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Cast von „Stadtgeschichten“ mit Olympia Dukakis.

„Nächste Folge“

„Stadtgeschichten“ auf Netflix: Ein politisches Signal

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Netflix sorgt mit einer neuen Staffel von Armistead Maupins „Stadtgeschichten“ für ein Wiedersehen mit der queeren Hausgemeinschaft in der Barbary Lane - und sendet nebenbei eine Botschaft an Donald Trump.

Die fiktive Adresse 28 Barbary Lane im noblen Stadtteil Russian Hill im Norden von San Francisco gilt dem queeren Teil Amerikas als Synonym für Freiheit und Emanzipation, ein Ort, an dem Lesben, Schwule, Bisexuelle, Trans-Personen und ja, auch Heteros selbstbestimmt ihre Identitäten suchen, finden und leben können. In den 1970er Jahren hat der Schriftsteller Armistead Maupin das Anwesen erstmals zum Schauplatz seiner „Tales of the City“ („Stadtgeschichten“) gemacht und seither in insgesamt neun Romanen den Lebensstil einer Metropole der Vielfalt beschrieben – ohne Klischees, ohne die Reduzierung der Protagonisten auf den kleinsten gemeinsamen Nenner und ohne die dunklen Zeiten auszulassen, die die schwule Community San Franciscos erleben musste, darunter der menschenverachtende Umgang der Reagan-Ära mit der Aids-Epidemie.

Die Hausgemeinschaft, die die charismatische Vermieterin Anna Madrigal in ihrem Apartmentkomplex in der Barbary Lane um sich schart, ist zur Ersatzfamilie für unzählige Fans geworden. Über einen Zeitraum von vier Jahrzehnten verfolgen sie die Schicksale des schwulen Romantikers Michael „Mouse“ Tolliver, der viele Freunde durch Aids verliert und selbst HIV-positiv ist, von Hippie Mona Ramsey, die auf Frauen und Männer steht und in der Trans-Frau Anna Madrigal ihren leiblichen Vater entdeckt, von der schüchternen Mary Ann Singleton aus Cleveland, die in das pralle Leben San Franciscos katapultiert wird, in der Barbary Lane Aufnahme findet und in ihrem Nachbarn Brian Hawkins ihren späteren Ehemann.

Aus dem Stoff entstanden ein Musical und mehrere Fernsehserien, nun produzierte Netflix die dritte Fortsetzung – und sorgt darin für ein Wiedersehen mit Darstellerinnen, die schon in der ersten Mini-Serie 1993 dabei waren, allen voran Laura Linney („Tatsächlich ... Liebe“). Sie spielt Mary Ann, die nach langer Abwesenheit in die Barbary Lane zurückkehrt, wo Ex-Mann Brian (Paul Gross) ihr mit zynischer Feindseligkeit begegnet. Kaum mehr Zuneigung erfährt sie von Shawna (Ellen Page), Brians Tochter. Ihr fällt es schwer zu verzeihen, dass sie im Alter von zwei Jahren von einer Frau verlassen wurde, die sie noch immer für ihre leibliche Mutter hält. „Mouse“ (Murray Bartlett) hingegen, in der Barbary Lane grau und nachdenklich geworden, nachdem er „die Pest überlebt“ hat, freut sich wie ein Kind über die Rückkehr seiner alten Freundin.

Die Kolumne „Nächste Folge“ nimmt Streaming- und TV-Serien in den Blick.

Anlass für Mary Anns Besuch ist der 90. Geburtstag von Anna Madrigal. Dass die Cannabis-züchtende Vermieterin und Grande Dame der Barbary Lane auch in der vierten Serie von der inzwischen 87-jährigen Olympia Dukakis verkörpert wird, stand für Fans wie für Macher außer Frage. An dieser Stelle war das Produzententeam um Showrunnerin Laura Morelli (Autorin bei „Orange Is the New Black“) gerne bereit, von einem Prinzip abzuweichen, das als politisches Signal auch an die Trump-Regierung verstanden werden kann: Die Rollen von Homosexuellen und Trans-Personen sind weitgehend authentisch besetzt – nicht, weil Cisgender-Darsteller nicht in der Lage seien, sich in Trans-Personen hineinzuversetzen (ebenso wie umgekehrt). Es gehe vielmehr um Sichtbarkeit, erklärte der nicht-binäre Schauspieler Garcia, der in den neuen „Stadtgeschichten“ Trans-Mann Jake spielt, in einem Interview zum Start der Staffel. Solange es einen Mangel an Repräsentation und Vielfalt in der Filmbranche gebe, sei es wichtig, dass Trans-Rollen von Trans-Personen verkörpert werden. „Sobald wir nicht mehr in dieser alarmierenden Zahl getötet werden, in Armut leben, von der Regierung angegriffen werden, sobald wir unsere grundlegenden Menschenrechte haben“, so Garcia, sei es wirklich gleichgültig, wer ihre Figuren ausfülle.

Folgerichtig übernahm die Transgender-Aktivistin Jen Richards die Rolle der jungen Anna Madrigal, deren Ankunft in San Francisco nach der Geschlechtsangleichung in Rückblicken erzählt wird. In jener Zeit wurzelt auch das Geheimnis, das in der Gegenwart zur Bedrohung für die Zukunft der Hausgemeinschaft in der Barbary Lane wird ...

Armistead Maupins „Stadtgeschichten“ laufen auf Netflix. Ein Tipp für alle, die nach den zehn Episoden der aktuellen Staffel (noch einmal) sehen wollen, wie alles begann: Hier findet sich auch die erste TV-Miniserie „Stadtgeschichten“ von 1993, produziert vom britischen Channel 4 (OmU).

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