TV-Kritik

NDR-Doku: Start der Fußball-Bundesliga 1963 - Trainer und Topspieler erinnern sich

  • Tilmann P. Gangloff
    vonTilmann P. Gangloff
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Wie alles begann: Eine NDR-Dokumentation erinnert an die umstrittenen Anfänge der Fußball-Bundesliga. Die damaligen Einwände klingen verblüffend aktuell.

  • Bundesliga: In der NDR-Doku erinnern sich Trainer und Topspieler an den Start des Profi-Fußballs in Deutschland.
  • Fußball in Deutschland: So wurde die Bundesliga groß.
  • NDR-Doku zeigt zeitgenössisches Filmmaterial vom Start der Bundesliga.

Dortmund - Das würde heute nicht mehr passieren: Als Timo Konietzka am 24. August 1963 bereits nach 58 Sekunden das erste Tor in der Geschichte der Fußball-Bundesliga erzielte, waren die TV-Kameras noch gar nicht aufgebaut. Der Treffer des Dortmunder Stürmers war der Auftakt zu einer Historie, die seither Woche für Woche Millionen von Deutschen begeistert.

Fast sechzig Jahre später hat die Bundesliga nichts von ihrer Faszination eingebüßt, im Gegenteil; selbst wenn die heutigen Rahmenbedingungen nicht mehr viel mit den beschaulichen Anfängen zu tun haben. Trotzdem sind an jedem Spieltag Transparente „Gegen den modernen Fußball“ zu sehen. Vor dieser Entwicklung ist tatsächlich schon 1963 gewarnt worden, wie Inka Blumensaat und Alexander Kobs in ihrer ebenso unterhaltsamen wie informativen NDR-Dokumentation zeigen.

Start der Fußball-Bundesliga 1963: NDR-Doku zeigt den Start des Profi-Fußballs in Deutschland

Der sechzigminütige Film mit dem nüchternen Titel „Der Start der Fußball-Bundesliga 1963“ bietet eine kurzweilige Mischung aus Interviews und zeitgenössischem Schwarzweißmaterial. Zu Wort kommen Männer, die den Fußball damals aktiv mitgestaltet haben. Spieler wie Josef „Sepp“ Piontek (Werder Bremen) oder Walter Schmidt (Eintracht Braunschweig) geben interessante Einblicke in das Profileben jener Jahre, das mit heutigen Verhältnissen nicht mal ansatzweise zu vergleichen ist. Der überwiegende Teil der Spieler hatte einen Hauptberuf. Fußball war selbst für bezahlte Kicker nur eine Nebensache, weshalb Stars wie Helmut Rahn, der Siegtorschütze der WM 1954, oder Helmut Haller als Vollprofis ins Ausland wechselten. Die meisten Spieler stammten aus der Region und hatten einen „anständigen“ Beruf: Uwe Seeler war Handelsvertreter, Willi Schulz von Schalke 04 hatte eine Kneipe. Mit einer gewissen Nostalgie erinnert sich Schmidt an die heute undenkbare Nähe zwischen den Halbprofis und ihren Fans: Nach Auswärtsspielen traf man sich auf halber Strecke zum Bier.

Bundesliga: So wurde der Fußball in Deutschland groß - Topspieler wie Seeler erinnern sich

Ein ganz besonderer Gesprächspartner ist der hochbetagte ehemalige HSV-Coach Martin Wilke (93). Weil es bei den Hamburgern offenbar schon immer eine gewisse Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit gegeben hat, beschränkte sich die Bundesliga-Karriere des erfolgreichen Oberligatrainers auf die erste Saison, dann musste er gehen; Platz sechs war den Vereinsbossen zu wenig. Wilke wurde generös abgefunden; auch das hat beim HSV also Tradition.

Ähnlich spannend sind die Ausführungen von Gunter Gebauer. Der Sportsoziologe erläutert, warum die Ablösung der verschiedenen regionalen Oberligen durch eine bundesweite erste Liga auf große Vorbehalte stieß: weil der Amateurgedanke in Deutschland traditionell eine große Rolle gespielt habe. Deshalb sei die Professionalisierung des Sports mit großer Skepsis verfolgt worden. Im Grunde gab es die gleichen Einwände wie heute, weshalb die Argumente verblüffend vertraut klingen: Selbst Spieler vermuteten, der Fußball werde zum Zirkus verkommen, wenn sich alles nur noch ums Geld drehe.

Bundesliga: Die Professionalisierung der Liga durch Topstars

Es waren in der Tat vor allem ökonomische Aspekte, die zur Professionalisierung der Liga geführt hatten. Allerdings gab es auch die Befürchtung, auf lange Sicht im internationalen Wettbewerb chancenlos zu sein, weil einheimische Spitzenclubs wie der HSV oder Borussia Dortmund in ihren jeweiligen Oberligen nicht gefordert wurden; eine Entwicklung, die mittlerweile auch für die Bundesliga gilt. Die aktuelle Diskussion, die Gehälter zu deckeln, gab es ebenfalls: Damit die Kosten für die Clubs, die damals noch nicht vom Fernsehen alimentiert wurden, nicht explodierten, durften die Profis nicht mehr als 1.200 Mark pro Monat verdienen. Eine Ausnahme bildeten allerdings die Topstars, deren Spitzenverdienst bei 2.500 Mark lag.

07.04.1966, Hamburg: Hamburgs Stürmer Charly Dörfel (r) schießt auf das Bayern-Tor, Libero Franz Beckenbauer (l) hat das Nachsehen, HSV-Mittelstürmer und Kapitän Uwe Seeler (M) schaut der Aktion zu. Am 18.09.2019 feiert Dörfel seinen 80. Geburtstag. (zu dpa „Spieler und Clown: HSV-Legende «Charly» Dörfel wird 80“

Bundesliga: NDR-Doku zeigt Rückblicke und zeitgenössische Filmaufnahmen

Neben den Rückblicken und dem Vergleich mit der Gegenwart liegt der große Reiz der Dokumentation natürlich in den zeitgenössischen Filmaufnahmen. Das gilt zwar auch für die vielen Tore, die vor allem Seeler wie am Fließband schoss, aber viel aufschlussreicher sind die Interviews, in denen die Spieler wie verschüchterte Schulbuben wirken. Die Kommentare aus den damaligen Reportagen offenbaren zudem eine klare Rollenverteilung: Anders als heute war Fußball Männersache, auf dem Platz wie auf den Rängen. In einer Reportage aus dem Kohlenpott heißt es, die kleinen Jungs träumten von der Bundesliga; den Mädchen bleibe nur die Hoffnung, einen Profi abzubekommen. Das immerhin hat sich geändert, denn heutzutage gilt für alle: Fußball ist „besser als Shakespeare, spannender als Hitchcock, berauschender als Rosenmontag.“ (Von Tilmann P. Gangloff)

Der Start der Fußball-Bundesliga 1963. Aufbruch in ein neues Zeitalter. Samstag, 01. August 2020, 14:00 Uhr, NDR.

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