+
Debbie McWilliams weiß, wie das Geschäft läuft.

Interview

Stars kann jeder

Die britische Casting-Agentin Debbie McWilliams spricht im Interview über ihren Job und was es überhaupt bedeutet Talente aufzustöbern.

Abseits des roten Teppichs sieht man auf der Berlinale selten so viele junge schöne Menschen auf einem Haufen wie an diesem trüben Sonntagnachmittag im Hotel de Rome. Der Anlass: eine Podiumsdiskussion zur Rolle der Schauspieler in der Filmindustrie. Vorn sitzen international erfolgreiche Casting Directors und Agenten, im Publikum die jungen aufstrebenden Talente, die so gerne endlich mal entdeckt würden. Die Branche wird von schlagfertigen Damen mittleren Alters geprägt. Am Ende der Veranstaltung nehmen einige junge Talente den häufigsten Ratschlag „Kontakte knüpfen!“ wörtlich.

Gut frisiert und artig lächelnd drängen sie sich vor allem um eine Dame. Ihr Name ist McWilliams, Debbie McWilliams. Keines der Bond- Girls, das nicht von ihr gecastet wurde. „Skyfall“ war ihr achter Bond-Film. Die Frage, wie man sich am besten bewirbt, wird ihr unzählige Mal gestellt. „E-Mail“, antwortet Debbie McWilliams ermattet und nimmt dann doch die Visitenkarte des jungen Mannes entgegen, der ihr vor der Toilette aufgelauert hat, um einen persönlichen Eindruck zu hinterlassen.

Frau Mc Williams, ist das klug, Ihnen so hinterherzusteigen?

Nein, das ist es gewiss nicht. Und auch das mit den E-Mails ist, ehrlich gesagt, so eine Sache. Ich versuche, die alle zu lesen, aber das schaffe ich einfach nicht. Und ich muss dazu sagen, dass ich fast noch nie jemanden auf Basis einer Mail gecastet habe.

Was ist also zu tun, um eine der vielen Hundert Auserwählten zu sein, die für eine Rolle im nächsten 007-Streifen überhaupt vorsprechen dürfen?

Besorg dir einen verdammt guten Agenten! Es ist doch so, dass nur diejenigen eine Mail schicken, die keinen Agenten gefunden haben. Und dafür muss es doch einen Grund geben, nicht wahr?

Ja, das klingt einleuchtend.

Stimmt aber eben nicht zu 100 Prozent. Denn Bérénice Marlohe, die Séverine in „Skyfall“, hätte ich ohne ihre Mail niemals gefunden ... Sie ist allerdings eine Ausnahme.

Sie haben ihr Video gesehen, und das hat Sie gleich umgehauen, läuft das so?

Sagen wir’s lieber so: Sie war die richtige Besetzung für diese spezielle Rolle. Das ist noch so ein Missverständnis zwischen Casting-Agenten und Schauspielern. Wir sind durch die Rollenbeschreibung sehr eingeschränkt.

Wie finden Sie also das richtige Girl für die Rolle?

Ja, wie findet man das umwerfendsten Mädchen der Welt? Die Erwartungen sind ziemlich hoch. Ich muss mich ja jedes Mal selbst übertreffen. Sie muss glamourös genug sein, gut genug Englisch sprechen, und natürlich eine richtig gute Schauspielerin sein. Bei Skyfall musste es ein orientalischer Typ sein. Irgendwo da draußen läuft diese Person rum und ich muss sie finden – die Nadel im Heuhaufen.

Sie casten auch für andere Filme, da arbeiten Sie mit bekannten Schauspielern zusammen ... Tilda Swinton, Kenneth Branagh oder Daniel Day-Lewis.

Oh ja, aber Stars casten, das kann jeder. Dazu braucht man keinerlei Talent. Richtig Spaß machen doch die neuen Leute.

Haben Sie schon mal jemanden in der U-Bahn entdeckt?

Nein, warum sollte ich dort nach jemandem suchen?

In Deutschland geht unter Schauspielern das Gerücht, die digitale Technik fordere andere, frischere, natürliche Gesichter vor der Kamera.

Ach tatsächlich? Ich denke, das ist eher eine Frage des richtigen Make-ups.

Interview: Marijke Engel

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion