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Libyen-Talk bei Illner

Staatsmann Oskar und sein Niebel

  • Stephan Hebel
    VonStephan Hebel
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Die Welt mag aus den Fugen sein, schön und gut. Solange unser kleines deutsches Talkshow-Universum noch rotierte wie immer, waren wir beruhigt. Aber auch das ist vorbei. Maybrit Illner sei Dank, trotz des bescheuerten Titels bei ihrem Libyen-Talk.

Wer der deutschen Sprache nicht mächtig gewesen wäre, hätte keinen Unterschied bemerkt. Zwei Herren älteren Jahrgangs und zwei etwas jüngere saßen in so engem Halbkreis rund um die Moderatorin, als wäre den Bühnenbauern das Sperrholz ausgegangen. Sie gestikulierten, schrien herum und durcheinander, zu stoppen nur gelegentlich im Zehn-Minuten-Rhythmus, wenn die Regie sie zugunsten der Illner aus dem Bild nahm, die dann auch etwas sagen konnte. Alles wie immer.

Mit Ton war es wirklich ein Hammer. Oskar Lafontaine, offensichtlich heimgesucht von einem Anfall rhetorischer Altersmilde, brachte die üblichen (und guten!) Argumente für deutsche Enthaltsamkeit. Auf die dümmliche Boulevard-Sprache des Titels („Gaddafi ohne uns – ist Deutschland ein Drückeberger?“) ließ sich der Linke gar nicht ein, machte statt dessen erfolgreich den nachdenklich-staatsmännischen Kritiker nebst Verständnis für abweichende Meinungen. Einerseits: „Ich unterstelle jedem hier, dass er helfen will.“ Andererseits: der Hinweis auf die wiederholte Aufrüstung von Diktatoren und Terroristen, die man hinterher nur wegbomben zu können glaubt. Auf die Beliebigkeit einer Politik, die „Millionen an Hunger sterben lässt. Den könnten wir helfen, ohne jemanden zu töten!“

Dem armen FDP-Entwicklungsminister Dirk Niebel blieb gar nichts übrig, als zuzustimmen – „auch wenn es mir körperliche Pein bereitet“. Und da er schon angefangen hatte mit der gelb-dunkelroten Koalition, haute er auf die Pauke wie ein in den Bundestag gespülter Friedenskämpfer vom pazifistischen Flügel der Linkspartei: „Es fällt auf, dass gerade die Nationen bomben, die noch Öl aus Libyen beziehen.“ Ach, wäre der Anlass nicht so traurig – man wünschte sich solches Durcheinander öfters in unseren Rechts-Links-Reißverschluss-Talkshows! Übrigens: Lafontaine antwortete postwendend mit einem Lob für die Außenpolitik von Hans-Dietrich Genscher.

Noch besser an diesem Abend: Auf der anderen Seite, bei den Befürwortern des Libyen-Krieges, saßen auch keine Doofen. Sehen wir vom CDU-Rechtsausleger Jörg Schönbohm mal ab, der nach eigener Aussage vor sechs Jahren mal auf einer Weltbank-Tagung zum Thema war, dann blieben immer noch Ulrich Kienzle, der gute alte Fernseh-Kienzle, und der in Deutschland lebende ägyptische Politologe Hamed Abdel-Samad. Es diente dem Niveau dieser Sendung, dass sie die Kritiker nicht aus der Frage entließen, ob all ihre Argumente bedeuten sollten, die Menschen in Bengasi massakrieren zu lassen. Und es machte die Schwierigkeiten dieses Themas nur noch deutlicher, dass Lafontaine und Niebel diese Frage nicht eindeutig beantworten konnten. Allerdings hatten sie den Zweifel, ob es mit Krieg nicht noch mehr Opfer gäbe als mit einer geduldigen und harten Sanktionspolitik, auf ihrer Seite.

Auch wenn man Kienzles Pro-Kriegs-Emphase, nicht einmal seine Meinung teilt: Seine ehrliche Wut, teils bis über die Grenze der Unhöflichkeit, trug zum Gelingen dieses Talk-Abends bei. Und ganz Unrecht hat er ja auch wieder nicht mit seinem Blick auf die deutsche Wahlkampf-Landschaft, selbst wenn die Attacke auf Niebel ausnahmsweise etwas ungerecht war: „Das ist deutsche Korinthen-Kackerei, und Sie sind der oberste Korinthen-Kacker-Deutschlands.“

Was diese Sendung zeigte: Fernsehen muss und sollte politische Debatten nicht ersetzen. Ein schwieriges Thema spannend auf den Punkt bringen, das kann es sehr wohl. Da darf es auch ein bisschen lauter werden.

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