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In der Maske.

Kino

Stars werden geboren

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Der Film „Lampenfieber“ über das junge Ensemble des Friedrichstadt-Palastes erzählt vom Aufwachsen heute.

Der Friedrichstadt-Palast in Berlin wirbt auf Plakaten mit einem Las-Vegas-Vergleich und prahlt bei jeder neuen Inszenierung damit, dass sie noch aufwendiger und teurer geworden ist als die vorherige. Nun kommt ein Dokumentarfilm über die Berliner Showbühne in die Kinos, der wenig mit diesem Höher-Schneller-Weiter zu tun hat. Er lenkt den Blick auf das 280 Mitglieder umfassende junge Ensemble. Das ist auch für Menschen interessant, die keine Lust auf Glitzershows haben. Der Palast ist nur der Rahmen für Erzählungen aus dem Leben von Kindern und Jugendlichen heute.

Alice Agneskirchner und ihr zweiter Kameramann Jakob Stark kommen den Mädchen und Jungen so nah, dass nicht nur Mimik und Gestik genau zu studieren sind (der Schreck beim Spagat, der Wackler im Sprung), sondern auch Aussagen ohne Scheu fallen. Fast ein Jahr begleiteten sie das junge Ensemble von der Aufnahme neuer Mitglieder bis zur Premiere der Show „Spiel mit der Zeit“. Das beginnt mit einer betulichen Stimme aus dem Off, die zum Casting einlädt zu eher ernüchternden Bildern von der Erstbeschau. „So, ihr Lieben, ihr habt es nicht geschafft“, schmettert die Direktorin Christina Tarelkin einer Gruppe kleiner Mädchen entgegen, von denen zwei sogleich weinend in sich zusammenknicken. Versagen ist hart.

Doch aus dem Gewimmel im Ballettsaal und auf den Fluren treten nach und nach ein paar Protagonisten hervor. Nick träumt von einem großen Auftritt, seit er vier Jahre alt war. Bei den ersten Tests will die Gesangslehrerin kaum glauben, dass der Elfjährige so eine hohe Stimme hat. Später fragt seine Mutter sensibel nach, ob er Angst habe, dass ihm etwas nicht gelingen könnte. Wie groß seine Sehnsucht nach Bestätigung wirklich ist, kann man bald spüren. Und auch, was ihm die Nähe zu seiner Mutter bedeutet, die gegen eine Krankheit kämpft.

Maya, die mit ihrer Familie aus Syrien gekommen ist, macht ihre Eltern glücklich und würde ihre Freude gern noch mit der Oma teilen – die ist nur via Skype zu sehen. Einmal erleben wir sie und die Eltern mit der Leiterin des jungen Ensembles und der Schauspiellehrerin im Gespräch. „Wo siehst du dich in zwei Jahren“, fragt die Chefin wie beim professionellen Coaching.

Der Film folgt seinen jungen Helden in Ruhe, deren Lehrmeister wirken dabei zwangsläufig wie Antreiber. Sie müssen den Zeitplan einhalten, denn auch die Kinderrevue wird auf der großen Bühne aufgeführt – der größten Theaterbühne der Welt. Der technische und gestalterische Aufwand ist hoch. Die Kinder müssen bis zur Erschöpfung Schritte wiederholen, Geschwindigkeit steigern, nachlässig gesprochenen Text mit mehr Ausdruck ausstatten. Die Szene, da viele hoffnungsvolle Jungen und Mädchen, die zum Casting antraten, aussortiert wurden, mag für den Zuschauer schnell vergessen sein. Die Trainierenden wissen aber, dass es auch von ihnen nur die besten zur Premiere schaffen. Dafür müssen sie zwei, drei Mal die Woche nach der Schule zur Tanz-, Schauspiel- und Gesangsprobe in der Friedrichstraße fahren.

Splitterkurze Momentaufnahmen von Berlin sollen vielleicht das Vergehen der Zeit zeigen, bleiben aber touristisch blank. Experimente in Bildgestaltung, Abfolge oder Schnitt versucht Agneskirchner gar nicht erst. Das mag man aus filmkritischer Sicht langweilig finden, spricht aber für die Haltung der Regisseurin den Protagonisten gegenüber, als sollten nur die sich profilieren.

Oskar zum Beispiel kommt fast an seine Grenzen. Der 13-Jährige hat nebenher regelmäßig seinen Youtube-Kanal mit Schmink- und Modetipps zu bestücken, seine Follower erwarten das. „Es gibt auf der Welt zwei Arten von Menschen“, sagt er, „nicht Mädchen und Jungen, sondern Charaktere und Kopien.“ Oder: „Mir ist es wichtig, anders zu sein, weil ich nicht normal sein möchte.“ Dieser schmale Junge, der seine Haare mal lila, mal hellblau färbt, ist auch ein Produkt seiner Zeit, in der jeder ohne Bühne zum Star werden kann. Bei ihm fragt man sich schon, wo er in zwei Jahren steht.

Alex, bereits 16 Jahre alt, sagt selbst, dass sie gespannt sei, was aus ihr werde. Vor zwei Jahren ist ihre Mutter gestorben. Man sieht an den Aufnahmen bei ihr zu Hause, wie sehr der Verlust noch schmerzt, sieht auch, wie gut ihr Verhältnis zu ihrem Vater ist. Beide kommen den Zuschauern sehr nahe. Die Musik, das Tanzen, das sei immer mit ihrer Mutter verbunden gewesen, sagt Alex. Eigentlich gehe sie auch für sie auf die Bühne.

Vor 15 Jahren kam ein Dokumentarfilm über die Zusammenarbeit der Berliner Philharmoniker mit Kindern und Jugendlichen verschiedener Länder heraus: „Rhythm Is It!“ Er zeigte die Wirkung von sogenannter Hochkultur auf junge Menschen ohne Vorerfahrung damit: Kunst als Bildungserlebnis. Da scheint der Vergleich zu „Lampenfieber“ sehr fern zu liegen. Der Friedrichstadt-Palast will die Träume von Massen befriedigen, einen Genuss erzeugen, den sich das Publikum nicht erarbeiten muss.

Die Kinder in diesem Film sind nicht Teil eines hehren Bildungsprojekts, sondern sie haben sich mit ihren Eltern für eine Art der Freizeitgestaltung entschieden. Und doch ist auch dies ernstzunehmende Kinder- und Jugendförderung. Unterhaltungskunst vermag zu berühren, für Nick zum Beispiel ist das alles „magisch“. Die spezielle Mischung aus Disziplin und Spaß, das Gefühl, über sich hinauszuwachsen, bringt den Helden dieses Films viele glückliche Momente. Sie werden sich bei der Verwirklichung ihrer Träume auch ihrer selbst gewiss. Das ist spannend und macht froh.

Lampenfieber.D 2019. Regie und Drehbuch: Alice Agneskirchner. Dokumentarfilm. 92 Minuten.

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