötzi die archaischen Züge einer Schnitzerei aus Mammutzahn. Und zieht gerade dadurch mehr und mehr in seinen Bann, ja erweckt eine stetig wachsende Anteilnahme, die gerade durch den Verzicht auf alles Emotionalisierende unaufhaltsam ist.

Das Ötztal vor 5300 Jahren ist der Schauplatz dieses kleinen Autorenfilms, der sich die Riesenstiefel eines internationalen Blockbusters angezogen hat. Nach dem Vorbild Mel Gibsons („Apocalypto“) spricht man eine unverständliche, archaisierende Kunstsprache, hier vom Rätischen abgeleitet, Untertitel sind unnötig.

Der Anfang wiegt uns schwelgerisch in falscher Sicherheit. Man schreibt den Beginn der Kupfersteinzeit. Seit man bei Vogels Rollenvorbild Ötzi das besterhaltene Kupferbeil überhaupt entdeckte, rätselt die Fachwelt, ob es sich dabei um ein Werkzeug oder eine Waffe handelte. Bei einem Actionfilm bevorzugt man natürlich Letzteres.

Bergfilm ohne Riefenstahl-Pathos

Mehr noch bewundern wir den Öko-Chic der Möbel aus Holz und Fell in den urigen Hütten. Doch dann ist auch schon Schluss mit der Idylle. Ein feindlicher Stamm überfällt die kleine Sippe, brandschatzt und metzelt alles dahin, was sich bewegt. Man wird diesen Film wohl nicht als Lehrbeispiel in der Unterstufe einsetzen, zu grausam ist die Szene, in der zwei Kinder eingeschlossen und verbrannt werden. Es geht zu wie im Spätwestern, die Nähe zu Italo-Vorbildern wird „Django“-Darsteller Franco Nero später in einem Kurzauftritt bezeugen.

Nach dem Verlust seiner Liebsten macht sich Vogels Figur – einen Säugling im Gepäck – einsam auf zu neuen Ufern. Er erklimmt einen Berg, hinter dem sich ein grünes Tal erschließt, und rutscht kurz vor dem Ziel in eine Gletscherhöhle. Hier, im „blauen Licht“, findet der Film erstmals zu sich und zu einer stillen Schönheit, eine Art Bergfilm ohne Riefenstahl-Pathos. Tatsächlich gibt es aber doch noch Rettung für den einsamen Helden, wenn auch nur vorübergehend. Denn zu dem immensen Wissen, dass die Forschung über die letzten Lebensstunden Ötzis erschlossen hat, gehört auch die Tatsache seines unnatürlichen Todes.

Auf den ersten Blick gibt sich „Der Mann aus dem Eis“ wie ein B-Picture, das seinen Helden in Untersicht vor gewaltigen Naturkulissen feiert. Dann aber staunt man über den Mut zum Minimalismus, der diesen Film mit Überlebensfilmen wie „127 Hours“ und „All Is Lost“ verbindet. Wie diese ist er dann am besten, wenn er ganz bei seinem Hauptdarsteller Jürgen Vogel ist. Die Steinzeit, das ahnten wir längst, aber er macht es uns bewusst, ist nichts für Feiglinge.  

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