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Staraufgebot beim "Altersglühen": Unter anderen daten sich Mario Adorf (u.r.), Senta Berger, Brigitte Janner, Gisela Keiner und Jochen Stern.

„Altersglühen - Speed Dating für Senioren“ (ARD)

Sprung ins kalte Wasser

Für dieses improvisierte Drama von Jan Georg Schütte konnten Stars wie Mario Adorf, Senta Berger und Matthias Habich ihrer Fantasie freien Lauf lassen.

Von Tilmann P. Gangloff

Die Idee ist nicht neu. Man nimmt eine Handvoll Darsteller, stattet jeden mit einer Basisbiografie aus und lässt sie dann aufeinander los: Das nennt sich „Scripted Reality“ und beschert den Privatsendern seit Jahren furchterregend gute Nachmittags-Marktanteile. Dass man diese Arbeitsweise auch zur Kunstform erheben kann, wenn man mit richtig guten Schauspielern arbeitet, beweist Jan Georg Schütte mit „Altersglühen - Speed Dating für Senioren“.

Weil das Experiment schon im Radio ausgezeichnet funktioniert hat (Deutscher Hörspielpreis der ARD 2011), haben WDR und NDR ihm zugetraut, aus der Idee auch einen sehenswerten Film zu machen: Ein gutes Dutzend älterer Herrschaften trifft sich zur Partnerschaftssuche. Sieben Minuten hat das jeweilige Paar Zeit, sich kennen zu lernen, dann geht der Reigen weiter. Die größtenteils prominenten Darsteller kannten nur die eigene Rolle, der Rest blieb ihrer Spontaneität und Improvisationsgabe überlassen.

Bäumchen wechsle dich

Das Ergebnis ist ein unterhaltsames „Bäumchen, wechsle dich“-Spiel, in dessen Verlauf sich verblüffend authentisch wirkende Konstellationen ergeben: Wie im wirklichen Leben wissen einige der Paare nicht viel miteinander anzufangen, während andere wie füreinander geschaffen zu sein scheinen. Auf diese Weise konnten die Schauspieler ihrer Fantasie freien Lauf lassen.

Allein die Teilnehmerliste ist schon imposant. Mit unter anderem Mario Adorf, Senta Berger, Matthias Habich, Michael Gwisdek, Angela Winkler, Jörg Gudzuhn und Christine Schorn konnte Schütte hochkarätige Mitspieler für sein Projekt begeistern. Die Akteure wiederum waren anschließend voll des Lobes, zumal die Dreharbeiten dank der Echtzeitverfilmung hochkonzentriert waren: Schütte dokumentierte die Gespräche mit 19 Kameras (Bildgestaltung: Carol Burandt von Kameke).

Im Grunde genügte ein Drehtag; am zweiten wurden nur noch ergänzende Szenen gedreht. Damit der Regisseur zwischendurch durchs Bild laufen konnte, um kleine Anweisungen zu geben, kreierte Schütte für sich selbst die Rolle des Conferenciers. Eine der Schauspielerinnen, Ilse Strambowski, kam auf die Idee, seine Mutter zu spielen, die eigentlich nur mitmacht, um mal zu sehen, was ihr Sohn so treibt. Dass sie in der Rolle fröhlich herumerzählt, er sei schwul, war allerdings nicht abgesprochen und zwang den in Filmen und Serien gern als knochentrockenes Nordlicht besetzten Schütte, ebenfalls zu improvisieren. So war das Erlebnis auch für ihn, wie Mario Adorf die Dreharbeiten beschreibt, ein „Sprung ins kalte Wasser“.

Es habe um ihn herum regelrecht „geblitzt und gefunkt“, freut sich Schütte, und das merkt man dem Film an. Am Ende hatte er gut zwanzig Stunden Material, aus dem er „hundert verschiedene Filme“ hätte schneiden können. In den zuständigen Redaktionen war man zum Glück der Meinung, es sei viel zu schade, die 1.300 Filmminuten auf 85 zu reduzieren und den Rest wegzuwerfen, also durfte Schütte noch sechs jeweils 25 Minuten lange Kurzfilme herstellen, die WDR und NDR ab morgen (13.11.) in ihren dritten Programmen zeigen werden.

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